Die Wahrheit über Männer

Amüsante Variante des beliebten Midlife-Crisis-Themas. Der einstmals erfolgreiche Drehbuchautor Mads müht sich mittlerweile lustlos als Lohnschreiber für TV-Serien. Frustration herrscht auch im Liebesleben: Nach zehn Jahren Beziehung trennt er sich spontan von seiner Freundin. Neue Liebe, mehr Lust und Leidenschaft braucht der Mann. Mads entwirft ein ambitioniertes Drehbuch für sein neues Leben. Doch das gerät eher zur Vorlage für Pleiten, Pech und Pannen. Wortwitzig und voll verspielter Selbstironie entwickelt sich eine flotte Liebeskomödie um einen verpeilten Helden der traurigen Figur. Bei einem deutschen Lustspiel ließe der abgewetzte Titel das Schlimmste befürchten. Hier jedoch gilt: Dänen lügen nicht.

Webseite: www.camino-film.com

OT: Sandheden om maend
Dänemark 2010
Regie: Nikolaj Arcel
Darsteller: Thure Lindhardt, Tuva Novotny, Rosalinde Mynster, Signe Egholm Olsen, Henning Valin, Karen-Lise Mynster, Hans Henrik Voetmann, Mads Reuther
Filmlänge: 91Minuten
Verleih: Camino
Kinostart: 18 Oktober 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wenn Drehbuchautoren über Beziehungsprobleme und Midlife-Crisis von Drehbuchautoren schreiben, kann das ganz schnell zur eitel weinerlichen Nabelschau der selbstgefälligen Art geraten. Zum Glück handelt es sich in diesem Fall um Dänen. Besser noch: Das Autoren-Duo Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg hat mit dem famosen Skript zu Stig Larssons „Verblendung” verdient für Furore gesorgt, als Regisseur zauberte Arcel mit „Die Königin und Leibarzt“ zudem ein amüsantes Lovestory-Gericht. Hier nun erzählt er die Geschichte vom traurigen Mads, der Mitte 30 gehörig in die Midlife-Crisis schliddert. Einst schrieb er das Skript für einen grandiosen Kino-Knüller, umjubelt bei Presse und Publikum. Der zweite Film war nicht ganz so erfolgreich, im Gegenteil. Heute rattert der ambitionierte Kreative als Lohnschreiber so routiniert wie frustriert die Stoffe für seichte TV-Serien herunter.

Nicht nur im Job, auch im Privatleben knirscht es erheblich im Gebälk. In der Liebe hat sich nach zehn Jahren längst die Langeweile eingeschlichen. Das Fehlen der Leidenschaft merkt Mads freilich erst, als er mit seiner Freundin Marie endlich in eine gemeinsame Wohnung einzieht. Schon die Einweihungsparty gerät zum Fiasko. Höchste Eisenbahn, endlich die Notbremse zu ziehen. Er kündigt spontan seinen Job, ebenso die Beziehung. „Ich bin nicht die Person, die ich werden wollte!“ jammert er beim Bier. „Wer ist das schon?“ antwortet sein Kumpel lapidar.

Tatsächlich erweist sich das selbstgezimmerte Update seines Lebens recht schnell als wenig tragfähig. Jener Jugendschwarm aus Schulzeiten, dem der Held Zeit seines Lebens hinterher träumte, entpuppt sich als wahre Königin der Depressionen und Missmutigkeit. Die Alternative, kleine Affären am Fließband, zerplatzen wie Seifenblasen. Irgendwann tritt doch noch die vermeintlich ganz große Liebe in Person einer jungen, quirligen Künstlerin in sein Leben. Doch auch diese Hoffnung verpufft so bitter wie banal. So heißt es für Mads alsbald: Zurück auf Los! Zurück zu Ex – wenn das nur so einfach wäre.

Bisweilen verzettelt sich die Geschichte vom liebeskranken Helden eine Spur zu sehr im Medien-Milieu und gefällt sich, etwas altklug die schlichten Story-Strukturen von TV-Serien zu erklären. Die Besserwisserei bleibt jedoch erträglich, weil die flott inszenierte Geschichte über ausreichend Selbstironie verfügt und nur selten ihre erzählerische Verspieltheit verliert. Dialoge wie „Kann die Angst vor einem Herzinfarkt zu einem Herzinfarkt führen?“ sorgen für fast das lakonische Witz-Level à la Woody Allen. Als überzeugender Pluspunkt erweist sich einmal mehr der höchst leindwandpräsente, wunderbar lakonische Thure Lindhardt, der anno 2000 (gemeinsam mit Daniel Craig und August Diehl) zum europäischen Shooting Star gekürt wurde, danach in den „Illuminati“ sowie Sean Penns „Into the Wild“ überzeugte und zuletzt mit „Keep the Lights on“ von Ira Sachs seinen Berlinale-Auftritt hatte. Eine deutsche Komödie mit diesem abgewetzten Titel will man sich lieber gar nicht erst vorstellen – zum Glück gilt: Dänen lügen nicht.

Dieter Oßwald