Der Schaum der Tage

Michel Gondry ist ein Träumer und Bastler mit unverkennbarem Stil. Mit „Der Schaum der Tage“ zaubert der französische Regisseur einmalige surreale Bilderwelten auf die Leinwand. Seine verspielt-elegische Liebesgeschichte nach Boris Vians gleichnamigem Kultroman verführt mit ganz eigenem Charme, poetisch, sanft und detailverliebt. In der magisch inszenierten Geschichte glänzt Frankreichs derzeitige Schauspielelite, angefangen von Roman Duris über Shootingstar Omar Sy bis hin zur „fabelhaften Amelie“ Audrey Tatou und last but not least Gad Elmaleh. Ein visuelles Feuerwerk, für alle, die das Träumen nicht verlernen möchten.

Webseite: www.derschaumdertage.de

Originaltitel: L’écume des jours
Frankreich 2012
Regie: Michel Gondry
Buch: Michel Gondry, Luc Bossi, nach dem Roman von Boris Vian
Darsteller: Romain Duris, Audrey Tautou, Gad Elmaleh, Omar Sy, Aissa Maiga, Charlotte le Bon, Sacha Bourdo
Länge: 94 Minuten
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 3. Oktober 2013

PRESSESTIMMEN:

"Ein Fest der abstrusen Ideen, das mit Audrey Tautou mitten ins Herz trifft."
Stern

FILMKRITIK:

Regisseur Michel Gondry entführt in eine surreale Welt zwischen Tristesse und Romantik. Seine elegisch märchenhafte Liebesgeschichte gleicht einer agisch poetischen Achterbahnfahrt. Ebenso wie die literarische Vorlage, des gleichnamigen Kultromans des visionären Autors und Jazzmusikers Boris Vian, sprüht der geniale Franzose vor visuellen, skurrilen Einfällen, die verzaubern. Dabei investiert er seine kreative Energie nicht in Gigantomanie a la Hollywood. Ganz ohne Green Screen verlässt sich der 50jährige nicht auf digitale Postproduktion. Seine Effekte wirken quasi handgemacht. Geschickt arbeitet der innovative Filmemacher, der sich mühelos zwischen verschiedenen Genres bewegt, mit optischen Täuschungen und liebevoll gemalten Kulissen.

„Einen Fuß in Michels Universum zu setzen, bedeutete mir sehr viel“, betont nicht zuletzt deshalb Hauptdarsteller Roman Duris. Nicht ständig vor einer grünen Leinwand agieren zu müssen, war dem 39jährigen Sohn eines Architekten wichtig. Und tatsächlich gelingt es ihm in Gondrys phantastischem Kosmos die Figur des charmanten Tagträumers und Lebemann Colin auf der Leinwand zum Leben zu erwecken. Auf der Suche nach der ganz großen Liebe trifft der Jazzfan die zarte Chloe (Audrey Tautou). „Sind sie von Duke Ellington arrangiert“, stammelt er unbeholfen, als er seiner Angebeteten auf einer Cocktailparty endlich begegnet.

Bald schon schwebt das Paar überglücklich wie auf einer verzauberten Wolke in einer gläsernen Gondel über Paris. Doch kaum ist ihre schillernd-schräge Hochzeit vorbei, beginnt Chloé zu kränkeln. Selbst Nicolas (Omar Sy), Colins loyaler Butler, ist ratlos. Ebenso wie sein bester Freund Chick (Gad Elmaleh), der ständig bankrotte Anhänger des berühmten Existentialisten Jean-Sol Partre. Denn unaufhaltsam wächst in Chloes Lunge eine Seerose. Um die ärztliche Behandlung bezahlen zu können, muss Colin in einer beklemmend-bizarren Metropole immer absurdere Arbeiten annehmen. Die gemeinsame Wohnung verfällt zunehmend und der Freundeskreis bricht auseinander. Das neuzeitliche Romeo-und-Julia-Paar, wird aus seinem Wunderland des Surrealismus vertrieben.

Fast visionär zeigen diese letzten Szenen suggestive, expressionistische Bilder einer entmenschlichten Arbeitswelt, die den Zuschauer bannen. Aus den zunehmend beklemmenden Dekors weicht die Farbe. Selbst mit dieser tragischen Wendung bleibt Gondry dem Roman treu, der auch als melancholische Kritik am gierigen Fortschrittsglauben verstanden werden kann. Sein düsteres, retro-futuristisch gespenstisches Szenario, das Menschen vereinsamen lässt, erinnert am Ende fast an Fritz Langs legendäre Industriestadt Metropolis aus dem gleichnamigen monumentalen Stummfilmklassiker. Für Autor Boris Vian freilich, der mit dem Buch auch seiner unstillbaren Jazzleidenschaft nachhaltig Ausdruck verlieh, handelte „Der Schaum der Tage“ in erster Linie von den zwei Dingen, die allein im Leben zählen: die Musik von Duke Ellington. Und die Liebe in all ihren Spielarten.

