Die Sprache des Herzens: Das Leben der Marie Heurtin

Die wahre Geschichte der 1885 blind, taub und stumm geborenen Marie Heurtin lässt die Bemühungen der selbst kränklichen Ordensschwester Marguerite miterleben, dem Mädchen Marie eine Sprache zu geben und sie so aus dem Gefängnis ihrer Behinderungen zu befreien. Wie Regisseur Jean-Pierre Améris („Die anonymen Romantiker“) dies auf die Leinwand bringt, ist zu Tränen rührend. Diese Kaspar Hauser-Geschichte ohne Krimi wurde 2014 in Locarno mit dem „Variety Piazza Grande Award“ ausgezeichnet. Es ist tatsächlich ein unbeschreibliches filmisches Wunder, das sich nur mit allen Sinnen erleben lässt.

Webseite: www.facebook.com/SpracheDesHerzens.Film

OT: Marie Heurtin
Frankreich 2014
Regie: Jean-Pierre Améris
Darsteller: Ariana Rivoire und Isabelle Carré
Länge: 98 Min.
Verleih: Concorde
Kinostart: 1. Januar 2015
 

Pressestimmen:

"Erzählt unsentimental die Geschichte einer Menschwerdung. Feinsinniges und zutiefst bewegendes Kino."
Der Spiegel

"Hervorragend gespieltes und anrührendes Drama über die Welt der Zeichen."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Es ist schwer vorstellbar, wie man blind, taub und stumm die Welt um sich herum erfahren soll. Regisseur Jean-Pierre Améris („Die anonymen Romantiker“) versucht in seiner Geschichte der 1885 geborenen Marie Heurtin deshalb auch gar nicht, das Empfinden des Mädchens filmisch zu simulieren. Wir lernen Marie (Ariana Rivoire) kennen, als ihr Vater sie zu einem Schwestern-Kloster bringt, das verstörte Kind panisch durch den Garten rennt und sich irgendwie auf einen Baum flüchtet. Nur Marguerite (Isabelle Carré) hat unter den aufgeregten Ordensschwestern genügend Geduld, sich vorsichtig zu nähern. Die Verbindung ihrer Hände, das Abtasten des Gesichts sind schon pure Leinwand-Poesie. Und dann ist Marguerite dickköpfig und naiv genug, in biblisch unterlegten Disputen von der Mutter Oberin immer wieder zu fordern, Marie doch neben den anderen Waisenkindern aufzunehmen.
 
Marguerite, eine zarte, zierliche und kränkelnde Person, ist die eigentliche Heldin des Films. Unerschrocken macht sie sich auf einen tagelangen Fußweg, um die im Hof ihrer Familie gefangene Marie abzuholen. Schon die Rückkehr ist immer wieder unterbrochen von bewegenden sinnlichen Erlebnissen des in sich selbst eingeschlossenen Mädchens, vom Fühlen des Wasser oder einer Kuh. Bei der Ankunft ertastet und beschnüffelt sie auf belustigende Weise die alten und jungen Schwestern.
 
Ihre Erfahrungen im Lehren der Gebärdensprache will Marguerite mit Marie weiterführen, bekommt aber über eine kaum erträglich lange Zeit keinen Zugang. Das Kind reagiert auf die angebotenen Handzeichen für das von ihr innig geliebte Taschenmesser mit heftigster Ablehnung. Es ist ein hartes Ringen, beim Anzwingen der Klosteruniform sogar ein wortwörtliches. Doch nachdem die nur über das Tasten kommunizierende Schülerin das erste Wort angenommen hat, beginnt ein begieriges und neugieriges Aufsaugen der Begriffe und damit der Welt. Die „Explosion der Sprache“ macht selbst nicht vor Adjektiven, Verben und abstrakten Worten halt.
 
Marguerite erzählt in „Die Sprache des Herzens“ mit einer Doppelung des Geschehens selbst aus ihren Tagebuchaufzeichnungen über Mühen, Verzweiflung, Hoffnung, Freude und einen tiefen Glauben. Dem Wunder der Sprache beim Entstehen zusehen – nicht weniger gelingt Jean-Pierre Améris mit diesem ungemein liebevollen und in vieler Hinsicht wunderschönen Film. Wie er mit zarten Pastellfarben und ganz sparsamen Streicherklängen dieses Wunder erleben lässt, ist unbeschreiblich, sehr bewegend und zu Tränen rührend. Dabei nähert er sich der Geschichte selbst so vorsichtig wie Marguerite auf Marie zuging. Obwohl es um einen auf schreckliche Weise in sich gefangenen Menschen geht, betört die unverstellte Offenheit und Ehrlichkeit der Figuren. Gerade in der Reduktion von Stilmitteln und in der Konzentration auf nur eine Geschichte gelang der Film so wunderbar. Ariana Rivoire, bei deren eindrucksvollem Spiel man hinzufügen muss, dass sie in Wirklichkeit nicht blind ist, und die großartige Isabelle Carré verkörpern ihre Rollen perfekt.
 
