Die vergessene Armee

Mit der deutschen Einheit ging nicht nur die Geschichte der DDR zu Ende, sondern auch die ihrer Institutionen. Manche gingen in die entsprechenden westdeutschen Einrichtungen auf, andere wurden weitestgehend aufgelöst, so wie die NVA, die Nationale Volksarmee. Wie die Erinnerung an „Die vergessene Armee“ auch 25 Jahre später noch manche Gemüter erhitzt, versucht Signe Astrup in ihrer Dokumentation zu ergründen.

Webseite: www.dievergessenearmee.de

Dokumentation
Deutschland 2016
Regie & Buch: Signe Astrup
Länge: 88 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 8. Juni 2017

FILMKRITIK:

Ihre erste Begegnung mit Soldaten der NVA, so erzählt es Signe Astrup in ihrem Film, hatte sie in den 80er Jahren, als sie mit dem Zug von Kopenhagen nach West-Berlin unterwegs war. Nun lebt die Dänin seit Jahren im Prenzlauer Berg wo ihr irgendwann der Gedanke kam, dass zahlreiche ehemalige NVA-Soldaten noch in Berlin, in ihrer Nachbarschaft leben müssten. Als angehende Filmemacherin nutzte sie diesen Gedanken als Anlass für eine filmische Recherche, die nun ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm „Die vergessene Armee“ geworden ist.
 
Man muss so viel über die Regisseurin und ihren Werdegang berichten, denn Signe Astrup ist ständig präsent in ihrem Film, ist oft im Bild zu sehen, noch häufiger aber zu hören, wenn sie ihren Gesprächspartnern aus dem Off Fragen stellt. Fragen über damals und heute, über die Erinnerung von ehemaligen NVA-Soldaten an ihre Erfahrungen in der DDR, deren Grenze sie schützen sollten, nicht zuletzt aber auch über ihren Blick auf die Gegenwart.
 
Nicht wenige der älteren Herrschaften, die zu Wort kommen, vermissen die DDR und ihre Strukturen, die Ordnung und die Sicherheit, die nun verloren scheint. Eine untergegangene Welt lebt in den Erinnerungen der ehemaligen NVA-Soldaten und ihrer Angehörigen auf, die bisweilen fast rituell beschworen wird: Am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow – das den gefallenen Soldaten der Roten Armee gedenkt – marschieren die Ehemaligen, gekleidet in NVA-Uniformen am 8. Mai gerne auf, lassen sich fotografieren und schwelgen in Erinnerungen.
 
Es fällt leicht, sich über diese Nostalgie zu wundern, sich über den geschichtsklitternden Blick lustig zu machen, der jede auch nur vorsichtig am System der DDR geäußerten Kritik als ungehörige Verleumdung zu betrachten scheint. Vielleicht ist es auch einfach nur tragisch, wie manche Menschen ihrer einstigen Heimat nachtrauern, weil die neue ihren Erwartungen nicht entspricht. Signe Astrup selbst enthält sich jeder Wertung, lässt ihre Protagonisten, deren Vertrauen sie erst im Lauf der jahrelangen Arbeit an ihrem Film gewann, erzählen, widerspricht ihren oft bizarr anmutenden Äußerungen nicht, enthält sich auch sonst fast jeglicher historischer Einordnung.
 
„Die vergessene Armee“ ist keine Dokumentation, die aus einer Position der Autorität erzählt, die versucht, einen umfassenden Blick in die Geschichte der NVA zu liefern, ja auch nur kurz über die Auflösung der DDR-Armee berichtet. Das nach dem Ende der DDR viele Soldaten von der westdeutschen Armee übernommen wurden, bleibt ebenso ungesagt wie vieles andere.  Ein wenig naiv mutet Signe Astrups Film dadurch an, ein wenig zu subjektiv, zu sehr auf den Blick von außen reduziert, der zwar mit großer Neugier auf einen Teil der Geschichte eines fremden Landes blickt, der ihr vorher unbekannt war, dadurch aber Wissenslücken offenbart, die befremden. Mehr als einen sehr subjektiven, keineswegs systematischen Einblick in die an sich hoch spannende Geschichte ehemaliger NVA-Soldaten, darf man von „Die vergessene Armee“ also nicht erwarten.
 
Michael Meyns