Der wundersame Katzenfisch

Die Kritiker der FIPRESCI haben „Der wundersame Katzenfisch“ nach der Sichtung bei Festivals in Toronto und Locarno mit Preisen ausgezeichnet. Auch beim CineLatino in Tübingen, Stuttgart und Freiburg im Frühjahr 2014 hat die Geschichte über eine ungewöhnliche Familienzusammenführung begeistert. Obwohl vor einem traurigen Hintergrund spielend, gefällt das Spielfilmdebüt der Mexikanerin Claudia Sainte-Luce aufgrund seiner Figuren, die ihr Schicksal nicht zum Drama machen und dem Leben mit Leichtigkeit und Hoffnung begegnen.

Webseite: www.arsenalfilm.de

OT: Los insólitos peces gato
Mexiko 2013
Regie: Claudia Sainte-Luce
Darsteller: Ximena Ayala, Lisa Owen, Sonia Franco, Wendy Guillén, Andrea Baeza, Alejandro Ramirez Muñoz
89 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 10.7.2014
Verleih-Infos hier…

Pressestimmen:

Die gefeierte Tragikomödie "Der wundersame Katzenfisch" erzählt vom Erwachsenwerden junger Frauen. Männer sind nur als Leichen dabei oder als Stichwortgeber. Ein feministische Polemik? Nö. Einfach ein sehr guter Film.
Der Spiegel

"Mexikanische Tragikomödie über die Kraft einer Wahlfamilie – zart und lebenslustig erzählt…"
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Sie ist einsam, hat kaum Freunde, redet nicht viel, auch nicht als Promoterin in einem Supermarkt im mexikanischen Guadalajara von wahlweise Enthaarungswachs oder kulinarischen Probierprodukten – was in der Art und Weise, wie Waren hier angeboten, bzw. von Kunden „abgegriffen“ werden, realsatirische Züge trägt. Was genau der 22-jährigen Claudia (Ximema Ayala) gefällt oder auch nicht, warum sie so verschlossen ist und zurückgezogen lebt, die junge Regisseurin Claudia Sainte-Luce bleibt da im Vagen. Gleichwohl: das Rätselhafte an ihrer jungen, etwas verpeilt wirkenden Protagonistin fasziniert. Bunter wird ihr Leben erst nachdem sie wegen einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus eingeliefert wird. Im Bett nebenan nämlich liegt Martha (Lisa Owen), deren vier mitunter sehr lebhafte Kinder schon dafür sorgen, dass keine Langeweile aufkommt. Als die Familie Claudia nach der Entlassung aus dem Krankenhaus zu sich nach Hause einlädt, ist dies der Beginn einer besonderen Freundschaft.
 
Claudia ist fasziniert von dieser Familie, deren einzelne Mitglieder trotz allem ganz unterschiedliche Charakterzüge tragen und sich im unaufgeräumten Chaos ihres Zuhauses wohl zu fühlen scheinen. Es ist eine Patchwork-Familie im besten Sinn, stammen die Kinder von Martha doch von unterschiedlichen Vätern. Weil einer von ihnen Aids hatte, leidet nun auch die alleinerziehende Mutter an HIV. Doch um den Kampf gegen die Krankheit geht es Sainte-Luce allenfalls am Rande. Stark ist, wie die Krankheit nicht nur von Martha, sondern eben auch von ihren (bis auf die Älteste) noch zur Schule gehenden Kindern als Teil des Alltags und Teil des Schicksals angenommen wird. Sicher: dass Wendy einen ordentlichen Appetit hat, Mariana umgekehrt auf eine gute Figur und attraktives Aussehen großen Wert legt, das kann durchaus auch psychische Hintergründe haben. Doch auch davon will „Der wundersame Katzenfisch“ nicht wirklich etwas wissen oder dies problematisieren. Und genau das ist wohl auch das Schöne an diesem Film: er nimmt die Dinge wie sie sind, filtert daraus wahrhaftige Momente, die einen zum Lachen wie auch zum Weinen bringen können, schält die große Gabe von bedingsungsloser Liebe und Großzügigkeit heraus, ohne dabei ins Sentimentale oder Plakative abzugleiten.
 
Auch wenn Claudia sich nicht in ihre neue Rolle als Haushaltshilfe, Kinderbetreuerin und irgendwie auch als Ersatzmutter drängt, so rutscht sie doch immer mehr in diese Aufgaben hinein. Gleichwohl bleiben ihre Zweifel, ob sie dies denn selber wolle, stets sichtbar. Doch erneut: die Erzählung folgt auch hier eher Bauch- denn Kopfgefühlen – und damit Entscheidungen und Handlungsweisen, die einem nicht immer ganz schlüssig erscheinen.
 
In ihrer verträumten Art erinnert die Hauptfigur Claudia manchmal an die Schauspielerin Miranda July („Ich und Du und alle die wir kennen“), auch sie eine von Gefühlen und Überraschungen getriebene Person. In Bezug auf das eigensinnige Kinderpersonal kommt einem wiederum „Little Miss Sunshine“ in den Sinn. Die Claudia des Films ist in Teilen aber auch ein Alter ego der Regisseurin, schrieb sie das Drehbuch doch aufgrund von Erfahrungen, die sie in einer Familie mit ähnlichem Schicksal machte. „Ich bin sehr früh von zu Hause weg gegangen, mit 17 Jahren, führte ein sehr einsames Leben. Bis ich diese Familie kennenlernte mit dieser Frau, die am Sterben war und doch so viel lebendiger als ich. Das hat mich tief bewegt und auch verändert. Ich glaube, wir müssen mit dem Tod an unserer Seite schlafen, um das Leben so zu leben, wie es sein soll“, sagt die Regisseurin.
 
Die Kamerafrau Agnes Godard („Home“, „Der Winterdieb“, „Beau Travail“) betrachtet all diese Ereignisse ähnlich neugierig wie die Progagonisten sich und ihre Umwelt. Indem sie ihnen auf den Fersen bleibt, fängt sie auch deren kleine Gefühlsveränderungen und manchmal ganz unmerklich geäußerten Hilferufe nach menschlicher Nähe und Wärme ein. Martha hat gespürt, dass Claudia auf dieser Wellenlänge empfänglich ist – und sie deshalb in ihre manchmal etwas wundersame Familie aufgenommen.
 
Thomas Volkmann