Detroit

Das Leben schreibt bekanntlich die besten Geschichten – und ebenso die hässlichsten. Wie jene, die sich in einem Motel während der Rassenunruhen in Detroit anno 1967 zutrug. Basierend auf wahren Begebenheiten schildert Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow in ihrem knallharten Polit-Thriller, wie eine Gruppe Afroamerikaner nach einer Razzia von weißen Polizisten in einem sadistischen Spiel gedemütigt, eingeschüchtert und misshandelt wird. Als der Albtraum vorüber ist, soll die Justiz für Gerechtigkeit sorgen. Kompromisslos wie gewohnt, inszeniert die rigorose Regie-Queen von Hollywood ihr sozialkritisches Drama mit psychologischer Präzision, souveränem Gespür für Spannung sowie visuellem Einfallsreichtum. Da dürfte es höchstwahrscheinlich wieder Oscars regnen, nicht zuletzt für das exzellente Ensemble.

Webseite: www.detroit-film.de

USA 2017
Regie: Kathryn Bigelow
Darsteller: John Boyega, Will Poulter, Algee Smith, Jacob Latimore, Jason Mitchell, Hannah Murray, Kaitlyn Dever, Jack Reynor
Filmlänge: 143 Minuten
Verleih: Concorde Filmverleih
Kinostart: 23. November 2017

FILMKRITIK:

„Change is coming!“, versucht der schwarze Kongress-Abgeordnete die aufgewühlte Menge der wütenden Demonstranten zu beruhigen. Statt dem Wechsel kommt jedoch die uniformierte Staatsmacht. 1.100 Nationalgardisten rücken in Detroit ein, um den zunehmend gewalttätigeren  Protesten im Sommer 1967 Einhalt zu gebieten. Einige der eingesetzten Polizisten nutzen das Chaos, um ihren Rassenhass auszuleben. Einem schwarzen Plünderer schießt der weiße Officer Philip Krauss (Will Poulter) kaltblütig in den Rücken. Sein Vorgesetzter reagiert auf den Vorfall lediglich mit einem kleine Rüffel: Für den rabiaten Rassisten in Uniform gleichsam die Ermutigung zum ‚weiter so!’.  
 
Eher zufällig geraten die schwarzen Musiker der „Dramatics“ in die Proteste. Sie fiebern erwartungsvoll ihrem ersten großen Auftritt entgegen. Doch dann wird der gut besuchte Club von der Polizei geräumt. Nur mit Mühe können sich Sänger Larry (Algee Smith) und sein Kumpel Fred (Jacob Latimore) im „Algiers Motel“ in Sicherheit bringen. Dort immerhin warten etwas angenehmerer Überraschungen auf das verstörte Duo: Die beiden weißen Teenie-Girls Julie und Karen aus Ohio liegen im Flirt-Modus am Pool und laden die neuen Bekannten spontan zum Essen bei ihren Freunden ein.
 
Als einer der Party-Gäste im Übermut mit einer Schreckschuss-Pistole hantiert, nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Sicherheitskräfte auf der Straße vermuten einen Heckenschützen und stürmen sofort das Gebäude. Auch Officer Krauss ist dabei mit im Einsatz. Brutal werden die Bewohner aus ihren Zimmern geholt und gegen eine Wand gestellt. Krauss verlangt von der verängstigten Gruppe die Herausgabe der Waffe. Immer massiver bedroht der Cop und seine Kollegen die Verdächtigen. Ein schwarzer Sicherheitsmann versucht die Lage im Motel zu beruhigen. Doch Krauss gibt den Scharfmacher. Mit Schlägen und Scheinhinrichtungen will er Geständnisse erzwingen. Die Lage eskaliert dramatisch. Schließlich fallen tödliche Schüsse.
 
Als der Albtraum vorüber ist, sollen die Vorfälle im Motel mit Falschaussagen vertuscht werden. Doch das Täuschungsmanöver misslingt. Philip Krauss und seine beiden Kollegen kommen vor Gericht. Auf Gerechtigkeit der weißen Jury hoffen die überlebenden Opfer und Angehörigen der drei Toten jedoch vergeblich.
 
Wie Regisseurin Bigelow, bekam auch Drehbuchautor Mark Boal für „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ den Oscar. Dafür stehen die Chancen abermals gut. Rigoros erzählt Baol dieses reale Drama, das sich vor 50 Jahren zutrug, in Form eines atmosphärisch dichten Thrillers nach und nimmt sich dabei durchaus künstlerische Freiheiten. Was in dieser Nacht tatsächlich geschah, lasse sich objektiv nicht mehr restlos rekonstruieren, betont der Abspann ausdrücklich. Erzähler sind keine Erbsenzähler, wenn die großen Linien stimmen, kann auf faktenhuberisches Klein Klein getrost verzichtet werden, ohne sich die fake news-Narrenkappe aufzusetzen.
 
Bei seinen Figuren setzt Autor Boal gleichfalls auf dramaturgische Zuspitzungen, ohne seine Typen als Karikaturen verkommen zu lassen. Der begnadete Sänger, der seine viel versprechende Karriere nach der traumatischen Nacht an den Nagel hängt, um fortan im Kirchenchor zu singen. Sein sensibler Kumpel, der den Einschüchterungen überraschend selbstbewusst widersteht. Die zwei lebenslustigen Teenager, die sich plötzlich dem grotesken „Neger-Nutten“-Vorwurf konfrontiert sehen. Schließlich das junge Cop-Trio, moralische Krüppel, die sich gerne als „Herrenmenschen“ aufspielen und fanatisch jener „white supremacy“ frönen, die im aktuellen Trump-Amerika wieder beängstigende Schlagzeilen macht. In seiner Rolle als eiskalter Babyface-Rassist in Uniform liefert der Brite Will Poulter eine schauspielerische Leistung der ziemlich erschreckenden Art.

Visuell bieten Bigelow und ihr Kameramann Barry Ackroyd ein faszinierendes Konzept, das mit nervöser Handkamera, schnellen Schnitten sowie dokumentarischen Aufnahmen das Chaos dieser gewalttätigen Proteste wie eine Kriegs-Reportage wirken lässt. Voll auf cineastisches Adrenalin setzt die Regisseurin danach bei Inszenierung der brutalen Razzia, bei der sich die ohnmächtigen Opfer einer sadistischen Machtdemonstration ausgeliefert sehen. Derweil im dritten Akt die Gerichtsverhandlung auf das ermüdende Plädoyer-Blabla gängiger Justiz-Szenen verzichtet.  
 
Ein wütender, wichtiger und emotional packender Film zur richtigen Zeit. Kathryn Bigelow, die als erste Frau überhaupt je mit einen Regie-Oscar gewürdigt wurde, dürfte diese beschämende Bilanz nun wohl noch einmal ein bisschen aufbessern: Change is coming!
 
Dieter Oßwald