Die getäuschte Frau

Gleich zwei brutale Schicksalsschläge drohen Nina zu zerbrechen: durch einen tragischen Unfall hat sie ihren geliebten Freund verloren. Danach erfährt sie auch noch, dass ihr Ex jahrelang ein Doppelleben mit einer anderen Frau geführt hat und sogar Kinder mit ihr hatte. Daraufhin begibt sie sich auf eine schmerzvolle Reise in die Vergangenheit – bis sie zufällig einen neuen Mann kennen lernt. "Die getäuschte Frau" ist ein zermürbendes, gnadenloses Drama, das dem Zuschauer einiges abverlangt. Dabei stechen vor allem seine minimalistische, ganz auf Atmosphäre setzende Machart und die komplexe Erzählstruktur heraus.

Webseite: www.zorrofilm.de

Niederlande, Deutschland, Belgien 2015
Regie: Sacha Polak
Drehbuch:
Darsteller: Wende Snijders, Sascha Alexander Gersak,
Zinsy de Boer, Barry Atsma
Länge: 89 Minuten
Verleih: Zorro
Kinostart: 30. Juli 2015

FILMKRITIK:

Zehn Jahre lang gingen Nina (Wende Snijders) und Boris durch dick und dünn, waren in dieser Zeit als Paar unzertrennlich. Eines Tages aber schlägt das Schicksal brutal zu: Boris stirbt bei einem Autounfall und Nina verliert die Liebe ihres Lebens. Dass Boris jedoch auch noch anders war, als sie immer dachte, muss Nina nach dem Unfall erfahren. So führte ihr Ex-Freund offenbar über Jahre ein Doppelleben mit einer anderen Frau, mit der er sogar verheiratet war. Nach diesem Schock kennt sie nur einen Ausweg: die Flucht aus dem Alltag auf einer ziellosen Reise durch Europa. Nach einiger Zeit lernt sie mit dem charmanten deutschen LKW-Fahrer Matthias (Sascha Alexander Gersak) zufällig einen neuen Mann kennen, mit dem ein Neuanfang möglich scheint. Doch die Geister der Vergangenheit und die bittere Enttäuschung über Boris' Doppelleben lassen sie nicht los.

"Die getäuschte Frau" ist der zweite Spielfilm der niederländischen Regisseurin Sacha Polak, nach ihrem Drama "Hemel" von 2012. Seine Premiere erlebte der Film auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion "Forum". Dort wurde er mit dem CICAE-Preis des internationalen Verbandes der Filmkunstkinos prämiert. Die Hauptrollen in dem Drama spielen die niederländische Chanson-Sängerin Wende Snijders und der deutsche Schauspieler Sascha Alexander Gersak ("Tore tanzt", "Tatort").

"Die getäuschte Frau" ist ein Kräfte zehrendes, mitunter emotional brutales Drama, das es einem nicht einfach macht. Das beginnt schon bei der leicht verstörenden, surreal gefärbten  Eröffnungsszene (Stichwort: Gepard), wenn dem Betrachter deutlich wird, dass der Film alles andere als gängigen Erzählstrukturen folgt, im Gegenteil: mit diesen bewusst bricht. Regisseurin Polak erzählt ihren Film nicht chronologisch und die ersten Minuten gestalten sich extrem verwirrend. Kinobesucher, die sich im Vorfeld nicht zumindest kurz mit dem Inhalt befasst haben, werden den Film zunächst wohl als konfus und wenig verständlich ansehen. Nach und nach aber fügt sich alles zu einem großen Ganzen zusammen, werden die Zusammenhänge klarer und erschließt sich einem die Handlungsmotivation der Hauptfigur. Ganz im Stile eines Lars von Trier unterteilt Polak ihren Film in zwei Teile bzw. Kapitel, die sich hinsichtlich Dramaturgie und Atmosphäre unterscheiden.

Konsequent treu bleibt sich Polak aber vor allem hinsichtlich eines Elements, das dem Betrachter vor allem während des ersten Kapitels immer wieder begegnet: im Verlauf dessen, hat Hauptfigur Nina immer wieder Bilder und Erscheinungen von Boris vor ihrem (geistigen) Auge, was nachhaltig zur schauerlichen Stimmung des Films beiträgt.

Außerdem ist der Film sehr reduziert und minimalistisch gehalten, vor allem im Hinblick auf die verbale Kommunikation der Figuren bzw. die gesprochene Sprache im Film. Es dauert lange, bis die ersten Dialoge einsetzen. Fast eine halbe Stunde vergeht, bis es zur ersten, längeren Unterhaltung im Film kommt. Das meiste muss man aus den Gesichtern der emotional angeschlagenen Hauptfiguren lesen. Oder aus deren drastischen Verhaltensweisen: etwa dann, wenn es kurz nach einem abermaligen Wut- und Verzweiflungsanfall von Nina aufgrund des Doppellebens ihres verstorbenen Freundes, zu leidenschaftlichen und hemmungslosen intimen Momenten zwischen ihr und Matthias kommt. Diese Momente sind unnachgiebig und beklemmend. So, wie es der komplette Film ist.

Björn Schneider