Der Tag wird kommen

We are Not Dead! Dieser ungemein kraftvolle Ausruf steht am Ende einer der verrücktesten Buddy-Komödien, die man sich vorstellen kann. Die ungleichen Brüder Benoît und Jean-Pierre Bonzini, der alte Punk und der angepasste Matrazenverkäufer, sind dabei noch weiter voneinander entfernt als ein Raumfahrer und ein Alien. Das auf internationalen Festivals gefeierte Regieduo Gustave Kervern und Benoît Delépine ist nicht erst seit „Louise hires a contract killer“ und „Mammuth“ berüchtigt für einen schrägen Humor mit Herz für die einfachen Arbeiter. Unter ihnen darf Benoît Poelvoorde, seit „Mann beisst Hund“ das genialistische Enfant terrible des französisch-belgischen Films, eine seiner krassesten Rollen spielen.

Webseite: www.dertagwirdkommen.de

Le Grand Soir
Frankreich/Belgien/Deutschland, 2012
Regie u. Buch: Gustave Kervern, Benoît Delépine
Darsteller: Benoît Poelvoorde, Albert Dupontel , Brigitte Fontaine, Areski Belkacem, Bouli Lanners
Länge: 92 Minuten
Verleih: Alamode
Starttermin: 2. Mai 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Auf dem Kopf versucht ein Mini-Irokese noch bei fortgeschrittenem Alter und rückschreitender Haarlinie den Geist des Punk hochzuhalten: Benoît Bonzini (Benoît Poelvoorde) ist ein Fremdkörper in der Vorstadt-Konsumlandschaft, die wiederum ein Fremdkörper im Universum überhaupt ist. Hier lebt Benoît, der sich den Namen seiner Wahl „Not“ in die Stirn geritzt hat, Widerstand mit kindlich naiver Anarchieaus. Dazu gehört auch, Alkohol aus billigen aber großen Dosen unter enormen persönlichen Einsatz zu vernichten. In Begleitung eines kleinen, treuen Hundes, der oft klüger wirkt als Benoît, findet er sich deshalb oft im Gebüsch des riesigen Parkplatzes wieder. Die gigantischen Einkaufsläden und Möbelhäuser auf dieser Brache des Lebens versuchen, den Eindringling mit Kameras und prekär bezahlten Überwachungskräften (großartig: Bouli Lanners!) zu kontrollieren.

Besonders fremd und befremdlich wirkt Benoîts Verhältnis zu zwei Menschen, die sich unglaublicherweise als seine Eltern herausstellen. Sowohl der Wirt des vergessenen Kartoffel-Restaurants „La Pataterie“ wie auch dessen prätentiös wirre Frau verdienten mit all ihren Schrulligkeiten einen eigenen Film. Nur Mutters Geburtstag kann Benoît noch mit seinem Bruder Jean-Pierre (Albert Dupontel), einem angepassten Betten-Verkäufer, zusammenbringen. Erst als der Spießer den Druck von Job, Familie und Konsum-Terror nicht mehr aushält und in einer grandiosen Koma-Aktion (siehe “Hangover”) ausrastet, landen die Brüder in einem Boot. Oder Einkaufswagen. Oder auf dem gleichen Parkplatz der ultimativen Ödnis.

Benoît war zwar nie ein Sympath, raubte einer Oma schon mal aggressiv den Joghurt, doch so richtig gefährlich war der kindliche Chaot nie. Jean-Pierre hingegen titscht nun als Zeit-Bombe über das Gelände. Die Hilfsversuche des Bruders machen auch aus ihm einen Punk, gezeichnet von einem üppigen Irokesen und dem neuen Kampfnamen DEAD auf der Stirn.

Mit einem geklauten Gabelstapler wird eine Landpartie der beiden zu einem Ausflug in die Poesie. Ein alter Mann, der sich umbringen will, führt ihnen ganz ernsthaft die Nichtigkeit des Lebens vor Augen. Die wilde Komödie bekommt ein existenzielles Fundament und die weiteren Wahnsinns-Taten der Brüder haben nun die volle Unterstützung des Zuschauers. Bis zum großen Akt der Rebellion, der die ganze Familie wieder vereinigt.

