Die perfekte Kandidatin

Als Emanzipationsgeschichte einer mutigen Ärztin, die sich in Saudi-Arabien politisch engagiert, ist der Film ebenso gelungen wie als Blick in das verborgene Leben der Frauen in einem islamistisch geprägten Land. Auch wenn es im Grunde um Frauenrechte und kulturelle Freiheit geht, beweist Haifaa Al-Mansouri (DAS MÄDCHEN WADJDA, 2012) in ihrem neuen Film, wie man ein anspruchsvolles Thema durchaus unterhaltsam verhandeln kann.

Webseite: www.die-perfekte-kandidatin.de

Originaltitel: The perfect candidate
Saudi Arabien, Deutschland 2019
Regie: Haifaa Al Mansour
Drehbuch: Haifaa Al Mansour, Brad Niemann
Darsteller: Mila Al Zahrani, Dae Al Hilali, Nora Al Awadh, Khalid Abdulrhim, Shafi Al Harthy
Länge: 101 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 12. März 2020

FILMKRITIK:

Als Haifaa Al Mansours zauberhaftes Kinodebüt DAS MÄDCHEN WADJDA ins Kino kam, durften Mädchen nicht Fahrrad fahren und Frauen war es verboten, selbst ihr Auto zu lenken. Inzwischen wurde das Fahrverbot für Frauen aufgehoben. Von daher ist die Eröffnungssequenz dieses Films besonders erfreulich, auch wenn sie auf den ersten Blick ganz normal wirkt: Die Heldin fährt im eigenen Wagen ins Krankenhaus, wo sie als Ärztin arbeitet. Doch spätestens, als sie auf die Zufahrt zur Notaufnahme abbiegt, hat der Spaß ein Ende, denn diese Schlammwüste lässt sich nicht einmal mit viel gutem Willen als Straße bezeichnen. Ein ständiges Ärgernis für Maryam und das ganze Klinikteam, vor allem aber eine Gefahr für die Kranken und die Unfallopfer, die irgendwie durch den Morast kommen müssen. Maryam hat schon alles versucht, doch weder die Vorgesetzten noch die Stadtverwaltung sieht sich in der Lage, Abhilfe zu schaffen. Hinzu kommt, dass Maryams Arbeit – freundlich ausgedrückt – von ihren männlichen Kollegen und auch von vielen Patienten nicht anerkannt wird. Kein Wunder also, dass sich Maryam anderweitig orientieren möchte und sich für einen Job im weniger konservativen Dubai bewirbt. Dafür möchte sie zu einem Ärztekongress reisen. Alles ist schon organisiert, doch als Maryam zum Flughafen kommt, wird ihr die Ausreise verwehrt. Sie benötigt dringend die Einwilligung ihres Vaters, der als Vormund seiner erwachsenen Tochter fungiert. Doch Maryams Vater ist Musiker und gerade zu einer längeren Tournee aufgebrochen – zum ersten Mal seit vielen Jahren darf er wieder öffentlich auftreten, denn das Verbot, Musik zu spielen, wurde aufgehoben. Schnelle Hilfe ist also gefragt, und in ihrer Not erinnert sich Maryam an einen Cousin, der auf einem höheren Verwaltungsposten arbeitet. Um überhaupt eine Chance zu haben, zu ihm zu gelangen, muss sie ein Formular ausfüllen, mit dem sie sich um einen Posten im Stadtrat bewirbt. Der Cousin kann ihr nicht helfen, oder er will es nicht, aber Maryam kommt ins Nachdenken: Warum sollte sie sich nicht tatsächlich als Stadträtin bewerben? Dann könnte sie endlich eine Straße zur Klinik bauen lassen. Gesagt, getan: Im Internet findet sich die Gebrauchsanweisung für eine Wahlkampagne, Maryams flippige Schwester Selma, eine Hochzeitsfotografin, sagt ihre Hilfe zu, und so startet ein höchst ungewöhnlicher Wahlkampf.

