Die Geheimnisse des schönen Leo

Wohl nur Spezialisten der deutschen Zeitgeschichte dürfte der Name des ehemaligen CSU-Politikers Leo Wagner etwas sagen, für Benedikt Schwarzer ist er der Großvater, über den er nun die Dokumentation „Die Geheimnisse des schönen Leo“ gedreht hat. Vom Politikbetrieb der Bonner Republik erzählt er darin, vom Rotlichtmilieu, der Stasi und anderen Geheimnissen, die die Nachkommen Wagners auch heute noch überraschen.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Dokumentation
Deutschland 2018
Regie & Buch: Benedikt Schwarzer
Länge: 80 Minuten
Verleih: RealFiction
Kinostart: 17. Januar 2019

FILMKRITIK:

Am 27. April 1972 spielte Leo Wagner vermutlich eine Rolle bei einem der wichtigsten Momente der deutschen Nachkriegsgeschichte, eine Rolle, die damals niemand kannte und auch heute, fast ein halbes Jahrhundert später, nicht endgültig geklärt ist. An jenem 27. April stellte die sich in der Opposition befindende CDU/CSU-Fraktion ein konstruktives Misstrauensvotum gegen den amtierenden Bundeskanzler Willy Brandt. Eigentlich hatte sie die Mehrheit im Bundestag, doch bei der Abstimmung enthielten sich zwei ihrer Abgeordneten, Brandt blieb Kanzler und konnte seine im konservativen Lager verachtete Ostpolitik fortsetzen.
 
Einer der beiden Abgeordneten war wohl Leo Wagner, CSU-Politiker erster Stunde, denn zusammen mit Franz Josef Strauss und einigen anderen war Wagner an der Gründung der Partei beteiligt, saß seit 1961 als Abgeordneter seines Heimatbezirks Günzberg im Bundestag, verbrachte die meiste Zeit jedoch in Bonn. Und im benachbarten Köln, wo er sich offenbar mit zunehmender Häufigkeit in den Nachtclubs der Stadt aufhielt, wo er, wie damals geschrieben wurde „pro Abend zwischen zwei- und viertausend Mark für Champagner, Kaviar und Mädchen ausgab.“
 
Das machte ihn angreifbar und das nutzte augenscheinlich die Stasi aus, die Wagner seit 1975 als IM führte, doch ob Wagner tatsächlich irgendetwas Relevantes verriet, ob er es nun tatsächlich war, der seiner Fraktion im April 1972 die Gefolgschaft versagte, bleibt offen.
 
Auf die Spuren seines Großvaters wollte sich Benedikt Schwarzer mit seinem Film begeben, doch wirklich in die Tiefe vorzudringen fällt schwer. Die meisten ehemaligen CSU-Politiker wollen sich nicht vor der Kamera äußern (der ehemalige Finanzminister Theo Waigel führt etwa schlechte Erfahrungen mit Wagner als Grund an), so bleiben kurze Gespräche mit losen Bekannten, die Wagner auf seiner Zügen durchs Kölner Nachtleben begleiteten, doch mehr als ein wenig schlüpfrige Berichte über eher harmlose Abende in Begleitung schöner Frauen, fördert die Spurensuche nicht zutage.
 
Ergiebiger ist da schon das Forschen in Schwarzers eigener Familie, die vom Leben Leo Wagner schwer gezeichnet wurde: Seine Frau Elisabeth blieb in der bayerischen Heimat zurück und wusste bald, dass sich ihr Mann in Bonn außerehelich vergnügte. Bald verfiel sie dem Alkohol und hinterließ zwei Kinder, die wohl gar nicht die Kinder Leo Wagners sind. Wie hier Politisches und Privates beeinflusst und prägt, mag man erahnen, wie der Wunsch, auf der großen Bühne der Bundespolitik zu agieren, alle Bedenken und moralischen Vorbehalte nichtig erscheinen lässt, könnte hier erzählt werden, doch wirklich in die Tiefe zu gehen, wagt Schwarzer nicht.
 
So sind die spannendsten Szenen seiner Dokumentation jene, die Einblicke in die Bonner Republik geben, alte Fernsehaufnahmen, so grau und verschlafen wie jene Zeit im Nachhinein oft wirkt, aber auch von einer gewissen Würde geprägt, von einem Glauben an das politische System, die heutzutage nicht immer da zu sein scheint. Eine Randfigur dieser Ära war Leo Wagner am Ende wohl, vor allem aber ein abwesender Vater und Großvater.
 
Michael Meyns