Der Mohnblumenberg

Auch mit seinem zweiten Film „Der Mohnblumenberg“ schafft es Goro Miyazaki noch nicht, an die Klasse seines Vaters Hayao – Großmeister des japanischen Animationskinos – heranzukommen. Doch nicht zuletzt dank eines Drehbuchs seines Vaters gelingt Miyazaki Junior hier ein schöner. sehr nostalgischer, vor allem aber großartig animierter Film.

Webseite: www.universumfilm.de

Japan 2011
Regie: Goro Miyazaki
Buch: Tetsuro Sayama, Keiko Niwa, Hayao Miyazaki
Animationsfilm
Länge: 90 Minuten
Verleih: Universum/ 24 Bilder
Kinostart: 21. November 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Japan 1963. Das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt zwar schon 18 Jahre zurück, doch in der Moderne ist das Land noch nicht angekommen. Die im nächsten Jahr anstehenden Olympischen Sommerspiele versprechen jedoch frischen Wind in die verkrustete Gesellschaft zu blasen und althergebrachte Traditionen über den Haufen zu werfen. Auch der Kulturclub einer Schule in der Hafenstadt Yokohama steht vor der Aufgabe, sich zu modernisieren, ohne seine lange Tradition zu vernachlässigen.

Einer der Anführer des „Quartier Latin“ genannten Clubhauses ist Shun, der wie ein Wirbelwind durch die Straßen der Stadt fegt. Dabei lernt er eines Tages seine Mitschülerin Umi kennen, die in der Pension ihrer Großmutter lebt. Jeden Morgen hisst Umi eine Fahne, in der Hoffnung, dass ihr im Koreakrieg verschollener Vater zurückkehren wird. Dass auch ihre in den USA studierende Mutter abwesend ist, macht ihr Leben nicht leichter, doch die Begegnung mit Shun verändert alles.

Gemeinsam mit ihren Mitschülern kämpft das ungleiche Duo um den Erhalt des Clubhauses, dass dem Bestreben nach Erneuerung weichen soll, die im ganzen Land grassiert. Doch nicht nur der Kampf um den Erhalt des „Quartier Latin“ beschäftigt Shun und Umi, bald entdecken sie Familienverbindungen, die weit in die Vergangenheit reichen.

In die Fußstapfen eines Vaters wie Hayao Miyazaki zu treten, der dank Filmen wie „Mein Nachbar Totoro“ oder „Chihiros Reise ins Zauberland“ zu den bedeutendsten Regisseuren der letzten Jahrzehnte wurde, ist eine undankbare Aufgabe. Mag sein, dass es Goyo Miyazaki daher auch gar nicht erst versucht und stattdessen Filme dreht, die denen seines Vaters inhaltlich sehr ähneln. Sein Debüt „Die Chroniken von Erdsee“ basierte auf einem europäischen Fantasy-Roman, der nun auch in die deutschen Kinos kommende Nachfolger „Der Mohnblumenberg“ ähnelt dem Werk des Vaters noch mehr.

Der Konflikt zwischen Tradition und Moderne zieht sich durch Hayao Miyazakis Werk und ist auch hier prägendes Moment. Dass die Moral der Geschichte in einer versöhnlichen Botschaft endet, die Altes und Neues verbinden will, überrascht wenig und ist dementsprechend wenig bemerkenswert. So ist es auch nicht die Geschichte, die von „Der Mohnblumenberg“ in Erinnerung bleibt, sondern die Atmosphäre. Zusammen mit Herscharen an Zeichnern und Computerkünstlern hat Goro Miyazaki eine Welt voller Detailreichtum erschaffen, voller kleiner visueller Ideen und markanter Figuren, die das Japan der 60er Jahre zum Leben erwecken.

Gerade die Szenen im Clubhaus, das eines jener typischen verwinkelten, knarrenden, fast verfallenden Häuser aus dem Miyazaki-Kosmos ist, dass hinter jeder Tür, jedem Winkel neue Überraschungen bereithält, sprühen vor visuellem Einfallsreichtum und Originalität. Auch wenn die Geschichte selbst nicht die Qualität der Animation erreicht bleibt der „Mohnblumenberg“ ein weiterer sehenswerter Film aus der Animationsschmiede Studio Ghibli, die einmal mehr zeigt, dass Zeichentrick keineswegs nur etwas für kleine Kinder sein muss.

Michael Meyns