Als Ärztin ist Maryam einiges gewöhnt, sowohl von Patienten als auch von Kollegen. Bei den erzkonservativen Männern, die ihr begegnen, nützt ihr auch der Niqab nichts, der ihr Gesicht verhüllt und nur die Augen freilässt. Als Kandidatin darf sie sich nicht einmal mit ihren potentiellen männlichen Wählern im selben Raum aufhalten. Mit all diesen Restriktionen hat Maryam zu leben gelernt, aber was sie wirklich wütend macht, ist weder die weitgehende Rechtlosigkeit der Frauen oder die fehlende Anerkennung, sondern es ist der miese Zustand der Straße vor dem Krankenhaus. Nur deshalb tritt sie, eigentlich unbeabsichtigt, als eher stille, zurückhaltende Frau, aber schnell mutiger und offensiver werdend, den Weg in die Öffentlichkeit an, angefeindet von Männern und misstrauisch beäugt von Frauen. Sie ist alles andere als eine perfekte Kandidatin. Als erstes fällt der Niqab, und bald steigen Maryams Chancen, auch dank Selmas Unterstützung. Auf die Hilfe ihrer jüngeren Schwester, die einen Skandal fürchtet, muss Maryam länger warten, aber irgendwann sieht es so aus, als ob sie tatsächlich zur Konkurrenz für die Männerriege in der Stadtverwaltung werden könnte.

Nach dem flotten Drehbuch von Haifaa al Mansour und Brad Niemann entstand ein Film, der als Komödie ebenso gut funktioniert wie als Emanzipationsdrama oder als Kaleidoskop des verborgenen Frauenlebens im Islam – eine exotisch wirkende Welt voller Verbote und Regeln. Männer und Frauen arbeiten zwar zusammen, feiern aber getrennt. Die Kleidungsvorschriften werden nur in der Öffentlichkeit eingehalten, wobei es im Film sogar eine Modenschau mit Varianten der Abaya gibt, also des schwarzen Überkleides, das über der normalen Kleidung getragen werden muss. Nur wenn sie unter Frauen sind, können Frauen sich ungezwungen verhalten. Bevor Männer kommen, ergeht ein Warnruf, und alle verhüllen sich wieder. Dabei ist es interessant zu verfolgen, wie sich jede einzelne ihre kleinen Freiräume schafft. Besonders Selma hat das zur Kunstform erhoben, aber auch Maryam hat dafür ihre Techniken entwickelt, wie sie Aufmerksamkeit erhält, wenn lediglich ihre Augen zu sehen sind. Maryam meistert ihren schwierigen Alltag mit viel Geschick; ebenso raffiniert setzt Haifaa Al Mansour ihren Film in Szene – eine starke Story über die Welt der Frauen in einem streng islamischen Land, über die Notwendigkeit von Veränderungen und die kleinen Schritte dorthin, aber auch über die Auswirkungen einer restriktiven Politik auf das Privatleben.

Mit großer Leichtigkeit spielt Mila Al Zahrani die Hauptrolle als meist sehr beherrschte und gelegentlich erfreulich biestige Ärztin, die sich durchzusetzen weiß. Doch sie ist auch eine liebevolle Schwester und Tochter, auch wenn sie ab und zu ein bisschen hochnäsig wirkt. Ihr Vater ist für arabische Verhältnisse vermutlich extrem verständnisvoll. Als Künstler wurde er jahre- wenn nicht jahrzehntelang unterdrückt. Dass er nun endlich wieder Musik machen kann, bedeutet ihm viel. Inzwischen ist seine Frau und Partnerin verstorben, die Mutter seiner Töchter. Er trauert noch immer um sie, auch wenn er nicht darüber spricht. Wie die Autoren das innerfamiliäre Spannungsverhältnis zeigen, das sich aus der gemeinsamen Trauer ergeben hat, beweist viel emotionales Einfühlungsvermögen. So ganz nebenbei nähert sich Maryam, die sich für den Beruf ihres Vaters zu schämen scheint, ihm wieder an. Am Ende zeigt sie sich sogar von ihrer sensiblen Seite. Und das ist dann wirklich ein bisschen ergreifend.

Gaby Sikorski