Die Nacht der Giraffe

In den Zoo geht man, um dort Lebewesen zu sehen, die ihren ursprünglichen Lebensraum in Welten haben, die dem Menschen nur schwer zugänglich sind. Im Zoo darf man staunen und die Tiere in ihrem Verhalten beobachten. Für das kleine Mädchen Lana ist diese Welt ein ganz normales Zuhause. Hier wächst sie auf und empfindet das Leben außerhalb des Tierparks deshalb als fremd. „Die Nacht der Giraffe“ vom indonesischen Regisseur Edwin zeichnet nun ihren Weg hinaus in die Gesellschaft, verbunden mit der Suche nach ihrer eigenen Identität, nach. Das Motiv der Sehnsucht steht dabei im Vordergrund, im Film äußert es sich in einer Traum und Wirklichkeit vermengenden somnambulen Atmosphäre, die jedoch mehr wie ein Märchen denn eine realitätsnahe Schilderung eines realen Lebens wirkt. In der Kinolandschaft ist dieser Film aus Südostasien ein sehenswerter Außenseiter – und damit so etwas wie ein exotisches Tier im Zoo, das anzuschauen sich lohnt.

Webseite: www.neuevisionen.de

OT: Kebun Binatang; engl. Titel: Postcards from the zoo
Indonesien/Deutschland/Hongkong/China 2012
Regie: Edwin
Darsteller: Ladya Cheryl, Nicholas Saputra, Adjie Ahmad, Klarysa Aurelia Raditya, Dave Lumenta u.a.
96 Minuten
Verleih: Neue Visionen Filmverleih
Kinostart: 17.1.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Von Natur aus ist die Giraffe ein Herdentier. In der Gefangenschaft eines Tierparks jedoch kann sie zum Einzelgänger werden. Vielleicht hat das Mädchen Lana sie deshalb zu ihrem Lieblingstier erwählt, denn auch Lana ist, seit ihr Vater sie nach einem Zoobesuch quasi ausgesetzt hat, eine Einzelgängerin. Die Welt außerhalb des Zoologischen Gartens von Jakarta hat Lana nie kennengelernt. Ganz so wie die Tiere, mit denen sie aufwächst, ist ihr ihr ursprünglicher Lebensraum also fremd. Doch sie spürt eine Sehnsucht danach – und als sie eines Tages, nun zu einer jungen Frau gereift, einen geheimnisvollen Cowboy und Zauberkünstler kennenlernt, nutzt sie die Gelegenheit, um ihm in die Welt vor den Toren des Zoos zu folgen. Dort aber ist sie bald schon auf sich gestellt.

Der indonesische Regisseur Edwin, 1978 in der Hafenstadt Surabaya (die auch einen großen Zoo hat) geboren, hat seinen Film in drei Teile gegliedert, die er mit Begriffen aus der Zoologie überschrieben hat und die im Zusammenhang seines Films auch als Entwicklungsstufen von Lanas Leben gelesen werden können. „Ex-situ“, „endemisch“ und „Re-Introduction“ lauten diese Schlagworte, und sie beschreiben den Weg vom Leben bedrohter Geschöpfe an einem geschützten Ort (dem Zoo), dem sich Anpassen und Sesshaftwerden und den Prozess des Auswilderns – also die Rückkehr in den urspünglichen Lebensraum.

Vor allem in der ersten Hälfte bewegt sich „Kebun Binatang“, 2012 im Wettbewerb der Berlinale vorgestellt, in seinen Bildern noch schlafwandlerisch durch eine traumähnliche Welt, wie sie auch für südostasiatische Autorenfilmer wie den thailändischen Regisseur Apichatpong Weerasethakul („Uncle Bonmee erinnert sich an seine früheren Leben“) charakteristisch ist. Bilder, die mehr symbolisch denn physisch von Gefühlen und Stimmungen erzählen und nur weniger Worte bedürfen. Die Tiere im Zoo, sie treten hier, obwohl physisch präsent, wie Gestalten eines Traumes in Erscheinung – und repräsentieren mit ihren Charaktereigenschaften jene Gedanken und Erfahrungen, die Lana etwas bedeuten.