Diese kleine aber großartige Rebellion im Einkaufszentrum ist der fünfte und ein besonders gelungener Spielfilm des Regieduos Gustave Kervern & Benoît Deleìpine. Die beiden Drehbuchautoren, Comedians und Regisseure erfreuen sich in Frankreich insbesondere durch die TV-Sendung „Les Guignols de l’info“ großer Beliebtheit. Ihr abseitiger Humor schickte 2004 in „Aaltra“ zwei zerstrittene Rollstuhlfahrer per Roadmovie zum finnischen Hersteller des Traktors, der sie verkrüppelte. Mit einem klassischen Motorrad namens „Mammuth“ reiste Depardieu Stationen des (Arbeits-) Lebens seiner Figur ab und zeigte sich schamlos nackt und sexuell wie noch nie. Ihr Kino-Erfolg „Louise hires a contract killer“ begeisterte mit dem Widerstand entlassener Näherinnen per Waffe und unfähigem Auftragskiller (Bouli Lanners). Nun verbindet sich der ganz spezielle Spaß bei Kervern/Deleìpine mit ernster und dringend notwendiger Gesellschafts- und Konsumkritik. Das Presseheft erklärt dazu ergänzend, dass der Originaltitel „Le grand soir“ als politisch-philosophisch feststehender Begriff auf den „Vorabend der Revolution“ verweist.

Die Qualitäten des Teams sind in „Der Tag wird kommen“ wieder mannigfaltig: Es ist meisterlich darin, die Tristesse von schäbigen Kneipen und durch Stadtplaner versaute Gegenden einzufangen. Kleine Bildwitze am Rande und in den ausgesuchten Kadrierungen, herrliche Situationskomik, hintersinnig absurde Dialoge aber vor allem die perfekten Darsteller, auf die man immer wieder gerne zurückgreift. Depardieu kehrt beispielsweise als schroffer Hellseher unter Inka-Mütze wieder. Der neueste Anschlag auf „nettes“ Kino feierte in Cannes seine Weltpremiere und gewann den Spezialpreis der Jury. Treffende Sozialkritik mit Esprit und anarchischem Humor sind zum Glück NOT DEAD.

Günter H. Jekubzik

Benoit und Jean-Pierre sind Brüder. Und doch könnten sie verschiedener nicht sein. Benoit ist ein Punk, ein Penner, ein Obdachloser – allerdings nicht aus Not, sondern aus Überzeugung. Sein Hund ist sein ständiger Begleiter.

Jean-Pierre ist ein korrekt gekleideter Bettenverkäufer, Vater eines Kindes und eher allem zugetan, was „normal“ ist. Er arbeitet in einem vor der Stadt (Bordeaux) gelegenen halbindustriellen, trostlosen Peripherie-Einkaufszentrum, ist zwar als Verkäufer und mit seinen Werbeversuchen eifrig, hat aber wenig Erfolg. Auch privat.

Benoit, der sich „Not“ nennt, streift ebenfalls in dieser Gegend umher – nicht zuletzt weil die Eltern der beiden dort ein Kartoffelrestaurant führen.

„Not“ stromert herum, stibitzt, was er braucht und trickst dabei die Überwachungsanlagen aus, trifft allerhand schräge Leute, bleibt seiner anarchistischen Philosophie treu, spielt mit seinem Hund, und lässt im Übrigen fünfe gerade sein. Er will im Grunde nichts als wie weiland Diogenes in einer Röhre wohnen.

Jean-Pierre bringt geschäftlich keinen Fuß auf den Boden und wird deshalb gekündigt. Er flippt aus, haut alles kurz und klein, betrinkt sich „bis zum geht nicht mehr“ – und nähert sich den Anschauungen seines Bruders immer mehr an. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl und gegenseitiger Respekt kommen zustande.

Ein völlig improvisiertes, dramaturgisch total schwebendes, meist unter freiem Himmel spielendes, komisches, von spontanen (und teilweise wirklich guten) Einfällen lebendes Stück Film, das ohne große Produktionsfirmen und Fernsehzwänge entstanden zu sein scheint und das nicht zuletzt deshalb funktioniert, weil mit Benoit Poelvoorde als „Not“ und Albert Dupontel als Jean-Pierre zwei Darsteller am Werk sind, die ideell wie äußerlich, mit ihren schauspielerischen Fähigkeiten wie mit ihrem Humor ihre Rollen sehr gut ausfüllen.

Ganz klar auch eine schwarze Satire auf die schnöde Konsumwelt.

Thomas Engel