Die Zeit der Frauen

Mit Schwung und Optimismus in eine neue Zeit! – Vier Frauen aus einem winzigen indischen Dorf werden zu Freundinnen und proben den Aufstand gegen die von Männern bestimmten Traditionen.
Beste Unterhaltung mit einer ordentlichen Portion Gesellschaftskritik: Leena Yadav gelingt eine schöne Verbindung zwischen Bollywood und Arthouse-Anspruch, auch dank toller Darstellerinnen und einer exquisiten Kameraarbeit (Russell Carpenter, u. a. „Titanic“).

Webseite: www.mfa-film.de

Originaltitel: Parched
Indien / USA / Großbritannien 2015
Drehbuch und Regie: Leena Yadav
Kamera: Russell Carpenter
Darsteller: Tannishtha Chatterjee, Adil Hussain, Radhika Apte, Sayani Gupta, Surveen Chawla, Lehar Khan
116 Minuten
Verleih: MFA+, Vertrieb: Die Filmagentinnen
Kinostart: 27. Oktober 2016

FILMKRITIK:

Rani (Tannishtha Chatterjee) ist eine junge Witwe, die allein mit ihrem halbwüchsigen Sohn Gulab lebt. Sie nimmt einen hohen Kredit auf, um den Brautpreis für eine hübsche Dreizehnjährige zu bezahlen, denn Gulab soll heiraten. Dabei merkt Rani überhaupt nicht, dass sie dabei ist, genau die Fehler zu wiederholen, denen sie ihr verkorkstes Leben verdankt. Denn auch sie wurde einst zwangsverheiratet. Erst nach der Hochzeit, als sie ihre Schwiegertochter Janaki (Lehar Khan) besser kennenlernt, geht ihr ein Licht auf. Um die Heirat zu verhindern, hatte sich Janaki sogar die wunderschönen langen Haare abgeschnitten. Aber das half ihr nichts, und das Schlimmste ist: Gulab ist gewalttätig und außerdem in kriminelle Geschäfte verwickelt. Ranis beste Freundin Lajjo (Radhika Apte) erkennt die Probleme deutlich früher als die Witwe, die bereit ist, alles für ihren undankbaren Sohn zu opfern.

Lajjo hat es ebenfalls schwer. Sie wird von ihrem ständig betrunkenen Ehemann misshandelt und leidet darunter, dass er ihr vorwirft, sie sei unfruchtbar. Die schöne Bijli (Surveen Chawla) kennt Rani ebenfalls schon viele Jahre. Sie arbeitet als Tänzerin in einer Erotikshow, geht auch mal mit solventen Kunden ins Bett und ist fast immer gut gelaunt. Dabei verbreitet sie so übermütige Stimmung, dass es ihr fast immer gelingt, die anderen anzustecken. Die vier Frauen werden zu Verbündeten, als sie erkennen, dass es viel mehr gibt, was sie gemeinsam haben, als sie gedacht hatten. Wenn sie zusammen sind, können sie für einige Zeit alles andere vergessen. Sie sprechen offen über alles, was ihnen am Herzen liegt, auch über Sex, Männer und Unterdrückung. Und langsam, sehr langsam verändert sich etwas, weil sie sich verändern. So wie auch andere Frauen im Dorf beginnen, gegen ihr scheinbar unabänderliches Schicksal aufzubegehren …
 
Trotz des ernsthaften Hintergrundes erzählt Leena Yadav mit leichter Hand ihre Geschichte vom Willen nach Freiheit und Unabhängigkeit. Ihre vier Heldinnen stehen stellvertretend für die Frau in der indischen Gesellschaft: eine Berufstätige, die zwar Erfolg hat und Geld verdient, aber von allen anderen verachtet wird; eine Witwe, die sich für ihr Kind aufopfert; ein Mädchen, das zur Hochzeit gezwungen wird, und eine unglückliche Ehefrau, die wehrlos der Brutalität ihres Mannes ausgeliefert ist. Gemeinsam sind sie stark, weil sie erkennen, dass sie etwas ändern können.
 
Leena Yadav lässt den Darstellerinnen viel Raum für kleine Details, die ihr Spiel noch glaubwürdiger machen. Im Vordergrund steht dabei die Entwicklung der vier Frauen zum Selbstbewusstsein. Vor allem an Rani lässt sich das gut beobachten. Sie ist anfangs ziemlich schmallippig und verdruckst, wird aber im Verlauf immer offener, ohne dass sie dabei an Persönlichkeit verliert.
 
Erfreulich ist auch, dass Leena Yadav für ihre kritische Darstellung der indischen Frauenwirklichkeit auf rührselige Momente und Schockszenarien verzichtet. Stattdessen setzt sie auf farbenfrohe Bilder, in denen Lebensfreude und manchmal sogar überschäumende Ausgelassenheit die Szenerie bestimmen. Sie bedient sich, ähnlich wie Pan Nalin in seinem feministischen Melodram „7 Göttinnen“, der Bollywood-Klischees, um sie mit feiner Ironie zu zitieren und mit ihnen zu spielen. Auch deshalb gibt es viel schwungvolle Musik wie in den erotischen Tanzszenen mit Bijli. Sie haben viel Pep und sind toll montiert – eine Augenweide. Eine eher poetische Seite des Sex zeigt eine wunderbar zärtliche Liebeszene. Leena Yadavs Stimmungswechsel sind ein geschickter dramaturgischer Schachzug, denn auf diese Weise verstärkt sie die realistische Wirkung und macht sie gleichzeitig erträglicher. Insgesamt ist Leena Yadav ein kämpferischer und sehr unterhaltsamer Film über Frauen in Indien gelungen, der deutlich mehr Licht- als Schattenseiten zeigt, ohne zu beschönigen, und anspruchsvolle Unterhaltung bietet, die mit vielen cineastischen Highlights glänzt.
 
Gaby Sikorski