Die Kunst der Nächstenliebe

Mit seiner preisgekrönten Hauptdarstellerin Agnès Jaoui kann der französische Regisseur Gilles Legrand einiges riskieren. Sie verhindert, dass die Gratwanderung seiner raffinierten Tragikomödie über das „Helfersyndrom“ ins Zynische abgleitet und die Macht der Vorurteile zementiert, statt sie zu entlarven. Nicht umsonst hat die wunderbare Autorin und Filmemacherin zusammen mit ihrem Partner Jean-Pierre Bacrí die französische Sittenkomödie mit schlagfertigen Spitzfindigkeiten und einem Röntgenblick auf menschliche Eitelkeiten und Schwächen wiederbelebt. Mit bewundernswerter Präsenz und selbst ironischem Blick sorgt die 55jährige dafür, dass der Beifall nicht aus dem falschen Lager kommt.

Webseite: www.neuevisionen.de

Frankreich 2018
Regie: Gilles Legrand
Drehbuch: Léonore Confino, Gilles Legrand
Darsteller: Agnès Jaoui, Tim Seyfi, Alban Ivanov, Tim Seyfi, Claire Sermonne, Michèle Moretti, Philippe Torreton, Eric Villard, Marie-Julie Baup, Diier Benureau,  Martine Schambacher, Chantal Yam, Romeo Hustiac, Daria Pachenko
Länge: 103 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 30. Januar 2020

FILMKRITIK:

Die 50jährige Isabelle (Agnès Jaoui) engagiert sich unermüdlich. Sie hilft bei gemeinnützigen Einrichtungen, rennt von der Kleiderspende zur Suppenküche und verteilt in Obdachlosen-Camps Handzettel, um Migranten für ihren kostenlosen Sprachkurs zu gewinnen. Leider landen ihre Flyer nicht selten zum Aufwärmen in den Feuertonnen. Doch davon lässt sich die Pariserin nicht entmutigen. In ihrem Sprachkurs versucht sie ihren Schützlingen so gut wie möglich zu helfen.

Zuhause freilich hängt der Haussegen schief. Vor allem ihre Tochter Zoé  ist genervt, dass ständig Kleider von ihr verschwinden, um Bedürftige zu versorgen. Sie will nicht ständig hören, wie privilegiert sie lebt im Gegensatz zu den Flüchtlingen. Und selbst Ehemann Adjin  (Tim Seyfi), ein ehemaliger bosnischer Flüchtling, der sich mithilfe von Isabelle zum Versicherungsagent hochgearbeitet hat, ist es leid. Einst lernten sich die beiden während des Jugoslawienkriegs kennen und lieben. Isabelle leistete in den Kriegsgebieten als NGO Freiwilligenarbeit.

Besonders vor Weihnachten ist die Situation angespannt. Denn die „sinnlose Geschenkorgie“ will Isabelle auf keinen Fall unterstützen. Beim gemeinsamen Essen mit ihrem Bruder und seiner Frau entlarvt Isabelle auch noch scharfzüngig deren unterschwelligen Rassismus. Als die Schwägerin gedankenlos von ihrer Putzfrau, als „einer kleinen Monegassin“ schwärmt, hakt sie nach. „Wieso denn kleine? Ist sie Zwergin?“, fragt sie ungeniert in die Runde.

Isabelles Lebenskonzept bekommt jedoch Risse als Konkurrenz  auftaucht. Ausgerechnet eine Deutsche soll plötzlich Französisch unterrichten. Die blonde Elke Hammler (Claire Sermonne) ist auch noch superfreundlich und im Gegensatz zu Isabelle hat sie pädagogische Lehrmethoden studiert. Plötzlich verliert Isabelle Schüler. Gleichzeitig steigt die Angst nicht mehr gebraucht zu werden. „Was würde euch denn helfen einen Arbeitsplatz zu finden?“, fragt sie deshalb einigermaßen verzweifelt ihre Kursmitglieder.

Ein Führerschein würde sie weiterbringen, so die Antwort. „Meine Schüler brauchen einen Führerschein, sonst können sie kein Geld verdienen“, setzt sie den ziemlich abgehalfterten Fahrlehrer Attila (Alban Ivanov) kurz darauf unter Druck. „Sie sind eine Bürgerliche und machen einen auf sozial“, versucht der sie abzuwimmeln.  Ihre umwerfende Idee einer „sozialen Fahrschule“ überzeugt ihn dann doch. Denn mit den Fördergeldern hofft er sein finanzielles Tief  zu überwinden.  Regisseur Gilles Legrand  hinterfragt in seiner turbulenten Tragikomödie Motivation und den Hintergründe von sozialem Engagement, das bis zur Aufopferung geht.

Dabei schont er niemanden. Denn die Sucht zu helfen und gebraucht zu werden, tut sicher keinem gut. Dass dahinter mangelndes Selbstwertgefühl stehen kann, ist nicht neu. Im Falle Isabelles verortet das Drehbuch als Hauptantrieb für ihr Handeln die Suche nach der Liebe ihrer abweisenden, unterkühlten Mutter. Für die deutsche Sprachlehrerin Elke treibt es die Dramaturgie auf die Spitze. Als Tochter des Naziverbrechers Heinrich Himmlers, Reichsführer SS, sitzt sie in der Aufopferungsfalle. Tatsächlich half die wirkliche Gudrun Himmler bis ins hohe Alter Naziverbrechern und war ein „Star der braunen Szene“. In den Sechzigerjahren beschäftigte der Bundesnachrichtendienst sie als Sekretärin.

Bei seinem waghalsigen Balanceakt den richtigen Ton zu finden unterstützt Legrand seine grandiose Hauptdarstellerin Agnès Jaoui als liebenswert, menschliche Heldin mit Fehlern und Qualitäten. Nicht umsonst hat die Autorin und Filmemacherin die französische Sittenkomödie mit schlagfertigen Spitzfindigkeiten und einem Röntgenblick auf menschliche Eitelkeiten und Schwächen wiederbelebt. Mit bewundernswerter Präsenz  und selbst ironischem Blick sorgt sie dafür, dass der Beifall nicht aus dem falschen Lager kommt. Denn einem anderen zu helfen sollte nicht zuletzt ein Grundmuster zwischenmenschlicher Beziehungen sein.

Luitgard Koch