Die Stimme von Hind Rajab

Ein wichtiger Film, der aber auch Fragen ob seiner Herangehensweise hervorruft: „Die Stimme von Hind Rajab“, ein Dokudrama, in dem die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania die echten Tonaufnahmen verwendet, die von einem Vorfall im Gazastreifen zeugen, bei dem eine palästinensische Familie durch israelische Kugeln ums Leben kam, darunter die titelgebende Hind Rajab, ein sechsjähriges Mädchen.

 

Über den Film

Originaltitel

صوت هند رجب

Deutscher Titel

Die Stimme von Hind Rajab

Produktionsland

TUN,FRA,USA

Filmdauer

89 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Ben Hania, Kaouther

Verleih

STUDIOCANAL GmbH

Starttermin

22.01.2026

 

Am 29. Januar 2024 erreicht das Palästinensische Rote Halbmond Komitee mit Sitz in Ramallah im Westjordanland, ein Notruf, der tatsächlich aus Deutschland kommt. Diesen Umweg muss ein Verwandter der Familie Rajab wählen, da die öffentlichen Strukturen in den Palästinensergebieten nicht erst seit Beginn des aktuellen Gaza-Krieges kaum funktionieren.

Im Norden des Gaza-Streifens, in der Region Tel Al-Hawa, stecke ein Auto fest, so beschreibt es der Anrufer, es gäbe Tote aber auch Überlebende. Omar, Mitarbeiter des Roten Halbmondes versucht Kontakt zu den Insassen aufzunehmen, erreicht eine Frau, Schüsse fallen, ein weiteres Opfer des Krieges. Doch wenig später erfährt Omar, dass es doch noch eine Überlebende gibt, die sechsjährige Hind Rajab. Erstaunlich ruhig wirkt das Mädchen am Telefon, spricht von ihren Verwandten, die schlafen würden und bittet um Hilfe. Panzer sieht das Mädchen, im Hintergrund hört man immer wieder Schüsse und Helikopter.

Nur acht Minuten Fahrtzeit entfernt befindet sich ein Krankenwagen des Roten Halbmondes, doch so einfach ist eine Rettungsfahrt im Gaza-Streifen schon unter normalen Umständen nicht und erst recht nicht während des Krieges. Auf umständliche und vor allem zeitraubende Weise müssen die Helfer Kontakt zum internationalen Roten Kreuz in Jerusalem aufnehmen, die wiederum mit dem israelischen Militär über einen Rettungskorridor verhandeln, auf dem ein Krankenwagen sich bewegen darf, ohne Gefahr zu laufen, selbst unter Beschuss zu geraten, wobei letzteres zumindest die Theorie darstellt.

Stunden vergehen, die Verzweiflung vor allem bei Omar, aber auch bei seinen Kollegen wächst, am Telefon wird versucht, Hind Rajab, auf einer anderen Leitung deren Mutter, zu beruhigen, doch am Ende kommt jede Hilfe zu spät.

Tage später, nachdem die israelische Armee aus der Region abgezogen war wird man feststellen, dass der Krankenwagen unter Beschuss geriet und die beiden Sanitäter erschossen wurden. Das Auto der Familie wurde von 355 Kugeln durchlöchert, sechs Menschen starben in den Trümmern, darunter auch die sechsjährige Hind Rajab.

Ein Vorfall, ein Kriegsverbrechen, wie es in Gaza keine Seltenheit sein dürfte. Was die Ereignisse besonders macht, was diesen Film in dieser Form erst möglich werden ließ, sind die Tonaufnahmen aus der Notrufzentrale, die Regisseurin Kaouther Ben Hania in ihre dokumentarisch anmutende Nachstellung der Ereignisse einbaut.

Natürlich ist das manipulativ, andererseits ist es eben auch die Wahrheit, ist es ein Dokument vom langsamen Sterben eines sechsjährigen Kindes, dem man gewiss in keiner Weise vorwerfen kann, mit der Hamas zu sympathisieren. Und auch wenn ein Krieg einen besonderen Umstand darstellt, bei dem natürlich auch eine Rettungsfahrt keine einfache Sache ist und es zu Kollateralschäden – furchtbares Wort – kommen kann: Was „Die Stimme von Hind Rajab“ am Ende dann doch zu mehr macht als einem Agitprop-Film, ist sein ungeschönter Blick auf die palästinensische Realität, während, aber vor allem auch abseits des Krieges.

Denn Schauplatz ist nicht in erster Linie Gaza, sondern das Westjordanland, wo die Palästinenser zumindest in einem winzigen Teil so etwas wie Selbstverwaltung leben können. Doch diese Freiheit wird durch extreme, oft absurde, von Israel auferlegte und kontrollierte Regeln eingeschränkt, die jeden Behördengang, jede Fahrt in eine andere palästinensische Enklave, jede Fahrt nach Israel, wo viele Palästinenser arbeiten (zumindest vor dem aktuellen Krieg), zu einem Kampf gegen Bürokratie und Militärverwaltung macht. Willkürlich wirken viele Regeln, in diesem Fall der endlose Kampf um einen sicheren Korridor, man ist versucht, von Schikane zu sprechen, gerade wenn am Ende ein totes sechsjähriges Kind zurückbleibt.

In Deutschland, angesichts der Unterstützung Israels als Staatsdoktrin, mag ein Film wie dieser irritieren, ob seiner Einseitigkeit, aber auch seiner Wahrhaftigkeit. „Die Stimme von Hind Rajab“ mag kein wirklich guter Film sein, dafür ist er zu gewollt, zu bewusst emotionalisierend, andererseits macht genau das ihn auch zu einem wichtigen Film.

 

Michael Meyns

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