Die Band von nebenan

Ein Polizeiorchester aus Ägypten wird zur Eröffnung eines Kulturzentrums in Israel geladen, doch eine Verkettung unglücklicher Missgeschicke lässt die Band in der Einöde stranden, wo sich weder ein Kulturzentrum noch irgendwelche Kultur befindet. Eine kleine aber feine Geschichte, die mit viel Gefühl, leisem Humor und angenehmer Zurückhaltung erzählt wird.

Webseite: www.thebandsvisit.com

Israel / Frankreich 2007
Originaltitel: Bikur hatizmoret / The Band’s Visit
Regie: Eran Kolirin
Darsteller: Sasson Gabai, Ronit Elkabetz, Saleh Bakri, Khalifa Natour, Shlomi Avraham, Rubi Moscovich, Gavriel Ayrum, Jabarin Camal
83 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 31.01.2008

AUSZEICHNUNGEN:

Prix Coup de Cour – Filmfestival von Cannes 2007
Publikumspreis – Filmfest München 2007

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zur feierlichen Eröffnung des arabischen Kulturzentrums im israelischen Petah Tikva soll ein Polizeiorchester aus Ägypten aufspielen. Der Einladung folgend hat die achtköpfige „Band von nebenan“ die Reise angetreten und die erste Etappe erfolgreich mit dem Flugzeug bewältigt. Doch weder ein großes Empfangskomitee noch ein kleiner Hinweis deuten darauf hin, dass man hier bereits erwartet wird. Ein Anruf bei der ägyptischen Botschaft bringt keine Klärung und auch die zahlreichen Hinweisschilder in hebräischer Sprache verraten der Kapelle nicht, wie es weitergehen soll. Khaled, der jüngste der Truppe, versucht sein Glück bei der attraktiven Dame am Schalter. Ein kurzer Flirt und eine Sangesprobe später, sitzen acht in Galauniform gekleidete Mannen im Bus auf ihrer weiteren Reise.

 

Eine Bushaltestelle im Nirgendwo. Die Uniformierten steigen aus und wandern mit ihren Rollkoffern und Musikinstrumenten bepackt durch die wüstenähnliche Einöde, an deren Horizont sich eine Ansammlung eintöniger Wohnblocks abzeichnet. An einem kleinen Bistro angekommen, verhärtet sich der anfängliche Verdacht, hier völlig fehl am Platze zu sein. Dina, die patente wie herzliche Besitzerin, klärt auf. Es gäbe hier weder ein arabisches Kulturzentrum, noch ein israelisches oder überhaupt irgendwelche Kultur. Die Musiker seien hier nicht in Petah Tikva, sondern in Bet Hatikva gelandet. Gestrandet besser gesagt, denn der nächste Bus fährt erst am kommenden Morgen. Und da sich zu einem Problem gerne weitere gesellen, muss Tewfig Zakaria, der Leiter des mittlerweile hungrigen Orchesters, zusehen, wie er seine Kollegen versorgt und in einem trostlosen Städtchen ohne Hotel unterbringt, um am nächsten Tag gestärkt das eigentliche Ziel der Reise zu erreichen. Der Gastfreundschaft einiger weniger Menschen sei es gedankt, dass sich Ägypten und Israel in dieser Nacht sehr nahe kommen.

