Deutschland privat 2

1980 sorgte Robert van Ackeren mit einer Kompilation privater Super 8-Filme für einiges Aufsehen. Seinen Versuch, den deutschen (Sex-)Alltag abzubilden, nannte er „Deutschland privat“. Ein Titel, der eine Zeit ein geflügeltes Wort war. Was der Film über die deutschen Verhältnisse aussagte, war unter Kritikern allerdings umstritten. Davon unbeirrt hat van Ackeren 27 Jahre später nachgelegt. In seiner Kurzfilmsammlung „Deutschland privat – Im Land der bunten Träume“ präsentiert Robert van Ackeren Alltagsskurrilitäten, die deutsche Hobbyfilmer mit ihren Super-8-Kameras in den letzten fünf Jahrzehnten gefilmt haben.

Webseite: www.kinowelt.de

D 2007
Regie/Konzeption: Robert van Ackeren
Länge: 84 Minuten
Verleih: Kinowelt
Kinostart: 21. Juni 2007

PRESSESTIMMEN:



 

 

FILMKRITIK: 

Vor mehr als 25 Jahren blickte Regisseur Robert van Ackeren in seinem Dokumentarfilm „Deutschland privat“ erstmals in die Wohnstuben deutscher Hobbyfilmer. In diversen Zeitungsannoncen bat er zuvor um die Einsendung und Freigabe privater Super-8-Aufnahmen. Die Resonanz war überwältigend. Heraus kam ein origineller und intimer Einblick ins Privatleben der Deutschen.

Ein Vierteljahrhundert später hat van Ackeren sein voyeuristisches Experiment wiederholt. Dafür vermischte er zuvor unverwertetes Archivmaterial mit neuen Beiträgen. Laut Eigenaussage ist seine zweite Kurzfilmsammlung ein schillerndes Album deutscher Super-8-Privatpornos aus fünf Jahrzehnten. Tatsächlich ist die Bezeichnung „Privatpornos“ zwar plakativ, aber irreführend. In der ersten Filmstunde sind vornehmlich jugendfreie Skurrilitäten zu sehen. Sie erzählen etwa von jenem Mann, der noch zu Hause bei Mutti wohnt und dort Geld anspart, um sich in Fernost eine Braut zu kaufen. Oder von jener Ostberliner Clique, die sich vor der Wende alljährlich in den Sommerferien traf, um mit dem Rad die Berliner Mauer zu umrunden.

Zeitlich bewegen sich die Beiträge größtenteils zwischen den 1960er und 1980er Jahren, der Blütezeit des Schmalfilms. Somit ist die Dokumentation auch ein leiser Abgesang auf die im Digitalzeitalter arg anachronistisch anmutende Super-8-Videotechnik.
Überraschend gut gefilmte und von den Autoren bissig kommentierte Sequenzen wechseln sich dabei nahtlos mit verwackeltem Stumpfsinn ab. Ebenso nahtlos werden die einzelnen Episoden beim Zuschauer schallendes Gelächter, ungläubiges Kopfschütteln und freimütiges Gähnen auslösen.

Doch die Mischung macht’s. Unter den 25 Kurzfilmen ist für jeden Geschmack etwas dabei. Und in den letzten 20 Minuten hält van Ackeren auch, was er in seiner vollmundigen Ankündigung verspricht. Dann schiebt er den Alltag seiner Hobbyfilmer beiseite und wirft ausschließlich einen verstohlenen Blick in deren Schlafzimmer. Dabei zeigt er biedere Hausfrauen beim Seitensprung, Soldaten beim käuflichen Liebesspiel im Wald sowie bizarre Erotikmöbel aus den 1970er Jahren. Seiner eigenwilligen Vorliebe für Lust und Liebe, die er schon in den Spielfilmen „Die Venusfalle“ oder „Die flambierte Frau“ unter Beweis stellte, wird van Ackeren nun mehr als gerecht.

Etwas schade ist allerdings die kategorische Trennung zwischen absonderlichen Alltagssituationen und tabulosem Sex. Die Durchmischung der Kurzfilme hätte ruhig abwechslungsreicher gestaltet werden können. Nichtsdestotrotz ist van Ackerens Kurzfilmsammlung ein amüsanter Zusammenschnitt Deutschlands privatester Heimvideos, die so manch kurioses Geheimnis aus ganz gewöhnlichen Wohnstuben ans Tageslicht fördern.

Oliver Zimmermann

Eine Frau sitzt in Strapsen auf dem Trimmrad und posiert, ein Mann filmt in Thailand und auf den Philippinen Kandidatinnen, die er als Ehefrauen zu kaufen gedenkt, beim FKK-Urlaub in den Bergen stehen die wippenden Brüste der weiblichen Erholungssuchenden im Zentrum der Betrachtung. Zu den Bildern gesellen sich Kommentare wie „Frauchen und der Besuch bei der schönsten Sache der Welt“ und Episodentitel wie „Die Schlafzimmerkönigin“ und „Die zärtliche Matratze“. Es ist wie eine Zeitreise in die sechziger und siebziger Jahre, als unterm Dirndl gejodelt wurde und unter dem Deckmantel der Aufklärung verschwiemelte Reports über Schulmädchen und Hausfrauen die Kinos fluteten. 

