Die Legende der weißen Pferde

Kaum erreicht die 12-jährige Mickey ihre neue Heimat in Irland, stellt sich heraus, dass ihr Schicksal mit der mysteriösen Legende um einen schwarzen Ritter und sieben weiße Pferde verbunden ist. Ihre Nachforschungen verstricken Mickey in ein Abenteuer, das sie tief in die Vergangenheit führt. Mit „Die Legende der weißen Pferde“ inszeniert die Regisseurin Lisa Mulcahy ein Pferdeabenteuer, das sich thematisch und mit der selbstbewussten Hauptfigur Mickey vor allem an Mädchen richtet. Der handwerklich kompetent umgesetzte Jugendfilm hält die Handlung mit einigen ziemlich gruseligen Szenen auf Trab, bietet aber keine erzählerischen Überraschungen. Die junge Zielgruppe könnte dennoch Gefallen daran finden.

Webseite: www.die-legende-der-weissen-pferde.de

OT: The Legend of Longwood
Niederlande, Irland, Deutschland 2014
Regie: Lisa Mulcahy
Darsteller: Thekla Reuten, Miriam Margolyes, Brendan Conroy, Fiona Glascott, Lorcan Cranitch, Stephen Cromwell, Lucy Morton, Sean Mahon
Länge: 99 Min.
Verleih: Kinostar Filmverleih
Kinostart: 24.09.2015
 

FILMKRITIK:

Die 12-jährige Mickey Miller (Lucy Morton) zieht mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder von New York in das irische Provinzstädtchen Longwood, wo die Familie eine alte Mühle geerbt hat. Kurz nach ihrer Ankunft ereilen seltsame Visionen das Mädchen, in denen ein unheimlicher Ritter auf einem Pferd durch die Wälder reitet. Lady Thyrza (Miriam Margolyes) aus dem nahe gelegenen Schlösschen klärt Mickey über die Hintergründe auf: Vor 300 Jahren lebte ein König in Longwood, der bei einem Brand seine sieben Kinder verlor und fortan als finsterer Ritter durch die Gegend zog. Sein Geist sucht die Bewohner von Longwood seitdem alle paar Jahre heim. Die Erwachsenen und selbst die meisten Kinder schenken dieser vermeintlichen Spukgeschichte keinen Glauben, doch Mickey vertraut auf ihr Gefühl und erforscht die Hintergründe auf eigene Faust.
 
Die im Titel versprochenen weißen Pferde spielen in der alten Legende eine Schlüsselrolle und verbinden die Vergangenheit mit der Gegenwart, denn seit dem Tod der sieben Königskinder leben immer exakt sieben weiße Pferde in der Gegend um Longwood. Derzeit hat Lady Thyrza die Pferde, darunter auch der stattliche Hengst Silver, auf ihrem Gestüt versammelt. Als die Dame jedoch stirbt, geraten die Tiere in Gefahr. Die intrigante Caitlin (Fiona Glascott) steht nämlich kurz vor der Hochzeit mit dem neuen Schlossherrn. Die Pferde sind ist ihr ein Dorn im Auge. Anstelle von Pferdeäpfeln und einem Stall möchte die materialistische Caitlin lieber einen Swimmingpool installieren.
 
Dass „Die Legende der weißen Pferde“ insbesondere Mädchen als Zielgruppe anpeilt, offenbart nicht nur das Pferde-Thema als solches, sondern auch ein flüchtiger Blick auf die Figurenkonstellation. Von der Pferdehalterin über die Antagonistin und ihre Tochter bis zur Heldin Mickey sind alle zentralen Figuren weiblich. Die männlichen Figuren agieren hingegen sehr passiv: Mickeys Bruder bleibt genauso im Hintergrund wie ihr neuer Kumpel und der gutherzige Stallknecht. Der Schlossherr avanciert zum Spielball seiner Gattin und Mickeys Vater bleibt gleich völlig abwesend, weil er während einer Expedition in Ägypten verschollen ist.
 
Die Heldenreise des Mädchens erzählt Regisseurin und Co-Autorin Lisa Mulcahy mit einigen Gruselelementen, die sich gut in die herbstliche Kulisse  einfügen. Bevor es beim Finale allerdings zu einer brenzligen Situation kommt, plätschert die Handlung über weite Strecken allzu gediegen vor sich hin. Als erzählerischer Hemmschuh erweist sich etwa die etwas verworrene und unnötig komplizierte Hintergrundgeschichte, die Mickey stückweise aufdeckt. Zwar gefällt eine Sequenz, die die Ausführungen von Lady Thyrza im Stil von Tuschezeichnungen visualisiert, doch über weite Strecken bremst sich die eigentlich simple Geschichte mit ihrer stetigen Erklärungswut selbst aus.
 
Gleichzeitig entwickeln die Figuren keine sonderliche Tiefe, sondern erfüllen lediglich ihre jeweils klar umrissene narrative Funktion. Selbst die Hauptfigur Mickey, an deren Seite der Zuschauer Longwood und die mysteriöse Legende entdeckt, bietet nur wenige Anknüpfungspunkte. Dass ihr Vater verschollen ist, spielt eine nebensächliche Rolle, und Mickeys Verbindung mit der alten Legende bleibt diffus. Die von der debütierenden Lucy Morton charmant gespielte Heldin erscheint vor allem als Mittel zum Zweck, die titelgebende Legende auszuführen, und weniger als eigenständiger Charakter. So kommt das konventionell inszenierte Mädchenabenteuer zwar nicht ohne Längen aus, überzeugt aber immerhin mit einem spannenden Finale und einer guten Hauptdarstellerin.

Christian Horn