Dorfpunks

Basierend auf dem autobiographischen Bestseller-Roman von Rocko Schamoni führt „Dorfpunks“ zurück in die 80er Jahre. In Holstein, in einem Kaff an der Ostseeküste entdeckt eine Gruppe Jugendlicher den Punk und das Versprechen von Rebellion und Freiheit. In den Hauptrollen mit Schauspieldebütanten besetzt, überzeugt Lars Jessens Film vor allem in seiner authentischen Schilderung eines Milieus.

Webseite: www.dorfpunks-der-film.de

Deutschland 2009
Regie: Lars Jessen
Buch: Norbert Eberlein, nach dem Roman von Rocko Schamoni
Darsteller: Cecil von Renner, Ole Fischer, Pit Bukowski, Daniel Michel; Samuel Auer, Axel Prahl
Länge: 93 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Piffl
Kinostart: 23. April 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Im Sommer 1984 ist mit einigen Jahren Verspätung der Punk auch in Holstein angekommen. Im kleinen Kaff Schmalenstedt an der holsteinschen Ostseeküste bemühen sich ein paar Jugendliche um möglichst authentische Punkposen. Malte Ahrens nennt sich Roddy Dangerblood und trägt Lederjacke und blondierte Haare spazieren. Zusammen mit seinen Kumpels Sid, Flo, Günni, Piekmeier und Fliegevogel verbringt er jede freie Minute mit Herumlungern im Wald oder auf dem örtlichen Marktplatz, immer eine Dose Bier in der Hand und das Gefühl im Herzen, anders zu sein, frei von den Restriktionen der bürgerlichen Gesellschaft. Seine Eltern, ein Lehrerehepaar, verstehen ihn nicht mehr, seine Töpferlehre reißt er lustlos ab, es passiert nicht wirklich Aufregendes im Leben von Roddy Dangerblood.

Bis ihm eines Tages die vermeintlich rettende Idee kommt: Eine Band. Instrumente können die Freunde zwar nicht spielen, aber das hat bekanntermaßen auch die Sex Pistols nicht davon abgehalten, berühmt zu werden. So findet man sich in Roddys Dachkammer wieder, schrammelt auf geborgten Instrumenten vor sich her und ergötzt sich an der betont rebellischen Attitüde. Der erste Auftritt ist schnell beschafft, doch bald wird deutlich, dass sich die Interessen der Freunde auseinander bewegen und der Sommer bald vorbei ist.

In seinem Roman „Dorfpunks“ verarbeitete Rocko Schamoni seine eigene Jugend in Lütjenburg, eine Geschichte aus der deutschen Provinz, die schließlich zu einer recht erfolgreichen Karriere als Musiker, Autor und Entertainer führte. Dass sich nun ausgerechnet Lars Jessen an eine Verfilmung des lose strukturierten Romans macht, überrascht nicht. Schon sein Kinodebüt „Am Tag als Bobby Ewing starb“ zeichnete die deutsche Befindlichkeit in einer Kleinstadt in den 80er Jahren nach. So ist „Dorfpunks“ auch eine Variation desselben Themas, mit ähnlichem selbstironischen Blick, der die Absurditäten einer Zeit mit Sympathie beschreibt, ohne sich über sie lustig zu machen.

