Die Jungfrau, die Kopten und ich

Wie der Titel von Namir Abdel Messeeh Film schon andeutet, geht es in „Die Jungfrau, die Kopten und ich“ um eine ganze Menge. Das „Ich“ müsste eigentlich an erster Stelle stehen, denn in erster Linie beschreibt der aus Ägypten stammende Franzose Messeeh auf amüsante, sehr persönliche Weise, wie er einen Film drehen wollte und dabei auf vielfältige Hindernisse stieß.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Frankreich 2012 – Dokumentation
Regie: Namir Abdel Messeeh
Buch: Namir Abdel Messeeh, Natalie Najem, Anne Paschetta
Länge: 85 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 13. Juni 2013

PRESSESTIMMEN:

"…ein wunderbar leichter und doch tiefsinniger Film."
BERLINER ZEITUNG

"Wunderbar leichthändig fängt der Debütfilm die Stimmungslage während des Arabischen Frühlings in Ägypten ein."
film-dienst

FILMKRITIK:

Noch bevor der Titel seines Films eingeblendet wird, spielt Namir Abdel Messeeh eine Nachricht seines Produzenten ab: „Dreht sich der Film nun über die Kopten, die Jungfrau oder dich?“, fragt er, und übel nehmen kann man ihm die Verwirrung nicht. Anfangs wirkt der Debütfilm des in Frankreich geboren und aufgewachsenen Messeeh, dessen Familie aus Ägypten emigrierte, noch klar: Auf einer alten Videokassette, die im Kreis der Familie immer wieder angeschaut wird, ist etwas zu sehen, dass eine Marienerscheinung sein soll. Für die Religionsgemeinschaft der Kopten ein außerordentliches Ereignis, dem Messeeh auf den Grund gehen will.

So wie er sein Projekt anfangs schildert, hört es sich wie der Versuch an, die besondere Situation der christlichen Minderheit Ägyptens zu beschreiben, ihr Verhältnis zur islamischen Mehrheit, etwaige Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und, neben allem, einen Film über die Herkunft seiner Familie zu drehen. Wie es dann zu dem nun vorliegenden Ergebnis kam, ist nicht ganz klar: In Kairo sieht man Messeeh bei Versuchen, Zeugen der Marienerscheinung aufzutreiben, was ebenso scheitert wie Versuche, den Patriarchen der koptischen Kirche vor die Kamera zu bekommen – nicht zuletzt weil sich Messeeh unverblümt als Agnostiker zu erkennen gibt.

Schließlich beschließt Messeeh in das Dorf seiner Mutter zu fahren, wo er hofft, seine Recherchen beenden zu können. Was er dort findet, sind vor allem seine entfernten Verwandten, ein Leben, das so beschaulich ist, dass sein französischer Produzent entnervt die Unterstützung beendet, er würde Messeeh schließlich nicht für Urlaub und das Drehen von Privatvideos bezahlen. Und so springt die Mutter helfend ein, was angesichts von Messeehs zwar sympathischer, aber auch etwas planloser Desorganisation auch bitter nötig ist. Im nun folgenden letzten Drittel der Dokumentation steht der Versuch im Mittelpunkt, eine Marienerscheinung „nachzustellen“, quasi als Spielszene zu inszenieren.

Dass „Die Jungfrau, die Kopten und ich“ trotz der mäandernden, oft etwas unbestimmten Erzählweise stets unterhaltsam bleibt, liegt in erster Linie am grundsympathischen Messeeh. Was bei anderen Regisseuren eine eitle Selbstbespiegelung hätte werden können, wird bei ihm zum amüsanten Suchen und Finden eines Films. Dass dabei die interessanten Themen, die am Anfang des Projekts standen, nur oberflächlich angerissen werden, ist zwar bedauerlich, doch dafür gelingen Messeeh gerade gegen Ende pointierte Szenen, in denen auf subtile Weise das Verlangen der Menschen nach Illusion angedeutet wird: Sei es durch eine Marienerscheinung oder das Kino selbst.

Michael Meyns

Ägypten zur Zeit des Sturzes von Mubarak. Die Muslime behaupten, die christlichen Kopten machten 6 Prozent der Bevölkerung aus, die Kopten dagegen sagen, sie stellten 20 Prozent dar. Soweit zur Volkszählung.

Eines ist sicher: Die religiösen Traditionen der Kopten stammen aus dem Altertum. Sie behaupten, sie seien die wahren Ägypter. Sie vertreten ihre Religion mit großem Enthusiasmus. Vor allem Maria, die Mutter von Jesus, genießt eine übergroße Verehrung. Immer wieder heißt es, sie sei da und dort erschienen. Sie habe die Madonna gesehen, behauptet auch die Mutter des (in Paris beheimateten) Filmregisseurs Namir. Der will an Ort und Stelle der Sache auf den Grund gehen, einen Film darüber drehen.

Er macht sich also auf an verschiedene „Erscheinungsorte“. Doch die Schwierigkeiten reißen nicht ab. Es gibt widersprüchliche Zeugen, es gibt zu wenige davon, es gibt Komplikationen mit den Drehgenehmigungen, und es gibt immer wieder die Forderung der Mutter, er solle sein Projekt fallen lassen.

Vor allem verlangt sie, dass keines der Mitglieder ihrer Familie in dem eventuellen Film zu sehen sein dürfe, denn der Clan lebt auf dem Land in einem Dorf und ist bitter arm. Das alles aufzuzeigen sei für ägyptische Ehrenverhältnisse unmöglich.

Seinen eigentlichen Film kann Namir mangels Masse gar nicht fertig stellen. Er überschreitet sowieso die Drehzeit und bekommt mehr als einmal Schwierigkeiten mit seinem Produzenten.

Das Verbot seiner Mutter missachtet er, und so wird sein Film schließlich ein Bild des ägyptischen Landlebens; der ganzen weitverzweigten Familie mit Großmutter, Onkeln und Tanten sowie der vielen Kinder; der Nöte, die diese Menschen auch nach der „Revolution“ haben; der bitteren Armut, in der sie leben müssen.

Die „Erscheinung“ kommt dann doch noch zustande – aber nicht von der Jungfrau Maria, sondern von einer jungen Frau aus dem Dorf oder aus der Gegend. Streng genommen hätte sogar eine Muslimin dafür genommen werden können.

Aus dem ursprünglichen Projekt wurde also nichts. Und dennoch gibt der formal sehr einfache Film ein wahres Bild; zeigt Menschen und Landschaft einprägsam; sagt einiges über sie und ihre schweren Lebensbedingungen aus; handelt von religiöser (vielleicht auch falscher) Innigkeit; stellt den Aberglauben bloß; weist darauf hin, was in Ägypten an Erziehung und Bildung unternommen werden könnte; verdient insofern durchaus Interesse.

Thomas Engel