Doktor Proktors Pupspulver

In „Doktor Proktors Pupspulver“ wird – wie der Titel schon verspricht – jede Menge gepupst. Doch ein böser Geschäftsmann will die lustige Erfindung stehlen und das müssen Lise und Bulle natürlich verhindern. Arild Fröhlichs Adaption des Kinderbuchs von Jo Nesbø ist temporeich, überdreht und ein klein bisschen gruselig.

Webseite: www.senator.de

Deutschland, Norwegen 2013
Regie: Arild Fröhlich
Drehbuch: Johan Bogaeus
Darsteller: Emily Glaister, Eilif Hellum Noraker, Kristoffer Joner, Atle Antonsen, Anke Engelke
Filmlänge: 90 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 1. Quartal 2015
 

FILMKRITIK:

„Doktor Proktors Pupspulver“ beginnt wie ein bonbonfarbener Horrorfilm, wenn sich vor malerischer Bilderbuchkulisse eine gigantische Schlange aus dem Meer erhebt und ein turtelndes Liebespaar in Angst und Schrecken versetzt. Auch wenn die folgenden Ereignisse zunächst weit weniger angsteinflößend daherkommen, bleibt die Inszenierung doch latent verstörend. Statt kindlich verspielt, wirken die schiefen Kamerawinkel und die immens künstlichen Bilderwelten eher wie eine unangenehme Realitätsverzerrung.

Dabei ist die Geschichte ganz auf die Kleinsten zugeschnitten. Doktor Proktor (Kristoffer Joner), der in seiner Nachbarschaft als verrückt gilt, hat ein Pupspulver erfunden, das er mit Hilfe der Nachbarskinder Lise (Emily Glaister) und Bulle (Eilif Hellum Noraker) zu einem Pupsonautenpulver weiterentwickelt, das in der Lage ist, Menschen in luftige Höhen zu schießen. Doch ein gieriger Geschäftsmann hat es auf das gewinnbringende Produkt abgesehen und will Doktor Proktor das Handwerk legen. Nur Lise und Bulle können ihm jetzt noch helfen. 

Das Drehbuch von Johan Bogaeus, das auf dem Kinderbuch von Jo Nesbø basiert, kommt schnell in Schwung, vielleicht sogar etwas zu schnell. Denn das Fehlen eines Erzählers macht es zunächst schwierig, die verschiedenen Figuren einzuordnen. Wer ist denn dieser schlechtgelaunte Herr Thrane (Atle Antonsen)? Und was hat er gegen Doktor Proktor? Und wo kam noch mal die Schlange am Anfang her? Auch die bis auf Lise stark überzeichneten Charaktere machen es schwer, sich in diesem Filmuniversum zu Hause zu fühlen. Selbst der klein gewachsene und leuchtend rothaarige Bulle wirkt eher wie eine Witzfigur und weniger wie der freundliche Junge aus der Nachbarschaft, der uns zum Spielen einlädt.

Dabei ist Arild Fröhlichs ungewöhnliche Inszenierung durchaus interessant, erinnert sie doch deutlich an die verschrobene Vorortsiedlung in Tim Burtons „Edward mit den Scherenhänden“. Doch die Ästhetik in jenem Film war vor allem auf ein erwachsenes, nicht aber auf ein kindliches Publikum zugeschnitten. Während die visuelle Gestaltung bei Burton eine Botschaft vermittelte, die Oberflächlichkeit der Vorortgesellschaft unterstrich, wirkt sie im Kontext des Kinderfilms „Doktor Proktors Pupspulver“ ein wenig fehlplatziert. Auch der Gruselfaktor, insbesondere der unheilvollen Schlange, ist in Anbetracht der Zielgruppe nicht zu unterschätzen. Auf der anderen Seite ist „Doktor Proktors Pupspulver“ derart linear, um nicht zu sagen platt erzählt, dass ältere Kinder sich durchaus langweilen dürften. Und auch der gelungene Witz des Pupspulvers hat sich irgendwann einmal erschöpft.

„Doktor Proktors Pupspulver“ hat ein Zielgruppenproblem. Für Große zu platt, für die Kleinen zu heftig. Spätestens als die Riesenschlange vom Anfang wieder auftaucht und Lise und Bulle in der Kanalisation auflauert, dürften sich selbst die Erwachsenen ein bisschen gruseln. Der Inszenierung fehlt der rechte Charme eines Kinderfilm sowie liebenswerte Charaktere, um die bedrohlichen Elemente zu entschärfen. Auch beschränkt sich das Konzept auf eine einfache Gut-Böse-Unterteilung, anstatt den Figuren eine Entwicklung zu gönnen, bei der die Zuschauer mitfiebern und sympathisieren könnten. Und dass die „Bösen“ in diesem Konzept grundsätzlich stark übergewichtig sind, ist aus pädagogischer Sicht klar zu kritisieren.

Das ist schade, denn eigentlich liegt der Geschichte eine treffende Beobachtung der realen Welt zu Grunde. Der Geschäftsmann Herr Thrane bedient sich anderer Leute Erfindungen, um daraus Profit zu schlagen. Das Gemeinwohl liegt ihm weit weniger am Herzen als sein Portemonnaie. Damit erinnert er an Industriebosse, die zu Gunsten ihrer eigenen überteuerten Produkte intelligente und Ressourcen schonende Erfindungen vom Markt verdrängen. Nur leider ist dieser Subtext allzu tief unter der überdrehten Inszenierung verborgen.
 
Sophie Charlotte Rieger