Luitgard Koch

In Frankreich ist Boris Vian 1946 erschienener Roman „Der Schaum der Tage“ Schullektüre, in Deutschland dagegen kaum bekannt. Das hat den Vorteil, dass man Michel Gondrys quirlige Adaption der tragischen Liebesgeschichte ganz unvoreingenommen sehen kann. Voller visueller Einfälle ist „Der Schaum der Tage“ mit seinen surrealen Bilderwelten vor allem geprägt von seinem Stilwillen.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Colin (Romain Duris) lebt ein unbeschwertes Leben in Paris, finanziell versorgt, doch die Liebe fehlt. Auf einer Party lernt er Chloé (Audrey Tautou) kennen, verliebt sich unsterblich und heiratet sie. Doch schon nach der Hochzeitsreise beginnt Chloé zu kränkeln: Eine Blume hat sich in ihrer Lunge festgesetzt, die langsam wächst und unausweichlich zu ihrem Tod führt.

Um aus so einer gleichzeitig rudimentären wie klassischen Geschichte einen abendfüllenden Film zu machen (der in der französischen Originalversion 125, in der gekürzten deutschen bzw. internationalen Fassung nur noch 94 Minuten lang ist), bedarf es viel Phantasie. Besonders, da es sich bei der 1946 erschienenen Romanvorlage um eine surrealistische Erzählung handelt, die mit bunten, blumigen, verrückten Metaphern und Allegorien nur so um sich schmeißt und ein völlig fiktives, verfremdetes Paris entwirft. War Boris Vians Roman bei Erscheinen noch weitestgehend unbeachtet geblieben, entwickelte sich die kurze Erzählung des auch als Jazzmusiker, Schauspieler und Chansonier aktiven Vian, der schon 1959 mit nur 39 Jahren verstarb, in den 60er Jahren zu einem Kultbuch.

Es überrascht also kaum, dass Michel Gondry seine Adaption in einem zwar zeitlosen Paris ansiedelt, dass aber mehr als alles andere doch an die 60er Jahre erinnert und etwa Vergleiche zu Louis Malles Verfilmung von „Zazie in der Metro“ hervorruft. Moderne Technik gibt es jedenfalls nicht, dafür all die mechanischen Gadgets, die Gondry liebt und die er in seinen zahllosen Musikvideos und späteren Spielfilmen aufs immer Neue variiert hat. Und so wirken viele der Bildeinfälle in „Der Schaum der Tage“ dann auch wie bekannte Bilder des Gondry-Universums: Aus Watte gebastelte Wolken, Essen, das sich in altmodischer Stop-Motion Animation auf dem Tisch bewegt, skurril verzerrte Gliedmassen, ein Fernsehkoch, der durch die Mattscheibe Gewürze reicht und vielerlei mehr.

Das ist oft toll anzusehen, doch zwischen all den optischen Spielereien droht das Herz der Geschichte immer wieder verloren zu gehen. Abgesehen davon, dass die beiden Hauptdarsteller Romain Duris und Audrey Tautou mit ihren annährend 40 Jahren deutlich zu alt für ihre Figuren sind, die eigentlich junge, von der ersten großen Liebe übermannte Charaktere sind, lässt Gondry ihnen wenig Raum zur Entfaltung. Eingerahmt in bizarre Räume, eine organische, zunehmend verwilderte, zugewachsene Wohnung, bleiben die Emotionen zu sehr Behauptung, entfaltet sich die Kraft der tragischen Liebesgeschichte zu wenig durch die Figuren selbst.

Und auch die Zeitlosigkeit erweist sich als eher hinderlich. Im Niemandsland zwischen 1946, den 60ern und heute angesiedelt, bieten sich zwar unzählige soziale, gesellschaftliche und politische Bezüge an, doch angesichts der vielen Möglichkeiten bleibt letztlich wenig haften. Einmal mehr zeigt sich, dass Michel Gondry zwar ein enorm phantasievoller Regisseur ist, der Bilder erzeugen kann, wie kaum ein anderer, der aber davon abhängig ist, dass ihm ein guter Autor (wie etwa Charlie Kaufman zu „Vergiss mein nicht!“, dem besten Film Gondrys) ein substantielles Drehbuch schreibt, das Gondry dann mit seiner Phantasie überformen kann. Bei „Der Schaum der Tage“ geht die Rechnung nur bedingt auf: Teilweise großartige Bilder stehen einer allzu dünnen Handlung gegenüber, die auch zwei bemühte und sympathische Hauptdarsteller nur bedingt zum Leben erwecken können.

Michael Meyns