Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht

Der neue Film von Edgar Reitz besticht durch die Konsequenz, mit der er in eine Zeit vor über 160 Jahren und in das Leben der einfachen Leute entführt. Anders als in seiner halb-dokumentarischen Heimat-Trilogie (1981 – 2006) wirkt hier die große Erzählung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wie ein kollektiver Traum, eine lebendig gewordene Rückerinnerung, die hineinzieht in diese Zeit äußerster Armut und eines von Entbehrungen und Überlebensanstrengungen geprägten Lebens. Der Film erzählt von einer der ersten großen Auswanderungswellen aus Deutschland, einem Teil unserer Geschichte, der wenig aufgearbeitet ist. Mit prägnanten Charakteren und einem überwältigend authentischen Szenenbild erzählen Reitz und sein Kameramann in großartigen schwarz-weiß Bildern und einer berückenden Langsamkeit ihre Geschichten aus dem fiktiven Dorf Schabbach im tatsächlichen Hunsrück. Der Film dauert fast vier Stunden und langweilt keine Sekunde.

Webseite: www.dieandereheimat-derfilm.de

D 2013
Regie: Edgar Reitz
Darsteller: Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer
Filmlänge: 230 Minuten
Verleih: Concorde
Start: 03. 10. 2013

PRESSESTIMMEN:

"Ganz großes Kino…
Was für ein gewaltier, die Augen bezaubernder, zu Herzen gehender Film, was für eine große, einfache Geschichte von einem jungen Menschen, der ausziehen will, das Leben zu lernen…"
Die Zeit

"Ein Meistwerk."
Süddeutsche Zeitung

Schabbach, Ort des deutschen Weltkinos: Mit seiner berühmten und gefeierten "Heimat"-Saga kehrte Edgar Reitz 30 Jahre lang immer wieder in das Hunsrück-Dorf zurück – und nahm vorweg, was heute in Hollywood als modern gilt. "Die andere Heimat" ist nun die grandiose Vollendung seines Meisterwerks.
Der Spiegel

"Mit DIE ANDERE HEIMAT legt Edgar Reitz sein Opus Magnum vor."
3Sat Kulturzeit

"…dieser Film ist wirklich ein Meisterwerk. … ein grandioser Film."
 ARD Titel Thesen Temperamente

"Unfassbar detailreich und voller Hochachtung nähert sich der Film mit mythisierendem Schwarzweiß seinen Charakteren."
FAZ

"Reitz hat seinem schon bisher gewaltigen Zyklus noch einmal einen Meilenstein hinzugefügt."
Süddeutsche Zeitung

FILMKRITIK:

Ein Pferd wird beschlagen. Das glühende Eisen trifft zischend auf Hornhaut, rauhe Hände halten die Fessel des Pferdes und korrigieren vorsichtig den Sitz des heißen Metalls, das im Feuer gerade erst in die richtige Form gebracht wurde. Und während Simon, der Schmied, seine Arbeit tut, liegt sein Sohn Jakob im Wald auf einem Stein und liest.
Es gibt nicht viele in seiner Familie, die lesen können, und der Vater schon gar nicht. Des öfteren gibt’s auch Prügel dafür, dass Jakob sich mit seinem Buch in eine Ecke verdrückt, anstatt bei der Arbeit zu helfen. Aber Jakob hat seine Prioritäten gesetzt: Mit seinem Buch über die Urbevölkerung Brasiliens träumt er sich weg in eine Ferne, die heller und wärmer ist als das reale Leben hier im Hunsrück, im Dorf Schabbach, wo es wenig zu essen gibt und im Winter die Kinder reihenweise wegsterben.

Der neue Film von Edgar Reitz besticht durch die konsequente Authentizität, mit der er uns in eine Zeit vor über 160 Jahren entführt und in das Leben der einfachen Leute. Wie schon in seiner halb-dokumentarischen Heimat-Trilogie (1981 – 2006) untersucht Reitz den Begriff Heimat, weitab von allem nationalen Pathos, als einen Ort, wo Lebensgeschichten wurzeln, sich entfalten, geprägt werden. Er hat das natürlich gut recherchiert. Jedes Bild, jede Stimmung, jeder Türpfosten, jedes Kostüm scheinen im Detail zu stimmen.

Man könnte – und das liegt nahe -, eine Brücke schlagen von dieser großen Auswanderungswelle um 1840, diesem Teil deutscher Geschichte, der wenig aufgearbeitet, der verdrängt ist, hin zum Einwanderungsland Deutschland heute, in dem sich kein Mensch mehr diese äußerste Armut, diese Entbehrungen und Überlebensanstrengungen vorstellen kann. Aber Edgar Reitz’ Heimatbegriff verweigert sich einer politischen Vereinnahmung. Vielleicht weil es gar nicht um Heimat in einem engeren Sinne geht, sondern um das, was die menschliche Existenz ausmacht.

Wie ist es gewesen, wie sah es aus, wie roch es, was fühlte, wie existierte ein Mensch in diesen ärmlichen Dörfern des Hunsrück im äußersten Westen Deutschlands um 1840? Seine Antworten gibt der Film nicht diskursiv, sondern überaus sinnlich.
Es sind die Bilder, die Reitz und sein Kameramann Gernot Roll komponieren, und die wie die Erzählung eines kollektiven Traums, wie eine lebendig gewordene Rückerinnerung auf unser von hohem Tempo und Reizüberfrachtung trainiertes Auge treffen. Und dort haften bleiben.

Er schafft das vor allem auch durch ein überwältigend authentisches Szenenbild von Toni Gerg, der am 6. Drehtag starb und dessen Arbeit Hucky Hornberger vollendet hat, durch einen Rausch an faszinierenden schwarz-weiß Bildern, die in berückender Langsamkeit den Betrachter ermächtigen, sie wahrzunehmen und nicht, von ihnen vereinnahmt zu werden. Dabei verliert sich das konzentrierte Drehbuch bei allem Detailreichtum und den prägnanten Charakteren nicht in den Wirren der Zeit.

Im Zentrum der Familiengeschichte stehen zwei Brüder, die davon träumen, nach Südamerika auszuwandern. Und dieses Weggehen oder Dableiben, dieser Kampf zwischen Verantwortung für seine Sippe oder für sich selbst, zerreisst die Familien ebenso, wie es sie letztlich wieder verbindet. So wie das junge Paar am Ende seinen Planwagen mit den Habseligkeiten verpackt, auf die es nicht verzichten will in der neuen Welt, haben Leute im Osten in den späten Achzigern des letzten Jahrhunderts ihre Erinnerungen in Teekisten gepackt, um reisefertig zu sein, wenn die Ausreise, meist kurzfristig, gestattet wurde. Und so kommen Leute heute mit wenig mehr als einem Koffer in diesem Land an, von dem sie, wenn nicht Heimat, so doch wenigstens Sicherheit ersehnen.

Auch wenn Edgar Reitz in Statements über diese Arbeit, die ihn mehr als vier Jahre lang beschäftigt hat, von einer Reise spricht, „ in ein anderes, gar nicht so fernes und doch so vergessenes bitterarmes Deutschland,“ bei der ihn eine „unendliche Dankbarkeit erfasste dafür, in einer Zeit leben zu dürfen, in der Freiheit und Lebensfreude selbstverständliche Forderungen aller geworden sind“, ist sein Film völlig frei von einem moralisierenden Gestus. Weil er ganz bei den Menschen bleibt, von denen er etwas zu erzählen hat. Das ist spannend über 230 Minuten.

Caren Pfeil