Es gibt sie noch, die ländlichen Regionen in Europa, in denen sich seit Jahrhunderten nicht viel geändert zu haben scheint. Doch selbst hier, in Nordmazedonien, wo Georgi M. Unkovski seinen Debütfilm „DJ Ahmet“ angesiedelt hat, lässt sich der Fortschritt nicht aufhalten. Aus diesen und anderen Gegensätzen gewinnt die Coming-of-Age-Story ihren beträchtlichen Charme, der für eine Festivalkarriere um die ganze Welt sorgte.
Über den Film
Originaltitel
DJ Ahmet
Deutscher Titel
DJ Ahmet
Produktionsland
MKD, CZE, SRB, CRO
Filmdauer
99 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Unkovski, Georgi M.
Verleih
Neue Visionen Filmverleih GmbH
Starttermin
19.03.2026
In einem abgelegenen Dorf in Nordmazedonien wächst der 15-jährige Ahmet (Arif Jakup) auf. Eigentlich würde Ahmet gern zur Schule gehen, doch sein Vater (Aksel Mehmet) braucht ihn auf dem heruntergekommenen Hof, zum Hüten der 20 Schafe, aber auch, um auf den seinen kleinen Bruder Naim (Agush Agushev) aufzupassen. Der spricht seit dem frühen Tod der Mutter nicht mehr, weswegen der Vater einen Heiler zu Rate zieht, ganz den traditionellen Vorstellungen der Region entsprechend.
Muslimisch geprägt ist das Dorf, ein spitzes Minarett ragt im Dorfkern in den Himmel, die Frauen tragen traditionelles Kostüm und bedecken ihre Haare, vor allem aber sind die Ehen kein Akt der Liebe, sondern werden von den Eltern geschlossen. So auch die von Ahmets Nachbarin Aya (Dora Akan Zlatanova), die aus Deutschland in die Heimat zurückgeholt wurde und nun einen Mann heiraten soll, den sie kaum kennt.
Vom ersten Moment an, den Ahmet Aya auf dem Feld – auch noch in Zeitlupe – zu Gesicht bekommt, ist es um ihn Geschehen. Doch was hätten sich der Junge vom Dorf und das in Deutschland aufgewachsene Mädchen zu sagen? Zum Glück gibt es die Musik, die sie verbindet: Für ihre Online-Kanäle nimmt Aya gerne kleine Tanzvideos auf, Ahmet dagegen hört gerne Musik auf dem Handy, zum einen, weil sein kleiner Bruder gerne tanzt, zum anderen, weil es ihn an seine Mutter erinnert.
Doch gerade diese Musik ist dem Vater ein Dorn im Auge, einerseits ebenfalls der schmerzhaften Erinnerungen an die Ehefrau wegen, andererseits aus religiösen, traditionellen Gründen. Mit dieser Haltung ist der Vater nicht allein, wie Ahmet und Aya bald erfahren müssen.
Auf den ersten Blick mag sich Georgi M. Unkovskis „DJ Ahmet“ wie ein typisches Sozialdrama anhören, das vom Patriarchat erzählt, Tradition gegen Moderne stellt und nach Schema F abläuft. Doch der in New York geborene, nun in Skopje, der Hauptstadt des Landes, lebende Nordmazedone, wählt einen interessanteren, ungewöhnlicheren Ansatz, um vom Leben in einer selbst für Nordmazedonien abgelegenen Region der Balkanrepublik zu erzählen.
Immer wieder ist zu spüren, das Unkovski ein erfahrener Regisseur von Werbungen und Videoclips ist, der ein ein Gespür für Stimmungen und Emotionen hat. Stilisierte Momente in Zeitlupe, leuchtende Farben, pointierte Bildeinfälle ziehen sich durch den Film, sorgen manchmal gar für surreal anmutende Momente. Wenn Ahmet da etwa eines Nachts durch die Dunkelheit streift und auf einmal mitten in einem Festival für elektronische Musik landet, das geradewegs seiner Lust zu Tanzen entsprungen zu sein scheint. Doch auch seine Schafe fühlen sich von der Musik angezogen und sorgen mit ihrer Anwesenheit zwischen den Tanzenden für ein Internet-Meme – und führen dazu, dass ein Schaf plötzlich mit pinkem Fell den Weg nach Hause findet.
Bisweilen stehen solche Momente ein wenig losgelöst da, fügen sich nur bedingt in die Erzählung, die sich eher mäandernd als strukturiert entwickelt. Aber diese lose Erzählweise passt gut zu einem Film, der seine Konflikte eher lose anreißt, als sie zugespitzt auf ein dramatisches Ende zuzuführen. „DJ Ahmet“ taucht in eine ganz eigene Welt ein, erzählt vom Einbruch der Moderne in ein traditionelles Dorf, voller Humor und präziser Beobachtungen. Allein der Muezzin, der über die Lautsprecheranlage seines Minaretts aus Versehen das Dorf mit der Startmelodie von Microsoft Word beschallt, ist ein unvergesslicher Moment. Nicht der Einzige, der aus diesem sehr sehenswerten Debütfilm in Erinnerung bleibt.
Michael Meyns







