Die Reise zum sichersten Ort der Erde

In Deutschland ist „Atomkraft? Nein Danke!“ längst beschlossene Sache – damit ist das Thema freilich längst nicht Schnee von gestern. Mindestens 100.000 Jahre wird der hochradioaktive Müll noch strahlen. Die Frage eines sicheren Endlagers ist völlig ungeklärt. 350.000 Tonnen Atom-Müll gibt es weltweit, jährlich kommen 10.000 Tonnen dazu. Wie sieht eine Lösung aus? Gibt es denn jenen sicheren Ort für diesen Giftmüll, wie es Lobbyisten gerne behaupten? Die Wirklichkeit sieht anders aus. Mit Schweizer Präzision und angenehm unaufgeregt begibt sich diese Doku auf die globale Spurensuche, lässt renommierte Experten, Befürworter und Gegner zu Wort kommen. Die Erkenntnisse sind so erschreckend wie beklemmend: Ein dokumentarischer Öko-Thriller mit Gänsehautfaktor.   

Webseite: www.diereise.wfilm.de

Schweiz 2013
Regie: Edgar Hagen
Darsteller: Charles McCombie, Marcos Buser, Gregg Butler, Russell Jim, Steve Frish
Filmlänge: 100 Minuten
Verleih: wfilm
Kinostart: 19.3.2015
 

FILMKRITIK:

„Wenn man ein Haus baut, darf man die Toilette nicht vergessen“, sagt Ju Wang über seinen Job. Er ist kein Flaschner, sondern Direktor des hochradioaktiven Endlagerprogramms der Volksrepublik China. Derzeit sucht er in der Wüste Gobi nach dem passenden Klo für den Atommüll. Das Riesenreich setzt vehement auf Kernkraft: Bis 2020 sollen 40 Reaktoren am Netz sein, 18 weitere sind im Bau. Herr Wang hat derweil erst gut 20 Bohrlöcher in den Wüstenboden gerammt, ob seine Suche nach einem Endlager je erfolgreich sein wird, steht in den Sternen. „Dann fängt man irgendwo anders wieder von vorn an!“, gibt sich Charles McCombie unerschütterlich optimistisch auf die Frage, was passiert wenn die Standortsuche misslingt. Der schottische Nuklearphysiker gilt als internationale Kapazität – und er hat jahrzehntelange Erfahrung mit dem Scheitern. Seit 35 Jahren ist der Wissenschaftler in der Mission Atommüll unterwegs. Nun tritt er als Reiseführer auf bei der globalen Spurensuche nach dem „sichersten Ort der Erde“, die der Schweizer Dokumentarfilmer Edgar Hagen unternimmt.
 
57 Jahre ist es her, seit im britischen Sellafield das weltweit erste Atomkraftwerk ans Netz ging. „Zukünftige Generationen werden uns danach beurteilen, wie wir die unbegrenzten Möglichkeiten
nutzen, die uns die Vorsehung gegeben hat und denen wir das Tor geöffnet haben“, gab sich die Queen damals feierlich euphorisch. Dass damit auch eine Pandorabüchse geöffnet wurde, ahnte sie wohl nicht. Bis heute gibt es keinen Ort, wo hochradioaktive Abfälle dauerhaft entsorgt werden können. 102 Tonnen Plutonium haben sich in dem englischen Reaktor mittlerweile angesammelt. Den strahlenden Müll, den die Briten einst von anderen Ländern zur hoch bezahlten Zwischenlagerung in Sellafield übernommen haben, schicken sie mittlerweile an die Absender zurück. Per Frachter wird die brisante Ladung über die Weltmeere transportiert: „Wir reden nie über sinkenden Schiffe“ gibt sich der verantwortliche Kapitän der „Pacific Nuclear Transport Limited“ so selbstbewusst wie einst seine Kollegen von der „Titanic“. Immerhin werden heute die radioaktiven Fässer nicht mehr einfach auf hoher See über Bord gekippt, wie es Archivaufnahmen zeigen.
 
Verantwortungslosigkeit, Verdrängung und Inkompetenz ziehen sich wie ein roter Faden durch die Strategie der Entsorgung hochradioaktiver Abfälle. In Amerika sollte der strahlende Schrott der Atombomben-Produktion im Yucca Mountain vergraben werden sollte – in Sichtweite eines jungen Vulkans. Erst 2010 wurde das Wahnsinnsprojekt von Präsident Obama gestoppt. Andere Politiker sind weniger zimperlich. So freut sich der Bürgermeister von Carlsberg in New Mexico über die 1.000 Arbeitsplätze, die die nukleare Müllkippe bietet – ungeachtet aller geologischer Gefahren durch Erdöl-Bohrungen in nächster Nähe. In der Schweiz gibt man sich derweil resignierter. 200 Millionen Franken wurden in das vermeintlich sichere Endlager-Projekt „Gewähr“ investiert. Das Leuchtturmprojekt der 70 Jahre ist mittlerweile eine abgesoffene Ruine. „Der schöne Standort hat sich eigentlich in Luft aufgelöst“, kommentiert ein unabhängiger Geologe. Gorleben ist überall, könnte man hinzufügen.
 
Regisseur Edgar Hagen hält sich mit Polemik und Parteilichkeit zurück und verzichtet klugerweise auf jenen selbstgefälligen Ton, der gerne zur großen Schwäche von Polit-Dokus gerät. Er stellt ohne Besserwisserei die richtigen Fragen, lässt ausgewiesene Experten beider Seiten zu Wort kommen und setzt auf ein Publikum, das durchaus selbst die richtigen Schlüsse ziehen kann. Das Konzept überzeugt, die Dramaturgie mutet an wie aus einem Thriller.  
 
Das Schlusswort der Ohnmacht überlässt Hagen einem chinesischen Nomaden, der gemeinsam mit dem Atom-Funktionär Ju Wang auf einem Kamel sitzt. Ob es gut sei, den Atommüll 500 Meter unter seinem Weideland zu vergraben? „600 wäre besser!“.

Dieter Oßwald