Der Prinz und der Dybbuk

Das spannende Filmessay kreist um das Leben des Filmregisseurs und Produzenten Michal Waszynski, der im Italien der 1950er Jahre große Hollywoodfilme produzierte und Mitglied der High Society war. Ihre Spurensuche führt die beiden Filmemacher Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski quer durch Europa. Die Geschichte um diesen Mann, der in der Welt des Films zuhause war und dennoch einsam blieb, ist eng verknüpft mit seinem Hauptwerk: DER DYBBUK, bis vor wenigen Jahren der einzige komplett auf Jiddisch gedrehte Film, den Waszynski 1937 in Polen inszenierte und der ihn bis zu seinem frühen Tod nicht wieder losließ. Für das cineastisch interessierte Publikum ist die anspruchsvolle Gestaltung der Dokumentation sicherlich ebenso spannend wie der Inhalt: ein Lebensentwurf zwischen Geheimnis und Glamour.

Webseite: www.salzgeber.de

Dokumentarfilm
Deutschland/Polen 2017
Buch und Regie: Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski
Kamera: Piotr Rosołowski
Länge: 82 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 7. Juni 2018

AUSZEICHNUNGEN/PREISE:

2017 Venedig, Preis für den besten Dokumentarfilm: Venice Classics Award

FILMKRITIK:

Mittlerweile gibt es nur noch wenige Filmfans und ein vermutlich immer kleiner werdendes Häuflein von Cineasten, die überhaupt seinen Namen kennen: Michal oder Michael Waszynski, genannt „Der Prinz“, war bis 1939 einer der produktivsten Filmregisseure Polens und wurde nach dem Krieg zu einer der schillerndsten Gestalten der italienischen Filmszene.
 
Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski beginnen ihre Recherchen in Rom, wo Waszynski viele Jahre lebte. Anhand eines alten Fotos finden sie Hinweise, die sie in die heutige Ukraine führen: Dort kam er 1904 als Mosche Waks und als Mitglied der polnisch-jüdischen Community in einem kleinen Dorf zur Welt. Sein Lebenslauf ist eng verknüpft mit der Geschichte Europas im 20. Jahrhundert: Er ging nach Warschau, fand Eingang in die Film- und Theaterszene, spielte in einigen Stummfilmen mit und zog nach Berlin, wo er als Assistent für F. W. Murnau arbeitete, zwischendurch konvertierte er zur katholischen Kirche und nahm seinen neuen Namen an. In den 30er Jahren arbeitete er höchst produktiv als Film- und Theaterregisseur. Er drehte den Spielfilm DER DYBBUK, ein Fantasy-Drama in jiddischer Sprache vor dem Hintergrund eines bekannten jüdischen Mythos, im Jahr 1937. Auf der Flucht vor dem Holocaust wurde er zu einem Mitglied der polnischen Exilarmee, er filmte die Schlacht von Monte Cassino 1944 und blieb nach dem Krieg in Italien. Dort drehte er mit allen Größen des italienischen Films, er produzierte viele Filme in Italien und Spanien, darunter EL CID und DER UNTERGANG DES RÖMISCHEN REICHES (THE FALL OF THE ROMAN EMPIRE). 1965 starb Michael Waszynski an einem Herzinfarkt.
 
Mit großer Akribie spüren Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski dem Menschen nach, der sich hinter der Fassade des „Prinzen“ verbarg. Dabei helfen ihnen vor allem seine Tagebucheinträge und sein großer Film DER DYBBUK, der ihn sein ganzes Leben lang beschäftigte, vielleicht sogar verfolgte. Ausschnitte aus diesem Film, oft expressionistisch gestaltet und voller Melancholie und Dramatik, sind ein wichtiges Gestaltungsmittel für das Filmessay, das durchaus herausfordernd von seinem Publikum einiges Mitdenken erwartet. Das Leben Waszynskis wird dabei beinahe so geheimnisvoll wie der Film, der heute einen besonderen Status hat, auch weil er komplett in jiddischer Sprache gedreht wurde. Immer dichter rücken die Filmemacher an sein Leben heran, und je mehr sie erfahren, desto geheimnisvoller wird es. Michal Waszynski erweist sich im Verlauf des Films immer stärker als Meister der Tarnung, ein unsteter Mensch, einsam und von dauernder Verfolgung gezeichnet. Er war wohl sehr charmant, ist zu erfahren: ein Gentleman mit ausgezeichneten Manieren, stets exquisit und schick gekleidet. Beruflich war er ein filmbesessener Perfektionist, der ganz in seiner Arbeit aufging. Er blieb zeitlebens ein unruhiger Geist, von Selbstzweifeln gequält, möglicherweise aufgrund seiner Homosexualität. Er war gezwungen, ein lebenslanges Versteckspiel zu führen, was sich auch auf sein Privatleben auswirkte. Seine Ehe mit einer italienischen Adligen bestand wohl nur auf dem Papier, er war sein Leben lang einsam. Viele Fotos zeigen ihn mit Filmstars der 50er und 60er Jahre: ein liebenswürdiger Herr, groß gewachsen und von sehr aufrechter Haltung. Gern umgab er sich mit Glamour, doch niemand durfte hinter die Fassade blicken. Erst jetzt, mehr als 50 Jahre nach seinem frühen Tod, haben Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski dem fast vergessenen Filmkünstler ein filmisches Denkmal gesetzt.
 
Vermutlich wird das anspruchsvolle, intelligent gemachte Filmessay mit den zahlreichen Ebenen von Zeit und Raum, mit Filmausschnitten, Interviews und Fotodokumenten vor allem ein cineastisch interessiertes Publikum ansprechen. Aber dies ist keinesfalls ein Nischenfilm, auch wenn die künstlerische, beinahe literarische Ausführung das nahelegt. Vielmehr handelt es sich um eine wirklich spannende Biographie, deren Tragik sich aus der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und aus dem persönlichen Schicksal eines Mannes entwickelt, für den die Bilder seines Opus Magnum immer mehr Symbolkraft entwickelten, je älter er wurde.
 
Gaby Sikorski