„Die Sprache des Herzens: Das Leben der Marie Heurtin“, diese Kaspar Hauser-Geschichte ohne Krimi wurde 2014 in Locarno mit dem „Variety Piazza Grande Award“ ausgezeichnet. Es ist tatsächlich ein unbeschreibliches filmisches Wunder, das sich nur mit allen Sinnen erleben lässt.
 
Günter H. Jekubzik

Eine kaum glaubliche und doch auf Tatsachen beruhende Geschichte erzählt Jean-Pierre Améris in seinem Film "Die Sprache des Herzens". Es geht um das junge Mädchen Marie Heurtin, die Anfang des 20. Jahrhunderts blind, stumm und taub auf dem Hof ihrer Eltern lebt und von einer engagierten Ordensschwester aus ihrer Isolation geholt wird. Das ist emotionales, bisweilen auch kitschiges Gefühlskino, das von seinen ausgezeichneten Hauptdarstellerinnen lebt.
 
Fehlende Sinne darzustellen ist dem Kino kaum möglich. Versuch Blindheit zu zeigen wie etwa in "Die Stadt der Blinden" enden oft in eher unbefriedigenden visuellen Umsetzungen, die nur unzureichend andeuten, wie es wirklich ist auf einen oder gar mehrere Sinne verzichten zu müssen. Auch Jean-Pierre Améris Film "Die Sprache des Herzens" steht vor diesem Problem und umgeht es durch Verschiebung der Perspektive. Wie der deutlich weniger kitschige Originaltitel "Marie Heurtin" zwar andeutet, geht es um das gleichnamige junge Mädchen, dass Anfang des 20. Jahrhunderts blind, stumm und taub aufwächst, doch erzählt wird ihre Geschichte aus der Perspektive der Ordensschwester Marguerite (Isabelle Carré). Diese lebt in einem Kloster, in dem unter der strengen Herrschaft der Mutter Oberin (Brigitte Catillon), taubstummen Mädchen ein zu Hause gegeben wird.
 
Als die Eltern von Marie Heurtin (Ariana Rivoire, die auch im wirklichen Leben taubstumm ist) ihre Tochter zur Betreuung ins Kloster bringen wollen, lehnt die Oberin zunächst ab: Zu extrem ist Maries Verhalten, die sich eher wie ein wildes Tier gebärdet, abgesehen von einem Nachthemd jegliche Kleidung verweigert, sich auf Bäumen versteckt und vollkommen unzähmbar wirkt. Allein die selbst kränkliche Marguerite will nicht aufgeben und sieht es als ihre Lebensaufgabe an, Marie zu helfen und sie aus ihrer Isolation zu befreien. Wie sie das versucht, mutet anfangs eher wie Nötigung an, wie sture Versuche, Marie Dinge aufzuzwingen, die sie nicht will: Beim Essen muss sie Messer und Gabel benutzen, nachts im Schlafsaal schlafen und natürlich in Strümpfen und Schuhen durchs Leben gehen.
 
Lange wehrt sich Marie gegen die Versuche Marguerites, sie zu zähmen, doch auf einmal ändert sich ihr Verhalten: Dank ihrer außerordentlichen Geduld und Sturheit gelingt es Marguerite mittels auf die Handinnenfläche "geschriebenen" Zeichen, zu Marie durchzudringen und ihr eine neue Welt zu öffnen. Dass es Marie innerhalb von wenigen Wochen gelingt, auf diese Weise quasi sprechen zu lernen, mutet zwar etwas unglaubwürdig an, doch der emotionalen Kraft dieser innigen Freundschaft kann man sich kaum entziehen.
 
Nicht zuletzt dank des intensiven, überzeugenden Spiels der beiden Hauptdarstellerinnen, die eine eine erfahrene Aktrice, die andere Laiendarstellerin. Jean-Pierre Améris gelingt es, diese beiden Ansätze zu vereinen und von einer symbiotischen Beziehung zu erzählen, in der sich die beiden Frauen wechselseitig helfen. Gerade im letzten Drittel, wenn Marguerites Krankheit ausbricht und sie dem Tode nahe ist, gelingen berührende Momente, wenn sich die Rollen fast umdrehen und es nun Marie ist, die sich um Marguerite kümmert. Bei solcher Emotionalität wäre es gar nicht nötig gewesen auch auf musikalischer Ebene so auf die Tränendrüse zu drücken, wie es Améris immer wieder tut, doch auch so bleibt "Die Sprache des Herzens" ein sehenswerter Film über eine ungewöhnliche Freundschaft.
 
Michael Meyns