Desire will set you free

Tief in den Berliner Underground taucht der amerikanische, in Berlin lebende Regisseur Yony Leyser mit seinem Spielfilmdebüt "Desire will set you free" ein. Wild, exzessiv, manchmal auch wirr ist diese schwule Liebesgeschichte erzählt. Roh, manchmal krude, mal stylisch, mal vulgär, aber immer mit viel Neugier und Lust, um die ganz speziellen Berliner Subkulturen in all ihrer Vielfalt auf die Leinwand zu bringen.

Webseite: www.missingfilms.de

Deutschland 2015
Regie: Yony Leyser
Buch: Yony Leyser, Paula Alamillo Rodriguez
Darsteller: Yony Leyser, Tim-Fabian Hoffmann, Chloé Griffin, Amber Benson, Anton Andreew
Länge: 89 Minuten
Verleih: missingFILMs
Kinostart: 5. Mai 2016

FILMKRITIK:

Ezra (Yony Leyser) ist ein typischer "Berliner", wie er sich in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts entwickelt hat: Definitiv nicht in Berlin geboren, jung, wenig Geld, süchtig nach Feiern, Drogen, Sex, Möchtegern-Künstler. Zusammen mit seiner besten Freunden Catharine (Chloé Griffin) zieht er durch das Nachtleben, hat Sex mit wechselnden Liebhabern, führt pseudo-geistreiche Gespräche und träumt eigentlich davon, seinen zweiten Roman zu schreiben. Da läuft Ezra eines Tages der aus Russland stammende Stricher Sasha (Tim-Fabian Hoffmann) über den Weg und es ist um ihn geschehen. Doch so recht kann sich Sasha nicht öffnen, zieht zwar gern mit Ezra und dessen Freunden durch die Berliner Nächte, sucht aber eigentlich noch nach dem Weg, seine wirkliche Sexualität auszuleben.
 
Unterstützt von der deutschen Filmlegende Rosa von Praunheim (der auch eine kleine Rolle spielt) stellte Yony Leyser seinen ersten Spielfilm auf die Beine, der oft wie ein Frühwerk von  von Praunheim wirkt: Roh, wild, schmutzig, voller Lust, in die Abgründe der Berliner Kunst- und Schwulenszene abzutauchen und dabei unterschiedlichste Emotionen zu erkunden. Dabei ist Leyser erzählerisch bisweilen ähnlich unbeholfen, wie es von Praunheim, aber auch andere Underground-Filmer, anfangs ihrer Karrieren oft waren: Manches wirkt gestelzt und gekünstelt, oft wird allzu explizit gesagt, worum es geht, als das es gezeigt oder angedeutet wird.
 
Doch diese rohe, manchmal krude Art ist auch die Stärke eines Films, der geradezu emblematisch für vieles ist, was sich in den letzten Jahren in Berlin abspielt. Allein, dass keine der Hauptfiguren ein Deutscher ist, erzählt viel über eine Stadt, in der es Gegenden gibt, in der so viele Menschen aus Amerika, Israel, Spanien oder anderen Ländern leben, dass man gar kein Deutsch mehr sprechen muss, ja, in der Deutsch in Bars oder Boutiquen oft gar nicht mehr verstanden wird.
 
Yony Leyser, der seit 2010 in Berlin lebt, ist selbst Teil dieser Entwicklung und reflektiert genug, dies zu wissen und in seinen – zumindest im Ansatz – autobiographischen Film einzubauen. Wenn er da etwa Cliquen beobachtet, die hochtrabende Gespräche führen, mit einer Selbstbezogenheit über ihre künstlerischen Pläne erzählen, als würden sie nächste Woche große Einzelausstellungen in London oder New York eröffnen, dann schwingt gleichzeitig Sympathie für die Ambition durch, als auch das Bewusstsein, wie sehr es sich hier meist um Luftschlösser handelt.
 
Denn da Berlin nicht nur seiner Geschichte wegen bekannt ist, sondern nicht zuletzt durch seine Party-Szene, verbringen die Figuren in Leysers Film, wie auch in der Realität vieler Zugezogener (und natürlich Einheimischer), ihre Nächte vor allem in Bars und Clubs, mit Alkohol, Drogen und Sex. So tief taucht Leyser in die Subkulturen der Stadt ab, so authentisch schildert er das Leben in den Clubs, dass "Desire will set you free" in ein paar Jahren als Beispiel herhalten könnte, wie es in bestimmten Teilen Berlins, circa 2015, zuging.
 
Michael Meyns