Die Gabe zu Heilen

Sie behandeln ihre Patienten mit Röntgenblick, Handauflegen oder Kräuterelixieren: Heiler. Fünf von ihnen stehen im Zentrum der aufschlussreichen Doku „Die Gabe zu Heilen“. Regisseur Andreas Geiger macht deutlich, dass es sich bei den Porträtierten mit Nichten um Hellseher, Wunderheiler oder Magier handelt. Es sind ganz normale Menschen, die jedoch eines verbindet: ihre tiefe Verwurzelung in Religion, Spiritualität und Traditionen. Entstanden ist ein vielschichtiges Werk über ein hochinteressantes Themengebiet, das seine Protagonisten weder glorifiziert noch der Lächerlichkeit preisgibt.

Webseite: www.diegabezuheilen.de

Deutschland 2017
Regie & Drehbuch: Andreas Geiger
Darsteller: Birthe Krabbes, Jakob Meile, Ojuna Altangerel, Stephan Dalley, Robert Baldauf
Länge: 100 Minuten
Verleih: Camino
Kinostart: 23. Februar 2017

FILMKRITIK:

Weiß die Schulmedizin nicht weiter, werden sie oft als letzte Alternative aufgesucht: Heiler, die alternative Verfahren anwenden, um die körperlichen oder seelischen Schmerzen ihrer Patienten zu lindern. Sie nutzen Pendel zur Diagnose oder bekämpfen Schmerzen mit jahrhundertealten Kräutern. Von Medizinern und Kritikern nicht selten als Hexerei oder  Scharlatanerie gebrandmarkt, zeigt die Dokumentation „Die Gabe zu Heilen“, dass diese speziellen Methoden und ihre Anwendung, durchaus ihre Berechtigung haben. Nicht, um die klassische Schulmedizin zu ersetzen sondern um sie sinnvoll zu ergänzen. Der Film begleitet fünf Heiler bei ihrer täglichen Arbeit.

Schon 2008 widmete sich Regisseur und Drehbuchautor Andreas Geiger in seiner TV-Doku „Wunderheiler in Oberschwaben“, diesem vielseitigen und heiß diskutierten Thema. Geiger erfuhr seine Ausbildung an der Filmakademie Baden-Württemberg und arbeitet seit 2000 als Autor und Dokumentarfilmer. Seit einigen Jahren unterrichtet er zudem als Dozent an der Stuttgarter Hochschule für Film und Gestaltung. „Die Gabe zu Heilen“ ist sein erster Film seit „Wochenendekrieger“ von 2013.

Selten zuvor hat man die alltägliche Arbeit von Heilern so unmittelbar miterleben und mit ansehen können, wie diese ihre „besonderen Fähigkeiten“ einsetzen. Von Beginn an öffnen sich die fünf hier porträtierten Heiler Regisseur Geiger, heißt: ohne Scheu oder Angst vor den Reaktionen der Öffentlichkeit, begleitet sie die Kamera bei Gesprächen mit Patienten sowie bei der Anwendung ihrer spirituellen „Gaben“. Freimütig beschreiben sie zudem ihre Motivationen und wie sie selbst mit der Kritik von außen umgehen. Denn ihnen ist klar: viele Menschen sehen in ihnen nichts weiter als Betrüger und Lügner.

In einer Interview-Szene verdeutlicht einer der Porträtierten, der ehemalige Bademeister Stephan Dalley, dass (professionelle) Heiler in keiner Weise Medikamente und die Schulmedizin, verdrängen wollen. Vielmehr sei sie als Ergänzung zu diesen klassischen, althergebrachten Behandlungsmöglichkeiten anzusehen. Dalley spürt – wie er selbst sagt – „das Energiefeld eines Menschen und bringt […] die Seele wieder ins Gleichgewicht.“ Mit Handauflegen. Spannend sind die Szenen, die ihn bei der praktischen Umsetzung seiner Verfahren zeigen. Während er mit seinen Patienten spricht, fährt er über Teile ihres Körpers und versucht so, zu ihren innersten, möglicherweise verdrängten  Ängsten und Sorgen durchzustoßen.

Menschen mit ganz unterschiedlichen Problemen, suchen die Heiler auf: eine Dame leidet seit Jahren an einem Tinnitus, ein junger Mann kann den Tod eines Verwandten nicht verkraften. Gut ist, dass Geiger den Aufwand betrieben hat, fünf verschiedene Heiler – auch über die Grenzen Deutschlands hinaus – aufzusuchen. Dadurch entsteht ein vielfältiges Bild dessen, was im Bereich der alternativen Heilung alles möglich ist und welche Herangehensweisen es gibt. So lernen wir z.B. auch noch den Bergbauern Robert Baldauf kennen, der sich selbst als „gottesfürchtiger Bauer“ bezeichnet. Er nutzt sein Pendel zur Diagnose, behandelt auch per Telefon und verabreicht seinen Patienten auch schon mal einen Kräutertrank, dessen Rezept von Engeln stammen soll. Durch all das wird klar: die Heilmethoden scheinen auf Religion, dem Glauben an das Übersinnliche und spirituellen Kräften, zu fußen.

Manchmal kommt man in Versuchung, sich in „Die Gabe zu Heilen“ noch die eine oder andere Gegenposition zu wünschen. Ein Interviewpartner, der nicht als Heiler tätig ist und einen anderen Blick auf das Thema hat. Andererseits weiß man ganz genau, wie sich diese (oft) kritischen Stimmen wohl äußern würden, vor allem, wenn sie aus der Schulmedizin stammen. Am besten man begreift den Film daher als das, was er ist und gleichzeitig gewährt: einen interessanten, mannigfaltigen und wertfreien Einblick in die bunte Welt alternativer Heilverfahren inklusive seiner Vertreter. Diese sind – teils schrullige, teils überraschend „normale“, jedoch – stets sehr menschliche Anwender ganz spezieller Fähigkeiten.

Björn Schneider