Die Meta-Morphose

Mit ihrem sensiblen Dokumentarfilm beleuchten die musikbegeisterten Regisseure Daniel Siebert und Tim Karasch einen aus der Öffentlichkeit verdrängten Lebensbereich – den Alltag und das Zusammenleben psychisch kranker Menschen und ihr Bemühen inneren Halt, Solidarität und Anerkennung zu finden. Ein gemeinsames Bandprojekt, das nach fünfzehn Jahren vor dem ersten Festivalauftritt steht, bildet dabei den Rahmen, in welchem die außergewöhnlichen Musiker ihre Geschichten erzählen, vom Kampf gegen Zukunftsangst, die traumatische Vergangenheit und den eigenen Körper. Eindringlich und bewegend, ist "Die Meta-Morphose" ein Porträt von außergewöhnlicher Nähe, das zeigt, wie Dünnhäutigkeit in die Krise und zum gesellschaftlichem Ausschluss führen kann, es beweist aber ebenso die integrative Kraft der Musik. 

Webseite: www.die-meta-morphose.de

Deutschland 2013 – Dokumentation
Länge: 100 Min.
Regie: Daniel Siebert und Tim Karasch
Mitwirkende: Rita Keiner, Roland Böhlig, Klaus Veit, Jörg Mades u.a.
Verleih: Schnittstelle Film und Media Produktion
 

FILMKRITIK:

Im Frankfurter "Meta-Quark-Haus" für betreutes Wohnen entstand 1997 eine besondere Initiative, in der die dort lebenden "psychisch Kranken" zusammen mit Therapeuten und Pflegern eine Band gründeten, die auf möglichst offene Art einen Raum zum Selbstausdruck bieten sollte. Diesen zu finden ist für die Bewohner kein leichtes Unterfangen, aufgrund des inneren Ungleichgewichts, aber auch der gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, in denen sie sich meist nicht verorten können. Das gemeinsame Musikmachen ist für die vier Protagonisten, denen Siebert und Karasch behutsam folgen, zu einer den wenigen bedeutsamen Kontinuitäten geworden, die positive Veränderungen bewirken. So berichten die einzelnen Bandmitglieder nach und nach von ihren Schwierigkeiten und dem eigenen Ringen mit der Welt der erklärten Normalen, die sich in einer vermeintlich getrennten Sphäre abzuspielen scheint. Ihre Welt ist die des permanenten Ausnahmezustands, der Psychopharmaka und der unerbittlichen Wellen von Rückschlägen, wenn die Symptome wieder auftreten. Aber hinter diesem Eindruck, wie er von der Gesellschaft nur allzu gern festgeschrieben wird, entbergen die beiden Regisseure eine unerwartete Schönheit und Kreativität, die bestürzt und berührt. Bestürzt vor allem deshalb, weil durch sie die Enge unserer eigenen Normativität ins Auge fällt, die nur bestimmte Ausdrucksformen als anerkennenswert und schöpferisch akzeptieren will.

Da ist die resolute Sängerin Rita, die schon mit sechzehn Jahren ihren ersten psychotischen Schub erlebte und ihre eigene Ausgrenzung in selbstgeschrieben Science-Fiction-Geschichten zum Ausdruck bringt, in denen sie außerirdische Völker beschreibt, die in der Lage sind, dem Fremden mit Liebe und Interesse zu begegnen. Auch der Keyboarder Roland verfügt über eine große Produktivität, in welcher er stundenlang vor sich hin komponieren kann, der Schlagzeuger Klaus schließt sich oft nachts in den Proberaum ein, um einen Rhythmus gegen seine Angst zu finden. Die Band ist ein Ort der geteilten Sinnhaftigkeit, der allerdings auch eine Herausforderung an seine Mitglieder stellt, denn das Zusammenspiel erfordert eine gewisse Form von Beherrschung und Kontrolle, die manchmal schwer aufzubringen ist. So muss der hyperaktive Jörg, der zwar die fantastischsten Gebilde aus Lego-Steinen bauen, aber nicht still sitzen kann, eine doppelte Ausgrenzung erfahren, als er nicht mehr mitmachen darf – eine interessante Konstruktion im Film, die zeigt, wie problematisch das Ziehen von Grenzen sein kann.

Im Angesicht des bevorstehenden ersten Auftritts in der Öffentlichkeit verstärken sich die Ängste und Problematiken aller Beteiligten, aber auch der Zusammenhalt und die Hoffnung auf ein positives Erlebnis mit der Welt "da draußen". Den offenen Raum, welchen die Meta-Band ihren Mitgliedern zugesteht, ermöglichen Siebert und Karasch ihren Protagonisten ebenfalls. So gibt es glücklicherweise keinen bevormundenden Kommentar, keine aufgezwungene Dramaturgie, sondern nur ein Halten der Erlebnisse, welche die empfindsamen Menschen mit dem Zuschauer teilen wollen und ein unterstützendes und verständnisvolles Begleiten bei ihrem Weg sich Gehör zu verschaffen.

Die nahen Einstellungen auf ihre Gesichter erzeugen eine starke Verknüpfung mit den wechselnden Gefühlslagen, der tiefen Verletzlichkeit und den Spuren, die eine sogenannte "Psychiatrie-Karriere" im Körper hinterlassen hat. Dadurch wird der Film auch zu einer impliziten Kritik eines Systems, das als Antwort auf krisenhafte Zustände lange nur Medikation kannte, in Form von "vielen bunten Smarties" wie Rita einmal ironisch bemerkt.

Doch "Die Meta-Morphose" geht viel tiefer, wenn das Regie-Duo nicht nur die sichtbaren Symptome, sondern die Zusammenhänge hinter ihnen rahmt, welche deutlich machen, dass psychische Erkrankung immer eine Geschichte hat, die nicht einfach so da ist, so wie Menschen nicht einfach für sich sind. Daher beleuchten sie traumatische Erlebnisse, auswegslose Familienbeziehungen und das Versagen der Umwelt, ohne dabei jemals zu deuten oder zu psychologisieren. Und so ist es auch klar, wieso ein integrativer Ansatz wie die Meta-Band viel besser als Therapie funktioniert, weil er keine Behandlung in dem Sinne darstellt, die immer nur pathologisieren kann, sondern statt dessen zerstörte Zusammenhänge wiederherstellt, Gemeinschaft hervorbringt, die heilt. Siebert und Karasch dokumentieren nicht nur eine tiefgreifende Verwandlung, sie erzeugen sie durch ihren empathischen Film auch im Zuschauer, der durch ihn die Grenzen der Normalität neu befragen kann.

Silvia Bahl