Vampire gehen immer. Seit Stummfilmtagen beherrschen Blutsauger die Leinwand. Allein „Graf Dracula“ bringt es auf über 170 Versionen. Nun wird das Genre geadelt durch Dialoge einer Literaturnobelpreisträgerin. Elfriede Jelinek schreibt, Isabelle Huppert spielt: das klingt wie einst in „Die Klavierspielerin“ von Michael Haneke. Diesmal sitzt freilich Ulrike Ottinger auf dem Regiestuhl. Die Avantgardistin wird ihrem Ruf als visueller Wirbelwind gerecht. Sie zelebriert opulente Schauplätze und Kostüme in einem opernhaften Rausch. Als Sahnehäubchen darf Conchita Wurst ihren Eurovision-Siegertitel „Rise Like a Phoenix“ pompös zum Besten geben. Ein horrorhumoristischer Tanz der Vampire mit Wiener Blut und Wiener Schmäh. Die läppischen Figuren mit ebensolchen Namen mögen etwas blutleer erscheinen. Dafür überzeugen grandiose Kulissen samt eindrucksvoller Ausstattung.
Über den Film
Originaltitel
The Blood Countess
Deutscher Titel
Die Blutgräfin
Produktionsland
AUT, LUX, DEU
Filmdauer
119 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Ottinger, Ulrike
Verleih
Neue Visionen Filmverleih GmbH
Starttermin
29.10.2026
Die prächtige Nationalbibliothek. Die pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm. Der Heldenberg nahe Hollabrunn. Die Seegrotte Hinterbrühl, Europas größter unterirdischer See. Die pompöse U-Bahn-Station Schottenring. Das berühmte Café Hawelka. Und natürlich das Riesenrad im Prater. So viel Wiener Wow-Effekte gab es seit „Der Dritte Mann“ oder „Before Sunrise“ nicht mehr auf der Leinwand zu bestaunen. Und dazwischen opulente Kostüme wie aus dem Fundus der Wiener Oper. Im sehr langen blauen Kleid besteigt da die Gräfin ihre Kutsche, später wechselt sie zu leuchtendem Purpur-Rot. Derweil Baron Bubi komplett im grünen Outfit modischen Eindruck macht.
„Ich bin und war, seit ich denken kann, Vampir“, betont Baron Bubi, zugleich Neffe der Blutgräfin. Dass er Vegetarier wurde, kommt bei der Vampir-Verwandtschaft nicht gut an. Er wäre ohnehin lieber Alkoholiker als Blutsauger geworden. Wiener Schmäh begleitet die schrullige Story dieser Horror-Komödie immer wieder. Erzählt wird von der ungarischen Adeligen Erzsébet Báthory (Isabelle Huppert), die der Legende nach seit dem 17. Jahrhundert als Blutgräfin ihr Unwesen treibt. Gemeinsam mit ihrer treuen Zofe Hermine (Birgit Minichmayr) taucht sie im heutigen Wien auf, um jenes brisante Buch aufzuspüren, welches die Macht besitzt, alles Böse zu vernichten. Für die Suche wird auch der Gräfin melancholischer Neffe Baron Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau (Thomas Schubert) rekrutiert, dessen Psychotherapeut Theobald Tandem (Lars Eidinger) ihm nicht von der Seite weicht. Als Verfolger der abenteuerlichen Schnitzeljagd durch die prächtigen Schauplätze fungieren zwei Vampirologen mit den schillernden Namen Theobastus Bombastus (André Jung) und Nepomuk Nachbiss (Marco Lorenzini) sowie die Staatsmacht in Person von Inspektor Unglaube (Karl Markovics). .
Anno 2009 wagte sich Julie Delpy mit „Die Gräfin“ bereits an das Thema der berüchtigten Blutsaugerin Báthory und scheiterte an bleischwerem Botschaftsballast und hölzerner Inszenierung Beide Fehler vermeidet Ulrike Ottinger. Sie gibt dem Affen ordentlich Zucker bei ihrer Schnitzeljagd im Dreivierteltakt und inszeniert ihre Farce ohne Rücksicht auf dramaturgische Verluste. Was zählt sind Wiener Schmäh und Wiener Wow-Effekte. Und wann bekommt mal solche Dialog-Albernheiten schon einmal aus der Feder einer leibhaftigen Literaturnobelpreisträgerin serviert? Der es offensichtlich besonderes Vergnügen bereitet, wenn die Vampirin sich in eine ahnungslose Bibliothekarin verbeißt. Sichtlichen Spaß hat auch Lars Eidinger an seiner Rolle als trottelhafter Therapeut, der im Riesenrad seinen Showdown erlebt. Als Sahnehäubchen darf Conchita Wurst ihren Eurovision-Siegertitel „Rise Like a Phoenix“ pompös und in voller Länge zum Besten geben. Beleuchtet wird sie dabei von den Strahlern auf den Gewehren der mitschunkelnden Polizei-Elite-Einheit Cobra. Mehr Tanz der Vampire mit Wiener Blut geht kaum.
Dieter Oßwald