Erst als das Mädchen den Cowboy und Gelegenheitsmagier kennenlernt, sich in ihn verliebt und ihm in die Welt außerhalb des Zoos folgt, wo er sich jedoch bald schon verflüchtigt, tritt auch der Film ein in eine konkrete Welt. Eine, die jedoch weniger typischen indonesischen Alltag zeigt (sieht man mal ab davon, dass Zoobesuche mit Picknick in fast schon rummelplatzähnlicher Atmosphäre als beliebte Freizeitbeschäftigung in Südostasien gelten), sondern sich auch hier durch eine Künstlichkeit und Fremdheit äußert. Lana nimmt eine Arbeit in einem Massagesalon auf, betritt bei ihrer Suche nach Sinnlichkeit eine neue Stufe, wobei sie mit ihren Kunden anderen Menschen mit einer Sehnsucht nach Berührung und Geborgenheit begegnet. Was auf den ersten Blick wie ein radikaler Schritt in die raue Wirklichkeit eines Sex-Milieus erscheint, ist tatsächlich aber nichts weiter als die Fortführung des eingeschlagenen traumwandlerischen Weges in einer Umgebung, die einige Gemeinsamkeiten mit der Geschlossenheit von Zoogehegen hat.

„Die Nacht der Giraffe“ ist für den europäischen Kinobesucher ein Exot, der sich einer ungewohnten Sprache und Sichtweise bedient, einem anderen Verständnis von Poesie gehorcht und in einem Umfeld fremder Mythen, Sagen und Erinnerungen, aber auch Lebensbedingungen spielt. Wie beim Besuch eines Zoos tut man gut daran, sich geduldig treiben zu lassen und einfach nur zu beobachten. Dies bringt einen dem Gefühl von Verlassenheit und der Sehnsucht der Hauptfigur ganz von allein am nächsten.

Thomas Volkmann

Djakarta, die Hauptstadt Indonesiens. Lana lebt dort. Sie ist ein kleines Mädchen. Von ihrem Vater wurde sie einfach ausgesetzt. Jetzt lebt sie im Zoo der Stadt. Von den Wärterinnen und Wärtern wird sie ernährt und mehr oder minder groß gezogen.

Immer wieder besucht sie die Tiere: die Nilpferdmutter und ihr Junges, einen Tiger, die Elefanten und ganz besonders die einzige Giraffe in dem Zoologischen Garten. So geht das jahrelang.

Jetzt ist sie eine Jugendliche geworden. Kein Wunder, dass ihre Aufmerksamkeit nun weniger den Tieren als einem als Cowboy verkleideten jungen Mann gilt, der sich als Zauberer herausstellt. Sie ist verblüfft von den Kunststücken, die er vorführt – und sie verliebt sich in ihn. Sie wird ebenfalls zur „Indianerin“. Zum ersten Mal in ihrem Leben verlässt sie den Zoo.

Das Glück aber dauert nicht lange. Eines Tages löst sich der Zauberer, zu dessen Tricks es gehörte, Gegenstände verschwinden zu lassen und sie wiederum hervorzuzaubern, in Luft auf.

Lana ist auf sich selbst gestellt. Den Zoo, ihre „Heimat“, ihre Vergangenheit hat sie verlassen, hat sie sowohl physisch als auch mental verloren. Sie beginnt ihr neues Leben ausgerechnet in einem Massagesalon. Doch bald gibt sie diesen Weg auf. Sie muss sich orientieren, ein neues Zuhause, eine neue „Heimat“ finden.

Ein sicherlich außergewöhnliches, in gewisser Weise experimentelles Projekt. Regisseur Edwin geht nicht linear und narrativ vor, sondern eher bruchstückhaft, auf jeden Fall traumhaft-traumwandlerisch. Seine Themen sind die Einsamkeit und Verlassenheit von Mensch und Tier: Letztere befinden sich im Zoo ja nicht in ihrer natürlichen Umwelt („Bitte die Tiere nicht anfassen“, heißt es); die Individualität der Tiere wie hier zum Beispiel der überaus eleganten Giraffe; das menschliche Verlangen nach Gemeinsamkeit; das Scheitern eines oder mehrerer Lebensabschnitte; das ständige Forschen nach den zukünftigen Möglichkeiten.

Die Tier- und Landschaftsaufnahme sind wunderbar. Die Darstellerin der Lana hinterlässt Eindruck. Das Sujet, die eigenwillige Gestaltung und das Traumhafte daran verlangen viel Einfühlungsvermögen. Wie gesagt ein außergewöhnliches, experimentelles Projekt.

Regisseur Edwin: „Für mich ist der ganze Film ein Traum, die Realität ist nur das Rohmaterial des Traumes.

Thomas Engel