Was das mit der Gegenwart zu tun hat, bleibt das Geheimnis des Regisseurs. Laut Verleih wollte er „dem Super 8-Film ein letztes Denkmal“ setzen, da Kodak bekanntlich kürzlich die Produktion des Super 8-Materials einstellte. Es sieht jedoch so aus, als habe der Regisseur nur einen Anlass gesucht, um das Material, das er in „Deutschland privat“ nicht unterbrachte, nun in der Fortsetzung zusammenzukehren. Auch das Arrangement der Filmchen ist ähnlich. Es beginnt mit mehr oder weniger humorvollen Einblicken in deutsche Feierkultur und entsprechend lustigen Kommentaren („Stimmung, Humor, Konfetti“), dann werden nur noch private Strip- und Sexfilme aneinandergereiht. Über „Deutschland privat“ sagte van Ackeren: „Unser Ziel war die möglichst unverfälschte Wiedergabe unserer Wirklichkeit aus privater Perspektive.“ Für einen Filmemacher ist das eine erstaunlich unreflektierte Vorstellung des Begriffs „Wirklichkeit“. Und repräsentativ ist das Material auch nicht. Paare, die sich beim Sex filmen und die Aufnahmen zur Veröffentlichung freigeben, haben starke exhibitionistische und voyeuristische Neigungen. Für die meisten Menschen wäre die Vorstellung ein Alptraum, dass ein Kinopublikum sie bei intimen Handlungen beobachtet.

Das hehre Ziel, „ein völlig neues Bild deutscher Alltagskultur“ zu vermitteln, wirkt ebenso vorgeschoben wie die Aufklärungs-Heuchelei deutscher Softpornos. Van Ackeren präsentiert ein Kuriositäten-Kabinett, er stellt seine Protagonisten gnadenlos aus und gibt sie der Lächerlichkeit preis. Das Thema sexuelle Obsessionen durchzieht das Werk des Regisseurs, der mit „Die flambierte Frau“ vor 24 Jahren seinen größten Erfolg hatte. Sein jüngster Film wirkt merkwürdig rückwärts gewandt. Die Porno-Industrie macht Millionen-Umsätze, Medien und Werbung sind durchsexualisiert. Ein paar verwackelte Nackte beim Geschlechtsverkehr und anderen Verrenkungen versetzen da niemanden mehr in Wallung. 

Volker Mazassek           
 

 

—————————————————————————————————————–

Vor vielen Jahren legte Robert van Ackeren den ersten Teil dieser Serie vor. Der Film erregte Aufsehen, weil er die vielen genormten Konzepte des professionell gefertigten Films verließ und in die Alltäglichkeit und Privatsphäre der Menschen hierzulande eindrang. Ein Ergebnis, das tief blicken ließ.

Jetzt, nach langer Zeit, der zweite Teil. Er hat etwas Nostalgisches. Denn das Filmmaterial, das zugrunde liegt, gibt es schon lange nicht mehr: Super-8. Mit einigem technischen Aufwand wurden die Kleinbildfilme für die große Kinoleinwand aufbereitet, und manche Details kommen so sogar besser zur Geltung als auf der seinerzeitigen Schmalspur.

Wieder geht es rein individuell und privat zu: Versuche, Testfilme, Werbefilme, Familienszenen, Feiern, Tanzen, Reportagen, Tagebücher – und Sex, Sex, Sex in allen Variationen. „Meine schöne Mutter“, „Sterben und leben“, „Entfesselte Senioren“, „Ich auf Brautschau“, „Die Schlafzimmerkönigin“, „Die zärtliche Matratze“, „Freistilmassage“, „Erotischer Wohnen“ oder „Frau mit Hund“ heißen einige der Kapitel, in die der Streifen eingeteilt ist.

Vieles ist typisch, realistisch, von mangelnden Ideen geprägt auch, manches davon derb oder peinlich, das meiste auf den Sex ausgerichtet: Festhalten der Trieb- oder Glücksmomente, Erinnerung an intensive Augenblicke oder bildliche Verlängerung geschlechtlichen Geschehens, das im Leben vieler Menschen ja einen vorrangigen Platz einnimmt. Das alles ausgeschmückt mit mehr oder weniger, geglückter, manchmal auch missratener Phantasie.

Es ist höchst aufschlussreich, aber auch Geschmacksache. Immerhin verschafft es einen vielsagenden Einblick in alltägliches triviales Innenleben in unserem Land und ebenso in seine wahrhaftige, ungeschönte, ungefilterte, ästhetisch willkürliche Dokumentation.

Thomas Engel