Die reichste Frau der Welt

Ein elegantes, ironisches Familiendrama über Geld, Macht, Gier und Liebe: Thierry Klifa verwandelt das Drehbuch, das er gemeinsam mit Cédric Anger und Jacques Fieschi nach einer wahren Geschichte schrieb, in ein herrlich boshaftes und amüsantes Gesellschaftsporträt – mit einer bravourös aufspielenden Isabelle Huppert in der Hauptrolle.

 

Über den Film

Originaltitel

La Femme la plus riche du Monde

Deutscher Titel

Die reichste Frau der Welt

Produktionsland

FRA,BEL

Filmdauer

123 min

Produktionsjahr

2025

Produzent

Rubin, Mathias

Regisseur

Klifa, Thierry

Verleih

Neue Visionen Filmverleih GmbH

Starttermin

23.04.2026

 

Marianne Farrère (Isabelle Huppert) ist als Erbin eines global operierenden französischen Kosmetikkonzerns die reichste Frau der Welt. Sie wurde reich geboren und immer reicher, sie weiß und genießt es, soweit ihre zahlreichen Wehwehchen das zulassen. Der Enkel bekommt zum Schrecken seiner Eltern von ihr mal eben eine Million geschenkt, in dieser Familie kommt es auf ein paar Millionen mehr oder weniger nicht an – die eigene Seychellen-Insel, der eigene Jet, diverse Häuser und Villen … Marianne steht im Fokus eines abgeschotteten Mikrokosmos aus Luxus, selbstverständlichem Reichtum, Diskretion und stets vorhandener latenter Gier, was besonders ihr direktes Umfeld betrifft. Als sie den ubiquitösen und skandalumwitterten Fotografen und Allroundkünstler Pierre-Alain Fantin (Laurent Lafitte) kennenlernt, ergreift er die Gelegenheit beim Schopfe und schleicht sich mit dreistem Charme und unverhohlenem Eigeninteresse in ihr Leben, bis er ein vertrauter Freund geworden ist, den Marianne mit Geld und Zuneigung überschüttet. Dass er offen seine Homosexualität lebt, ist dabei kein Problem. Vielmehr weckt Mariannes übertriebene Großzügigkeit gegenüber Pierre-Alain und ihre erstaunliche Verwandlung von einer leicht mauligen Hypochonderin zur lebenslustigen Salonlöwin erst das Misstrauen, dann die Feindschaft und schließlich den Widerstand ihrer Umgebung. Ihre Tochter Frédérique (Marina Foïs) reagiert besonders eifersüchtig auf den Eindringling. Sie sieht ihre Familie, das Konzernvermögen und ihren Einfluss bedroht, während Vertraute wie Mariannes extrem taktvoller Butler Jérôme Bonjean (Raphaël Personnaz) und ihr Mann Guy (André Marcon), die Spannungen in diesem brisanten Beziehungsgeflecht zusätzlich aufladen. 

Klifa verlegt die Handlung in die 1990er Jahre, bringt zusätzlich den durchaus anspruchsvollen Aspekt der französischen Kollaboration mit Nazi-Deutschland hinein, die bis heute noch nicht vollständig verarbeitet ist, und erzählt die Ereignisse als Spiel aus Abhängigkeit, Begehren, Familienkrieg und einem feinen Blick für das in Frankreich noch immer höchst präsente Klassenbewusstsein. 

Auch darin liegt die Qualität des Films, der deutlich vielschichtiger ist, als die Inhaltsbeschreibung vermuten lässt. Thierry Klifa beweist ein feines Gespür für elegante Oberflächen und die kaum sichtbaren, aber sich vertiefenden Risse darin, und er inszeniert mit viel Freude an Zwischentönen: mal Satire, mal Tragikomödie, mal Familiendrama oder Gesellschaftsposse. Hinter den geschmackvollen Bildern von unauffälligem Luxus lauern Eitelkeit, Einsamkeit und alte Familiengeheimnisse; Klifas Humor ist nie harmlos, die Stacheln sind nur dürftig verborgen hinter einer glänzenden Fassade. Laurent Lafitte spielt Pierre-Alain als schillernden Eindringling, charmant und anmaßend zugleich: ein arroganter berechnender Drecksack, der das nicht einmal verbergen will. Er wirkt nicht einen Moment lang sympathisch und ist doch kein Abziehbild eines widerlichen Betrügers. Das spielt er ganz großartig und mit lässigem Sex Appeal. Marina Foïs setzt als Frédérique die nüchterne Härte der vernünftigen Tochter dagegen – sie wäre vielleicht die sympathischste Figur, wenn sie weniger herzlos wirken würde. Raphaël Personnaz wird immer wichtiger als geheimnisvoller und offenbar sehr vorsichtig taktierender Butler. Gemeinsam mit André Marcon als Mariannes Ehemann steht er für Mariannes „altes“ Leben in Zurückhaltung und Einsamkeit. Auch die Inszenierung arbeitet präzise: gediegene Räume, kontrollierte Eleganz, kaum ein Hauch von Dekadenz – der Reichtum wird hier nicht gefeiert, er ist weniger sichtbar als spürbar. 

Und mittendrin Isabelle Huppert: kühl, wach, zart, verletzlich, herrisch, komisch – oft alles in einem einzigen Blick. Sie sieht immer mehr aus wie ein zerbrechliches Vögelchen, aber sie spielt mit großer Entschlossenheit. Wie sie Marianne zugleich als Grande Dame, trotziges Kind und vereinsamte Frau anlegt, ist schlicht großartig. Isabelle Huppert spielt nicht auf Effekt, sondern auf Präzision, und das ist beinahe unheimlich; hier sitzt jede Geste, jede kleine Verzögerung im Satz verrät Macht, Autorität oder Bedürftigkeit und den Wunsch nach Liebe und Zuwendung, sie scheint nach Belieben mit ihrem Publikum zu spielen, so wie Marianne mit Pierre-Alain spielt, von dem sie sich trotzdem allzu gern führen lässt. Je eleganter und erlesener sie wirkt, desto billiger und vulgärer wirkt Laurent Lafitte. Auch dank der Chemie zwischen den beiden wird die Komödie zum Kinoereignis – bissig, elegant und mit zwei Stars, die den luxuriösesten Salon in eine Kampfzone verwandeln.

 

Gaby Sikorski

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