Doch die Null Bock-Posen, die Roddy und seine Freunde zur Schau stellen, tragen nicht einen ganzen Film. Eine ganze Weile reicht es zwar, schön beobachtete Vignetten aus dem 80er Jahre-Leben vorgeführt zu bekommen, Eltern zu sehen, die sich um Verständigung mit ihrem entfremdeten Sohn bemühen („Wir haben doch früher über alles reden können“), Mädchen aus bürgerlichem Haus, die gleichermaßen fasziniert und angewidert von den lotterigen Punks sind. Irgendwann aber muss eine Geschichte einsetzen, eine Entwicklung die zu etwas führt – und hier beginnt der Film zu haken. Zwar wurde mit der Geschichte der Band, die im Laufe eines Sommers beginnt und zerfällt, eine dichte Form gefunden. Was fehlt ist jedoch ein Bezug der Figuren zur Gesellschaft. Es sind Typen, aber nicht unbedingt Charaktere mit eigenem Leben. Weder der politisch Engagierte, der vom Stalinismus begeistert ist und gegen das Kapital wettert, noch der immer mehr den auch härteren Drogen Verfallende fehlen, aber warum sie so agieren bleibt im dunkeln. Was die 80er Jahre wirklich bedeuteten, wie sie diese Jugendlichen beeinflussten und zu dem machten, was sie sind, dieser Frage weicht der Film aus. Und verlässt sich ganz auf die Ausstrahlung des Hauptdarstellers Cecil von Renner. Was nicht unbedingt eine schlechte Entscheidung war und „Dorfpunks“ trotz dramaturgischer Schwächen zu einem sympathischen, witzigen Zeitporträt mit toller Musik macht.

Michael Meyns

1984. Ein Provinzstädtchen an der Ostsee. Viel los ist da nicht. Was sollen Jungens wie Roddy, Sid, Flo, Günni, Fliegevogel und Pickmeier also machen? In der Landschaft herumhocken, Bier trinken, viel rauchen, ab und zu in der örtlichen Disco tanzen, Mädchen anmachen, gelegentlich Party feiern, untereinander raufen, die Spießbürger und Bürger auf ordinäre und extreme Weise ärgern, sich ab und zu wenn’s geht auch eine Droge reinziehen.

Oft vertreiben sich die sechs die Zeit auf diese Weise – wenn Roddy, der sich „Dangerblood“ nennt, in Wirklichkeit aber ganz einfach Malte Ahrens heißt, nicht gerade seiner Töpferlehre nachgeht.

Wo doch die Musik in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielt, warum dann nicht eine Band gründen? Sie versuchen es. Zwei müssen an die Gitarre, einer ans Schlagzeug, einer singt, andere sollen für das Management sorgen. Die Proben verlaufen schleppend. Die beiden ersten Auftritte zeitigen nur mäßigen Erfolg. Richtiger Schwung steckt nicht dahinter, obwohl sich der Name der Band praktisch täglich ändert („Warhead“, „Fuck of Tomorrow“ usw.).

Und doch scheinen sie zu spüren, dass etwas geschehen muss, dass ihre Region, die Holsteinische Schweiz, sozusagen Verspätung hat. Die Punk-Ideologie, das Anderssein, das Sich-Auflehnen, der Drang nach Freiheit sollen helfen. Die Gruppe sieht sich wie eine Art Avantgarde. Die musikalische Entwicklung der Zeit spielt dabei eine führende Rolle.

Im Gegensatz zu seinen auf der Stelle tretenden Freunden ist es Robby, der am weitesten kommt – nicht zuletzt deshalb, weil er bei dem Treffen mit dem Kneipenwirt Paul Mascher neue musikalische Welten entdeckt.

Grundlage des Films ist der gleichnamige Bestsellerroman von Rocko Schamoni. Eine geschlossenere Dramaturgie hätte man sich von der Handlung gewünscht und auch mehr Wissenswertes darüber, welche Wege die Sechs letztendlich einschlagen. Sehr
gut dagegen sind die Provinzatmosphäre, die dortigen Landschaften, das Bild der Epoche, das noch unfertige Wesen der Protagonisten und ihre „feine“ Ausdrucksweise sowie vor allem die Bedeutung der Musik in ihrem damaligen Entwicklungsstand eingefangen.

Bemerkenswert auch, dass – außer natürlich Axel Prahl als Kneipenwirt – vor dem Dreh von „Dorfpunks“ nur zwei der Hauptdarsteller (Pit Bukowski als Sid und Laszlo Horwitz als Piekmeier) bereits filmische Erfahrung mitbrachten. Die anderen (Cecil von Renner als Roddy, Ole Fischer als Fliegevogel, Daniel Michel als Flo und Samuel Auer als Günni) sind Neuentdeckungen, die ihren Part aber gut meisterten.

Thomas Engel