Die Boxtrolls

Mit aufwendigen Stop-Motion-Animationen erschafft „The Boxtrolls“ aus dem Studio LAIKA eine skurrile und zugleich bezaubernde Welt, in der putzige Boxtrolle gegen die Vorurteile einer käseverrückten Menschheit kämpfen. Aber: die zutiefst pädagogische Botschaft steckt in einem Film für Erwachsene. Aber auch die müssen schließlich manchmal noch etwas lernen.  

Webseite: www.boxtrolls.de

USA/2014
Regie: Graham Annable, Anthony Stacchi
Drehbuch: Irena Brignull, Adam Pava
Länge:  96 Minuten
Verleih: Universal
Kinostart: 23. Oktober 2014
 

FILMKRITIK:

Detailverliebte Animationsfilme haben schon lange ihre Wirkungsmacht verloren, hat uns doch die moderne Computeranimation das Staunen sukzessive abgewöhnt. Umso schöner ist es, dass „The Boxtrolls“ in der Lage ist, uns einen kleinen Teil des alten Zaubers zurückzugeben. Die Stop-Motion-Animationen entfalten in der 3D-Variante eine einzigartige Plastizität, die rein graphische Animationen – zumindest heutzutage – nicht im Ansatz nachzuahmen vermögen. Lediglich an den abgehackten Mundbewegungen lässt sich noch ablesen, dass hier tatsächlich 24 mit Handarbeit erschaffene Bilder pro Sekunde ablaufen. Doch es sind gerade diese kleinen Makel, die „The Boxtrolls“ gegenüber durchgestylter Pixar- und Dreamworks-Welten so liebenswert macht.

Auch die Geschichte der zu Unrecht als Monster verurteilten Boxtrolle geht ans Herz. Um in die Oberschicht von Cheesebridge aufzusteigen, den standesgemäßen weißen Hut zu tragen und an den renommierten Käseverkostungen teilzunehmen, hat Archibald Snatcher üble Gerüchte über die friedliebenden Gnome in die Welt gesetzt. Seither ist die Jagd auf die Boxtrolls eröffnet. Doch Snatcher hat seine Rechnung ohne den Menschenjungen Eggs gemacht, der als Waisenkind mit den Boxtrolls unter der Erde aufgewachsen ist. Als dieser bei einem nächtlichen Ausflug von der Jagd auf seine Freunde erfährt, beschließt er, den Kampf gegen Snatcher und sein Gefolge aufzunehmen.

Und so beginnt Boxtrolls mit der klassischen, aber wichtigen Infragestellung von Gut und Böse, denn die vermeintlich gruseligen Trolle erweisen sich schnell als liebenswert und friedliebend. Dass diese Zuordnung stets eine Frage der Perspektive ist, unterstreichen auch Snatchers Gehilfen, die im Laufe der Handlung immer stärker an der Legitimität ihres Vorgehens zweifeln. Doch die Geschichte, die auf dem Buch „Here Be Monsters“ von Adam Snow basiert, hat auch eine politische Dimension: Statt die Spenden der Bürger in soziale Einrichtungen zu investieren, kaufen die Weißhüte lieber einen gigantischen Brie. Der Käse ersetzt in „The Boxtrolls“ all jene Luxusgüter, die der Mensch für eine glückliche Existenz zu benötigen glaubt und die doch im Grunde so flüchtig sind wie ein Stück alter Käse. Snatcher ist in diesem Kontext eigentlich eine tragische Figur, die bis zuletzt nicht versteht, dass es nicht Käse, Hüte oder Kisten sind, die das Wesen und den Wert eines Menschen ausmachen. Die große Moral der Geschichte ist, dass wir alle unseres eigenen Schicksals Schmiede sind.

Das könnte freilich der Stoff für einen höchst pädagogisch wertvollen Kinderfilm sein. Doch mit seinen immens skurrilen Figuren, den turbulenten Verfolgungsjagten und dem mächtigen und nicht zuletzt auch sehr lauten Finale eignet sich „The Boxtroll“ für ein junges Publikum nur bedingt. Auch dürfte sich insbesondere der politische Witz der Geschichte vor allem einem erwachsenen Publikum erschließen. Im Kontrast hierzu bemüht sich die repetitive Dramaturgie den Verlauf der Dinge auch für die Kleinsten verständlich zu gestalten. Doch insbesondere wenn der ohnehin schon gruselig dreinblickende Snatcher sich auf Grund eines allergischen Schocks in ein wahrhaftiges Monster verwandelt, dürften eben jene Kleinsten traumatisiert das Kino verlassen.

Nein, „The Boxtrolls“ ist kein Kinderfilm. Dafür aber ein Stop-Motion-Kunstwerk mit viel Herz und Charme, das seine Geschichte dem Medium Film entsprechend herrlich visuell und äußerst selten über die Dialoge erzählt. Einen kleinen Wermutstropfen bildet die Marginalisierung der weiblichen Charaktere. Bis auf Eggs Mitstreiterin Winnie spielen Frauen für die Geschichte keine Rolle. Und während der Film wiederholt über die Eigenschaften eines guten Vaters philosophiert, bleiben die Mütter gänzlich unerwähnt. Doch auch das kann die Begeisterung für diesen besonderen Animationsfilm nicht schmälern, der hoffentlich ein Publikum finden wird – welchen Alters auch immer.
 
Sophie Charlotte Rieger