Der Magier im Kreml

„Ich möchte nicht den Friedens-Nobel-Preis gewinnen“, sagt Vladimir Putin – das einzige Mal im Film, dass man lachen muss, weil man unweigerlich an einen anderen Imperialisten denkt, der sich so sehr nach dem Nobel-Preis verzehrt. Davon abgesehen ist „Der Magier im Kreml“ eher erschütternd, weil er so detailliert aufschlüsselt, wie das russische System umgekrempelt wurde, wie aus Jahren der Hoffnung auf Freiheit ein Wiedererstarken des Autoritarismus möglich war.

 

Über den Film

Originaltitel

Le mage du Kremlin

Deutscher Titel

Der Magier im Kreml

Produktionsland

FRA, USA

Filmdauer

152 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Assayas, Olivier

Verleih

Constantin Film Vertriebs GmbH

Starttermin

09.04.2026

 

Vadim Baranow lädt einen Journalisten zu sich ein. Er erzählt ihm sehr ausführlich, wie Moskau zu Beginn der Neunzigerjahre war und wie er selbst von einem Kunstliebhaber zu einem Mann im politischen Betrieb wurde, der als Wegbereiter von Vladimir Putin zu sehen ist, der das neue Russland maßgeblich mitgestaltet hat und der in die Wege leitete, was nötig war, um im Ukraine-Krieg zu enden. Der Film selbst endet bereits vorher. Die Geschichte ist im Jahr 2019 angesiedelt, beginnt aber zwei Jahrzehnte vorher und zeigt – in Kapitel unterteilt – die wichtigen Stationen dieses politischen Aufstiegs.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Giulano da Empoli, der in mehreren europäischen Ländern zum Bestseller wurde. Vielleicht auch deswegen, weil er auf einfach zu verstehende Weise darlegt, wie Putin nicht nur an die Macht kam, sondern wie diese auch über Jahrzehnte gefestigt wurde – bis alles in dem Russland endete, das man heute kennt, dem größten Gefängnis aller Zeiten, wie eine der Figuren desillusioniert betont. Die Figur des Vadim Baranow ist fiktiv, ist aber inspiriert von Wladislaw Surkow, der als graue Eminenz des Kremls galt.

Man ist sich nie sicher, wieso Baranow tut, was er tut. Er möchte ein Mensch seiner Zeit sein, sie bestimmen und nicht nur zusehen, was passiert. Das ist vielleicht das eine, das andere ist, dass er Blut leckt, dass Politik für ihn das einzige Spiel ist, das spielenswert ist. Auch versteht er sich als Patriot, der Russland den Platz zuschanzen möchte, der ihm seiner Meinung nach gebührt. Was auch immer es ist, er ist die verkommenste Figur in diesem Spiel, und das noch mehr als Putin. Man müsste ihn verabscheuen und doch ist man fasziniert, ihm zuzuhören und zu sehen, wie er die Historie bewegt und bestimmt hat. Paul Dano spielt schlichtweg brillant. Er spricht leise, langsam, zurückhaltend, als ob er jedes Wort auf die Waagschale werfen würde. Es ist eine Art des Sprechens, die das Gegenüber verleiten soll, ihn zu unterschätzen. Man könnte sogar sagen, auch wenn der Film Monate vor Quentin Tarantinos Einlassung, mit der er Dano als schlechten Schauspieler geschmäht hat, gedreht wurde, dass diese Performance ein gepflegtes „Fuck You“ ins Gesicht des exzentrischen Regisseurs ist.

„Der Magier im Kreml“ wiederum ist eine Regie-Arbeit von Olivier Assayas, der sich hier einmal mehr als exakter Beobachter zeigt. Das Geschehen von mehr als 20 Jahren in zweieinhalb Stunden zu kondensieren, ist nicht leicht. Assayas und seinem Ko-Autor Emmanuel Carrère gelingt es fast mühelos. Sie treiben ihre Handlung konsequent voran und zeichnen dabei nicht nur das Psychogramm eines Möglichmachers, sondern auch das eines Machtmenschen, den alle unterschützt haben: Putin. Der taucht erst nach 45 Minuten auf. Jude Law spielt ihm und sieht dem Despoten zum Verwechseln ähnlich. Auch hier gilt: eine meisterhafte Darstellung.

Dieser Film ist zweifelsohne eines der Highlights in diesem noch jungen Jahr, aber auch einer, der es wohl an der Kinokasse nicht leicht haben wird. Denn wie schon bei „The Apprentice“ über Donald Trump im Jahr 2024 gilt auch hier: Wer möchte schon einen Film über einen derart widerlichen Menschen sehen, wenn man ohnehin in den Nachrichten ständig mit ihm konfrontiert wird?

 

Peter Osteried

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