Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Kleiderschrank feststeckte

Der Titel sagt es schon: Das ist eine Komödie! Ein knallbuntes, tolldreistes, abenteuerliches Märchen um Aja, einen Inder aus Mumbai, der nach Paris reist, um seinen Vater zu finden. Doch Paris, wo die Liebe bekanntlich zehnmal stärker ist als woanders, ist wiederum nur der Beginn einer immer verrückteren Geschichte über einen Optimisten, der die große, weite Welt entdeckt. Der indische Bollywood-Star Dhanush spielt den Aja und ist dabei schlicht überwältigend; er singt, tanzt, wirbelt durch die Kulissen und verbreitet gute Laune. Die Romanverfilmung eines französischen Bestseller hat Tempo und Witz, bleibt erfreulich unklamottig und ist sogar anspruchsvoll, denn im Grunde handelt der Film vom Leben in der globalisierten Gesellschaft. Darüber lässt sich trefflich nachdenken, aber man kann sich hier auch einfach nur amüsieren.

Webseite: squareone-entertainment.com

Frankreich 2018
Regie: Ken Scott
Drehbuch: Romain Puértolas, Luc Bossi (nach dem Roman von Romain Puértolas „Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem IKEA-Schrank feststeckte“)
Darsteller: Dhanush, Bérénice Bejo, Erin Moriarty, Barkhad Abdi, Gérard Jugnot, Ben Miller
92 Minuten
Verleih: SquareOne/capelight pictures
Kinostart: 29.11.2018

FILMKRITIK:

Wenn es etwas gibt, was Aja allen anderen voraus hat, dann ist es sein Optimismus. Den hat er von seiner Mutter gelernt, mit der er in Mumbai lebt. Schon als Junge erweist sich Aja als höchst erfinderisch, wenn es ums Überleben auf der Straße geht. Er beherrscht kleinere und größere Zaubertricks genauso gut wie den Taschendiebstahl. Ajas Mutter hat einen Traum: Sie möchte mit ihrem Sohn nach Paris reisen. Nach ihrem Tod findet Aja einen Hinweis darauf, warum: Sein Vater könnte in Paris leben. Und so beschließt Aja, seiner Mutter ihren Wunsch zu erfüllen. Er organisiert sich die notwendigen Barmittel, verkracht sich darüber mit den Chefgangstern aus seinem Viertel, schnappt sich die Asche seiner Mutter und steigt in den Flieger. Kaum ist er in Paris gelandet, gerät er in den Strudel der Ereignisse. Dazu gehört auch, dass er seine große Liebe trifft, die Amerikanerin Marie. Doch noch bevor er sie wiedersehen kann, findet sich Aja in einem IKEA-Schrank wieder, der in einem LKW auf dem Weg nach England ist. Aja ist nicht allein auf der Ladefläche: Eine Gruppe afrikanischer Flüchtlinge versucht, auf diese Weise illegal nach England einzureisen, während Aja eigentlich nur zurück nach Paris will. Niemand glaubt ihm jedoch, dass er ein Tourist ist. Aber auch wenn die Probleme wachsen und die Hindernisse immer größer werden, bleibt Aja optimistisch. Er vertraut auf sein Karma, bleibt freundlich und geduldig. Wohin es ihn auch verschlägt – überall gewinnt er Freunde. Und die kann er gut gebrauchen, wenn er Marie jemals wiedertreffen will.

Ken Scott hat seine temporeiche Komödie über Ajas abenteuerliche Europareise und letztlich über das Zusammenleben der Menschen in der modernen Welt so flott inszeniert, dass die Kinozeit wie im Flug vergeht. Als Ich-Erzähler begleitet Aja den Film, und schon diese allwissende Erzählperspektive macht den Film humorvoll und gelegentlich ironisch. Doch Vorsicht: Nur auf den ersten Blick ist Aja so naiv und kindlich, wie er scheint. In Wahrheit entpuppt er sich immer mehr als Lebensphilosoph, von dem andere, z. B. die Europäer, noch viel lernen können. Das literarische Grundmuster vom (scheinbar) Unschuldigen, der zwischen alle Fronten gerät, wird hier besonders fantasievoll ausgespielt. Das clevere Drehbuch sprüht vor Einfällen – so entdeckt Aja in Mumbai ein interessantes Hobby: Er lernt die Namen aller IKEA-Möbelstücke auswendig. Die jeweiligen Stationen seiner Europatour erreicht er mit den merkwürdigsten Transportmitteln, zu denen auch ein Heißluftballon zählt. Die erfreulich überdrehte Geschichte verbindet Abenteuer, Musical, Romanze und Krimi, wobei der Märchencharakter immer deutlich sichtbar bleibt. Dafür stehen auch die knalligen Farben und der 1001-Nacht-Soundtrack. Das hier ist ganz eindeutig keine Abbildung der Wirklichkeit, auch wenn so manches mit hübsch boshaften, hintergründigen Verweisen garniert ist. Aja ist der Zauberlehrling, der das Gute will und dabei manchmal auch die bösen Geister weckt. Dann muss sich Aja gegen Gangster und Mafiosi wehren, ganz zu schweigen von ignoranten Grenzbeamten. Aber mit Hoffnung, Geduld und Vertrauen kommt Aja weiter, und manchmal helfen ihm nur noch seine schnellen Beine, die ihn schon als Junge vor seinen Verfolgern gerettet haben. Oder es sind seine Fähigkeiten als Tänzer, mit denen er nicht nur die gelangweilte Hollywood-Diva Nelly bezaubert.

Kaum vorstellbar, dass ein anderer als Dhanush die Hauptrolle hätte spielen können. Dhanush erfüllt den Aja mit so viel Charme und Witz, dass er alle und alles überstrahlt. Er verleiht dem bezaubernden Märchen Persönlichkeit und macht es zu einem familienkompatiblen Gute-Laune-Film, der die Freude am Leben direkt von der Leinwand in den Kinosaal schwappen lässt.

Gaby Sikorski