Die Zeit vergeht wie ein bruellender Löwe

Die Großmutter des Regisseurs sagte einst „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“, ein gleichermaßen mysteriöser, wie faszinierender, aber auch sinnloser Satz, der daher ziemlich gut beschreibt, was Philipp Hartmann in seinem Essayfilm versucht: Das Ungreifbare greifbar zu machen: Die Zeit, die ein künstliches Konstrukt ist und doch unser Leben bestimmt. Das Ergebnis ist enigmatisch, aber auch pointiert.

Webseite: www.zeit-film.de

Deutschland 2014 – Dokumentation
Regie, Buch: Philipp Hartmann
Länge: 76 ½ Minuten
Verleih: flumenfilm
Kinostart: ab 9. Oktober 2014
 

FILMKRITIK:

Die Zeit ist relativ hat Einstein einst gesagt und damit einen Satz geprägt, der ebenso wahr wie vage ist. Treffend hat das vor Jahren eine Werbung für Swatch-Uhren umgesetzt und Momente im Leben gezeigt, die sich viel zu kurz anfühlten – etwa ein Kuss – oder viel zu lang – etwa die Zeit, die man auf einem Flughafen verbringt – und gezeigt, dass die Wahrnehmung von Zeit im Auge des Betrachters liegt. Denn auch in der Natur gibt es das Konzept von Zeit nicht, erst der Mensch teilte die Welt, das Dasein in Maßeinheiten ein, dachte sich Konstrukte wie Wochen, Tage, Stunden, Sekunden aus und definierte Letztere als 9.192.631.770 Schwingungen der Cäsium-Strahlung.

Das ist eine Definition der Zeit, die ungefähr so nützlich ist wie der titelgebende Satz von Philipp Hartmanns Großmutter: Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe. Aber schon dass der Autor und Regisseur solche unterschiedliche „Definitionen“ von Zeit gleichberechtigt nebeneinander stellt, zeigt, mit welch feiner Ironie er sich an ein Thema macht, dass kaum zu fassen ist. Ziemlich genau 76 ½ Minuten lang ist der Essayfilm, eine einerseits willkürliche Länge, die andererseits exakt der Lebenserwartung eines Mannes entspricht, der – wie Hartmann – 1972 geboren ist. Eine Minute Film entspricht also einem Lebensjahr, zumindest falls Hartmann seine durchschnittliche Lebenserwartung nicht übertrifft.

In diesen 76 ½ Minuten zeigt Hartmann ein buntes, assoziativ mäanderndes Potpourri an Überlegungen, die teils wissenschaftlichen Anspruch haben (wie ein Interview mit einem Physiker, der die Zeitmessung per Cäsium-Atom erklärt), teils anekdotischen Charakter, teils auch sehr persönliche Erinenrungsfragmente umfasst, die auf unterschiedliche Weise zum Nachdenken über die Zeit anregen. Über die Zeit und damit auch über das unausweichliche Fortschreiten des menschlichen Lebens, der Vergänglichkeit des Daseins, dessen Länge man zwar nicht genau bestimmen kann (zumindest nicht, solange es noch statt findet), von dem man aber immer weiß, dass es irgendwann vorbei, dass die Zeit irgendwann abgelaufen sein wird.

Doch auch wenn „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“ mit Überlegungen zu einer vielleicht nur mythischen japanischen Tradition endet, der zufolge alte Menschen, wenn sie 70 Jahre alt geworden sind, sich zum Sterben auf den Berg Ubasute zurückziehen, ist Hartmanns Film keineswegs melancholisch. All seinen Überlegungen haftet etwas spielerisches an, eine Neugier an Querverbindungen, an teils amüsanten, teils substanziellen Gedanken, die auf lose Weise um ein Thema kreisen, dass ständig präsent ist, aber doch unfassbar bleibt. Und genau diese Qualität macht „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“ zu einem so außerordentlichen Essayfilm.
 
Michael Meyns