Der Unschuldige

Mit seinem Spielfilmdebüt „Chrieg“, das von einem Bootcamp für schwer erziehbare Jugendliche in den Bergen erzählt, setzte der Schweizer Regisseur und Drehbuchautor Simon Jaquemet gleich ein dickes Ausrufezeichen. Auch seine zweite abendfüllende Arbeit hat es in sich, sprengt Grenzen und fordert dem Zuschauer einiges ab. „Der Unschuldige“ ist ein aus dem Rahmen fallendes Drama, dessen griffige Prämisse unerwartete Entwicklungen nach sich zieht.

Webseite: www.filmkinotext.de

Schweiz, Deutschland, 2018
Regie & Drehbuch: Simon Jaquemet
Darsteller: Judith Hofmann, Naomi Scheiber, Christian Kaiser, Thomas Schüpbach, Anna Tenta, Urs-Peter Wolters, Laura Sophie Winter, Roland Aegerter
Länge: 114 Minuten
FSK: noch keine Angaben
Verleih/Vertrieb: FilmKinoText
Kinostart: 5.12.2019

FILMKRITIK:

Mit ihrem Ehemann und ihren Töchtern führt Ruth (Judith Hofmann) ein unaufgeregtes Leben irgendwo in einer Kleinstadt. Stärke zieht die Familie aus ihrer Mitgliedschaft in einer christlichen Freikirche. Der Glaube bestimmt weite Teile des Alltags, steht allerdings etwas im Widerspruch zu Ruths beruflicher Tätigkeit. Als Tierärztin arbeitet sie in einer Forschungseinrichtung und ist seit kurzem an einem möglicherweise bahnbrechenden Versuch, einer Kopftransplantation bei Rhesusaffen, beteiligt. Das Experiment – so heißt es an einer Stelle – soll helfen, die menschliche Sterblichkeit zu bekämpfen, und ist damit nichts anderes als ein massiver Eingriff in das göttliche Wirken.
 
Schon bevor der Film den Gegensatz zwischen religiösem Eifer und Wissenschaft aufmacht, gibt es Hinweise, dass es unter der Oberfläche gärt. Dass sich in Ruth etwas zusammenbraut. Nicht umsonst übergibt sie sich gleich zu Beginn während einer Messe. Grund für ihr Unwohlsein, das Gefühl, plötzlich den Halt zu verlieren, ist ihr ehemaliger Partner Andreas (Thomas Schüpbach), der einst für einen Raubmord verurteilt wurde, den er jedoch stets abgestritten hat. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis glaubt Ruth, ihn in ihrer Nähe gesehen zu haben, und schlittert langsam, aber unaufhaltsam in eine handfeste Sinnkrise.
 
Ein Ex-Häftling, der plötzlich wieder im Leben der Hauptfigur auftaucht. Und ein Verbrechen, das eventuell weniger eindeutig war, als es den Anschein hatte. Die Grundidee von Jaquemets zweitem Werk lässt ein Krimidrama vermuten, das auch die Frage der Schuld genauer ergründen wird. Tatsächlich interessiert sich der Filmemacher aber nicht für eine Spurensuche, ein Aufrollen des Falles, der dem Zuschauer durch fiktive Fernsehberichte kurz nähergebracht wird. Im Zentrum des Geschehens stehen vielmehr das Empfinden Ruths, ihre zunehmenden Zweifel und der Zusammenbruch ihrer vermeintlich heilen Welt.
 
Was beabsichtigt Andreas? Will er seinen alten Platz einnehmen? Hat Ruth ihn verraten, indem sie einfach eine Familie gegründet hat? Fühlt sie sich noch zu ihm hingezogen? Oder ist das jetzige Leben genau das richtige für sie? Und nicht zuletzt: Handelt es sich bei Andreas vielleicht um ein Trugbild? Eine Wunschvorstellung? Immerhin erhält Ruth irgendwann die Information, dass ihr Ex bei einer Reise nach Indien gestorben sei. Der Film macht es dem Publikum sicherlich nicht leicht, verlangt Geduld, kreiert dank seiner Auslassungen, seiner mysteriösen Andeutungen aber auch eine seltsam faszinierende Atmosphäre.
 
Scheinen die Bilder zunächst noch eindeutig in der Realität verankert, impft der Regisseur dem Geschehen still und leise immer mehr irritierende Momente ein. Seltsam unheimlich und außerweltlich wirkt etwa das labyrinthische Gebäude, in dem sich das Büro eines Detektivs befindet, den Ruth in der ersten Hälfte aufsucht und mit Nachforschungen betraut. Einen geisterhaften Charakter haben auch die Auftritte von Andreas, der einem Phantom gleich im Haus der Familie ein- und ausgeht. Noch mehr ins Surreale bewegt sich „Der Unschuldige“, wenn sich die Protagonistin aufgrund ihres seelisch angegriffenen Zustandes einer Teufelsaustreibung unterziehen muss. Wie ihr Ehemann und ihre Freikirchenfreunde mit ihr verfahren, ist ungemein verstörend und hat mit vertrauensvoller Zuneigung nur wenig zu tun.
 
Zusammengehalten wird das eigenwillige, thematisch vielleicht etwas überambitionierte Psychodrama durch das nuancierte, jederzeit eindringliche Spiel Judith Hofmanns. Zum einen gelingt es ihr, das Brodeln im Inneren auf subtile, zurückhaltende Weise greifbar zu machen. Zum anderen überrascht sie mit enormer Wucht in den Augenblicken, in denen Ruth ihre Beherrschung verliert, es einfach so aus ihr herausbricht. Besonders intensiv ist eine feurige Sexszene, die einen starken Kontrast zur fehlenden körperlichen Leidenschaft im Alltag der Hauptfigur bildet. Hofmanns facettenreiche Darbietung lässt den Betrachter erspüren, was es heißt, auf einmal den Boden unter den Füßen zu verlieren – und wurde bei den Schweizer Filmpreisen 2019 zu Recht mit einer Auszeichnung belohnt.
 
Christopher Diekhaus