Die Maske

Kaum jemand geht so harsch mit ihrer Heimat ins Gericht wie die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska, die mit ihrem Film „Die Maske“ erneut im Berlinale Wettbewerb zu sehen war und dort mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. In ihrem an eine Fabel erinnernden Film erzählt sie von Vorurteilen, der Kirche und dem konservativen Polen.

Webseite: grandfilm.de/die-maske/

Twarz
Polen 2018
Regie: Małgorzata Szumowska
Buch: Małgorzata Szumowska & Michael Englert
Darsteller: Mateusz Kosciukiewicz, Agnieszka Podsiadlik, Malgorzata Gorol, Roman Gancarczyk, Dariusz Chojnacki
Länge: 91 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 14. März 2019

FILMKRITIK:

Im ländlichen Süden Polens spielt der Film, dem Szumowska selbst als modernes Märchen, als Fabel bezeichnet hat, die mit dementsprechend grobem Strich erzählt ist. Hauptfigur ist Jacek (Mateusz Kosciukiewicz), etwa Mitte 20 und mit seinen langen Haaren und der Jeansjacke mit Metallica-Aufnäher schon rein äußerlich ein Außenseiter in der konservativen polnischen Gesellschaft. Mit Vorliebe hört Jacek Trash Metal und tanzt auf den Dorffesten mit seiner Verlobten Dagmara (Malgorzata Gorol) wilde Tänze, entzieht sich aber den ansonsten üblichen Wodka-Exzessen der männlichen Bevölkerung.
 
Als Satanist bezeichnen ihn die Dorfkinder nur halb im Spaß, dabei arbeitet Jacek am Bau einer gigantischen Jesus-Statue mit, die bald ehrfurchtsvoll über die Region blicken wird.
Doch dann hat er einen schweren Unfall, fällt – voller Symbolkraft – in den Schlund des riesigen Jesus und wacht nach zahlreichen Operationen bald mit einem neuen Gesicht auf. Attraktiv ist er nun zwar nicht mehr, aber auch nicht fürchterlich entstellt. Dennoch wird er in der Dorfgemeinschaft nun erst recht zum Außenseiter, wird schief angesehen, von der Verlobten verlassen, selbst von seiner Familie nur halbherzig akzeptiert.
 
Höchst ökonomisch erzählt Szumowska diese Fabel, gefilmt in kräftigen Breitwandbildern, die das ländliche Polen oft wie einen Spielzeugkasten wirken lassen. Verstärkt wird dieser Effekt durch extreme Unschärfen, die oft weite Teile des Bildes verwaschen erscheinen lassen und eine Art Guckkasteneffekt erzeugen, in dem die Figuren wie Miniaturen in einem Diorama wirken.
 
Wie eine Versuchsanordnung wirkt dann auch der ganze Film, der mit grobem Strich eine Welt zeichnet, die von beiläufiger Xenophobie geprägt ist, in der der Katholizismus das Maß aller Dinge ist, Mitmenschlichkeit aber ein Wert ist, der nur in der Bibel steht und gepredigt, aber nicht gelebt wird.
 
In losen Szenen zeichnet Szumowska eine oberflächliche Gesellschaft, besessen vom ungezügelten Konsum-Kapitalismus, der ihr so lange verwehrt war, geprägt vom Katholizismus, doch blind für die zunehmende Ausländerfeindlichkeit, die jede beliebige Randgruppe trifft.
 
So berechtigt und akkurat beobachtet dieses Bild ihrer Heimat auch sein mag: Es ist bedauerlich, dass Szumowska sich nicht dazu entschieden hat, komplexere Figuren zu entwickeln, Jacek zu mehr zu machen als einem Symbol für das Fremde, den Anderen. Politisch mag man das nennen, doch in erster Linie begnügt sich „Die Maske“ trotz allem damit, Vorurteile zu bestätigen.
 
Michael Meyns