Dirigenten – Jede Bewegung zählt!

Götz Schauders „Dirigenten – Jede Bewegung zählt!“ ist keine umfassende Dokumentation über Orchesterleiter, sondern die detaillierte Beobachtung mehrerer Teilnehmer des Georg Solti Dirigentenwettbewerbs, die ganz unterschiedliche Ansätze verfolgen und den Dirigentenberuf auf ihre persönliche Weise interpretieren.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Deutschland 2015 – Dokumentation
Regie, Buch: Götz Schauder
Länge: 84 Minuten
Verleih: mindjazz pictures
Kinostart: 28. Januar 2016
 

Pressestimmen:

„Chronologisch erzählt und erfreulich schnörkellos vermittelt Schauders Dokumentations-Film eine plastische Anschauung von der höchst komplexen Kommunikation, die sich in und durch Orchestermusik vollzieht.“
Kölnischer Rundschau

„Götz Schauder erzählt mit erstaunlicher Offenheit vom Werden junger  Dirigenten…Extrem nahe ist Schauder seinen Protagonisten gekommen; nahezu ungefiltert wird man bei ihm Zeuge von Enttäuschungen, zerknirschten Einsichten, harte Diskussionen.“
Berliner Zeitung

Götz Schauder…macht sichtbar, wie unterschiedlich sie dieselben Noten dirigieren, formen, vermitteln. Und was für ein brutales Metier sie sich ausgesucht haben. Schließlich darf am Ende nur einer den Takt angeben.“
Süddeutsche Zeitung

FILMKRITIK:

Seit 2002 findet in Frankfurt am Main der Georg Solti Dirigentenwettbewerb statt, für den sich junge Dirigenten bewerben können. Aus hunderten Bewerbungen werden 24 eingeladen, die mit lokalen Orchestern arbeiten und vor den Augen einer Jury ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen müssen. Fünf der Teilnehmer am Wettbewerb von 2008 beobachtete Götz Schauder für seine Dokumentation: Den erst 20 Jahre alten Usbeken Aziz Shokhakimov, einer der jüngsten Teilnehmer aller Zeiten, der dennoch schon ein enormes Selbstvertrauen an den Tag legt. Die aus Mexiko stammende, in New York arbeitende Alondra de la Parra, den erfahrenen Engländer James Lowe, den kopflastigen Deutschen Andreas Hotz und den späteren Gewinner des Wettbewerbs, den Japaner Shizuo Kuwahara.

Als einziger dirigiert dieser ohne Taktstock, was dem Laien zunächst merkwürdig erscheint, dann aber Sinn macht. Wie Kuwahara erklärt, reduziert der Taktstock in seinen Augen die Möglichkeiten, mit beiden Händen Tempo und Gefühlslage des Orchesters zu beeinflussen. Seine Konkurrenten versuchen dies auf jeweils ganz eigene Weise, die nach und nach andeuten, wie viel mehr als bloßer Taktgeber ein Dirigent doch ist. Im besten Fall entwickelt sich zwischen Orchester und Dirigent eine fruchtbare Symbiose, die die jeweilige Musik auf ganz eigene Weise interpretiert.

Der Komponist sei Gott, der Dirigent sein Prophet. So formuliert es der junge Usbeke einmal und verrät damit eine durchaus autoritär geprägte Interpretation seines Berufs: Nach seinem Willen soll das Orchester spielen, sich seiner Vision unterwerfen, was angesichts des großen Altersunterschied zwischen dem 20jährigen und den Musikern, die zumindest seine Eltern, teilweise auch seine Großeltern sein könnten, zwangsläufig besonders schwierig ist. Wenig überraschend erweist sich Shokhakimov dann auch als wenig kritikfähig und weist freundliche Ratschläge der ersten Geige brüsk zurück.

Ganz anders der Japaner Kuwahara, der sicher nicht zuletzt dank seiner Erfahrung – zum Zeitpunkt des Wettbewerbs war er 32 Jahre alt – einen viel symbiotischeren Umgang mit dem Orchester pflegt. Gerade diese unterschiedlichen Arbeitsweisen zu beobachten machen den Reiz von Schauders Film aus, Unterschiede, die dem Laien kaum deutlich sind, aber durch gezielt eingesetzte Aussagen der Jurymitglieder angedeutet werden.

Dass „Dirigenten – Jede Bewegung zählt!“ einen Wettbewerb schildert, der schon 2008 stattfand (seitdem gab es drei weitere), aber erst jetzt ins Kino kommt, mutet etwas rätselhaft an. Doch auch wenn das Material etwas veraltet ist und auch dementsprechend aussieht, an der grundsätzlichen Aussage des Films ändert das nichts. Der ist vor allem für interessierte Laien von Interesse, die mit Götz Schauders Dokumentation einen nicht unbedingt in die Tiefe gehenden, aber doch spannenden Einblick in die Arbeitsweise des Dirigenten erhalten.
 
Michael Meyns