„Die Band von nebenan“ hat neben zahlreichen Preisen der israelischen Filmakademie auch in Europa bereits abgeräumt. So wurde die israelisch-französische Koproduktion sowohl in Cannes als auch beim Filmfest München gezeigt und gefeiert. Eine nahe liegende Überlegung also, sich auch für den wichtigsten internationalen Filmpreis, den Oscar, zu bewerben. Allein eine Nominierung als „Bester fremdsprachiger Film“ hätte die kleine unaufdringliche Filmperle zu Recht geadelt. Doch liegt gerade in der Definition der Preiskategorie das Problem, welches den Film jegliche Chance auf einen Sieg in den heiligen Hallen Hollywoods genommen hat. Der Preis, der den nicht-englischsprachigen Film kürt, setzt voraus, dass in diesem zu über 50 Prozent in einer fremden Sprache kommuniziert wird. Da dies hier zwar annähernd der Fall ist, die Protagonisten sich jedoch zur länderübergreifenden Verständigung immer wieder der englischen Sprache bemächtigen, wurde der Film als möglicher Anwärter auf die begehrteste Trophäe im Filmbusiness abgelehnt. Eine Kleinkarierte wie ärgerliche Entscheidung, welche die Bedeutung des Films jedoch nicht zu schmälern vermag. Denn wenngleich man ihm eine entsprechend große Aufmerksamkeit gewünscht hätte, wirkt der Film auch ohne diese. Es ist keine große Geschichte und doch fesselt sie. Es sind keine großen Bilder und doch verfehlen sie ihre Wirkung nicht. Es ist kein großes Kino. Es ist ein kleiner aber feiner Film. Ein Beitrag zur Völkerverständigung, der durch viel Gefühl, leisen Humor und angenehme Zurückhaltung auch hierzulande viele Herzen gewinnen dürfte. Und das ist und bleibt wichtiger als jeder Filmpreis.

Gary Rohweder

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Der Nahe Osten ist seit Jahrzehnten ein Pulverfass. Wann wird sich das ändern? Immer wieder gab es Phasen, in denen man einer Einigung nahe war. Dann aber schlugen jedes Mal die Extremisten wieder zu.

Immerhin ist das Verhältnis zwischen Israel und Ägypten seit dem Sinai-Vertrag geregelt, wenn auch nicht gerade freundschaftlich. Und davon handelt indirekt und im kleinen dieser Film.

Eine acht Mann starke ägyptische Polizeikapelle soll in Israel bei einer Eröffnungsfeier spielen. Die Männer haben ihre Gala-Uniformen an, sind guten Mutes und wollen ein schönes Konzert veranstalten. Doch ganz so klappt es leider nicht. Schon als sie am Flughafen ankommen, werden sie nicht wie erwartet abgeholt. Pech oder Bürokratie? Der Bus, der sie dem Ziel näher bringen könnte, ist auch schon fort. Jetzt sitzen sie in einem kleinen israelischen Wüstenstädtchen und wissen nicht was tun.

Anfangs sind die Bewohner kühl, kühler geht’s nicht. Doch dann, ganz langsam, tauen sie auf. Die ägyptischen Musiker werden in das einzige provinzielle Bistro am Ort eingeladen, werden zum Schlafen in verschiedene Wohnungen aufgeteilt. Schüchterne, verlegene Begegnungen und Gespräche finden statt. Man trinkt einen und tanzt auch. Jetzt kommen leise freundschaftliche Gefühle auf. Und am nächsten Morgen beim Abschied scheint sogar ein wenig Wehmut mit im Spiel zu sein. Kann das Konzert der ägyptischen Polizeikapelle jetzt endlich stattfinden?

Ein kleiner, aber einnehmender israelischer Film. In einem gemächlichen Rhythmus wird sehr begreifbar das Verlorensein dieser Männer in einem fremden, halb feindlichen Land, danach die Kühle der Konfrontation und die Verlegenheit der Begegnung mit den Einwohnern des israelischen Städtchens geschildert.

Die Botschaft der nötigen Versöhnung oder wenigstens des Miteinander-Auskommens der Menschen und der Völker fehlt ebenfalls nicht. Hier wird im Kern vorexerziert, wie es im großen und gesamten sein müsste.

Die israelischen und ägyptischen Darsteller, wenngleich hierzulande nicht sehr bekannt, machen ihre Sache prima. Unauffällig die Inszenierung. Es ist ein einfacher, aber positiver Film. Er hat das diesjährige Münchner Filmfest eröffnet.

Thomas Engel