Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao

Im Melodram „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ porträtiert der brasilianisch-algerische Regisseur Karim Aïnouz („Zentralflughafen THF“) nicht nur die steinigen Lebenswege zweier Schwestern, die durch das Zutun des unversöhnlichen Vaters auseinander gerissen werden, sondern zugleich die konservative brasilianische Gesellschaft der 1950er-Jahre. Der feinfühlige und in jeglicher Hinsicht intensive Film nach dem Roman „Die vielen Talente der Schwestern Gusmão“ von Martha Batalha erhielt beim Filmfestival in Cannes den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard und hat als brasilianische Oscar-Einreichung gute Chancen auf einen weiteren Triumph.

Webseite: die-schwestern-gusmao.piffl-medien.de

OT: A Vida Invisível
Brasilien, Deutschland 2019
Regie: Karim Aïnouz
Drehbuch: Murilo Hauser, Inés Bortagaray, Karim Aïnouz
Darsteller/innen: Julia Stockler, Carol Duarte, Flávia Gusmão, António Fonseca, Nikolas Antunes, Maria Manoella, Gregório Duvivier
Laufzeit: 139 Min.
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 26. Dezember 2019
 

FILMKRITIK:

Zu Beginn der 1950er-Jahre wachsen die Schwestern Euridice und Guida Gusmao (Carol Duarte, Julia Stockler) in Rio de Janeiro auf. Bei aller gesellschaftlichen Verstocktheit um sie herum haben sie immer noch sich selbst und ihr tiefes gegenseitiges Verständnis füreinander. Das ändert sich, als die achtzehnjährige Guida mit dem griechischen Matrosen Iorgos (Nikolas Antunes) in dessen Heimat auswandert. Die talentierte Pianistin Euridice hofft derweil auf ein Musikstipendium in Europa, was jedoch ein Traum bleibt. Denn stattdessen heiratet sie den konservativen Antenor (Gregorio Duvivier), mit dem sie ein Kind bekommt.

Als Guida ebenfalls schwanger wird, die Beziehung mit Iorgos aber scheitert, kehrt sie in die Heimat zurück. Doch statt dort von der Familie aufgenommen zu werden, sieht der strenge Vater Manuel (Antonio Fonseca) nur die Schmach, die die unehelich schwangere Tochter über den guten Familiennamen zu bringen droht. Also verstößt er Guida und lügt ihr gleichzeitig vor, die Schwester lebe in Österreich. In den nächsten Jahren leben die Schwestern in Rio de Janeiro, ohne jeweils zu wissen, dass die schmerzlich vermisste Verbündete in derselben Stadt lebt.

Der 2015 veröffentlichte Roman „Die vielen Talente der Schwestern Gusmão“ der Autorin Martha Batalha ist ein klassisches Gesellschaftsporträt. Karim Aïnouz hat das Buch nicht eins zu eins verfilmt, aber die darin angelegte Konstellation und erzählerische Breite übernommen. Entsprechend episch erzählt der Regisseur die doppelte Lebensgeschichte der getrennten Schwestern, die beide auf ihre Art mit den gesellschaftlichen Zwängen und den stark patriarchalisch dominierten Gepflogenheiten kämpfen. Die Geschichte erstreckt sich über mehrere Jahre, sucht das Große im Kleinen, und fühlt sich in der breiten Erzählweise herrlich altmodisch und entschleunigt, aber nie langatmig an. Die Tragik, dass die Leben der beiden Schwestern parallel stattfinden, wo sie sich gegenseitig doch eine wichtige Stütze sein könnten, liegt dabei über jeder Szene.

Aïnouz verlässt sich jedoch nicht allein auf die in der Romanvorlage angelegte Gesellschaftserzählung, die freilich auch Parallelen zur Gegenwart aufmacht, sondern findet auch einen starken inszenatorischen Zugang zu dem Stoff. Aller teils tränenreichen Schwermut zum Trotz wirft „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ einen optimistischen Blick auf das Leben, das Lieben und die vielen Hochs und Tiefs, die damit einhergehen. Die Bilder sind farbenfroh, ohne je in Kitsch abzudriften, die schauspielerischen Leistungen durchweg hervorragend. Bemerkenswert ist die große Konzentration, mit der jedes Bild aufgebaut ist. Die Figuren sind oft gerahmt oder anderweitig eingeengt, ganz so wie es in den großen 50er-Melodramen von Douglas Sirk und anderen angelegt ist.

Karim Aïnouz schafft es, die melodramatische Überzeichnung und den Blick für kleine Beobachtungen perfekt auszutarieren. So ist „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ ein Film der großen Gefühle geworden, der bei aller Opulenz nie die zentralen Charaktere und deren individuelle Einengung aus den Augen verliert. Ein starkes Stück Kino!

Christian Horn