Dream Boat

Ein Traumschiff der besonderen Art steht im Mittelpunkt von Tristan Ferland Milewskis Dokumentation „Dream Boat“, ein Luxusliner, auf dem ausschließlich schwule Männer ihre Ferien verbringen. Auf den ersten Blick ein spannendes, ungewöhnliches Sujet, das Milewski jedoch ignoriert und stattdessen einen Film über allgemeine schwule Befindlichkeiten gedreht hat.

Webseite: www.facebook.com/DreamBoatFilm

Dokumentation
Deutschland 2016
Regie & Buch: Tristan Ferland Milewski
Länge: 90 Minuten
Verleih: RealFiction
Kinostart: Sommer 2017

FILMKRITIK:

Das Klischee beschreibt Schwule gern als hedonistisch und dem Luxus zugetan, kein Wunder also, dass es in vielen Bereichen längst auf Schwule zugeschnittene Angebote gibt, darunter auch rein schwule Kreuzfahrten. Auf so einer hat Tristan Ferland Milewski seinen Debütfilm „Dream Boat“ gedreht, dem man allerdings über weite Strecken nicht anmerkt, dass man sich auf dem Wasser befindet. Das Drumherum der Reise interessiert Milewski nicht, selbst die grundsätzliche Information, wo denn das Schiff unterwegs ist fehlt, auch auf Aussagen der Crewmitglieder – unter denen sich sowohl Frauen, als auch, soviel darf man vermuten, Hetero-Männer befinden – verzichtet Milewski und konzentriert sich ganz auf die Befindlichkeiten seiner schwulen Protagonisten.
 
Einige von ihnen hat er genauer unter die Lupe genommen, begleitet sie schon beim Boarden und versucht ihre Erlebnisse auf der gut eine Woche dauernden Kreuzfahrt als losen roten Faden zu präsentieren. Den Inder Dipanker lernt man da etwa kennen, der in seinem konservativen Heimatland heiraten sollte, aber stattdessen überraschenderweise nach Dubai geflohen ist und mit zunehmender Verzweiflung einen Lebenspartner sucht.
 
Den hat der Franzose Philippe schon gefunden, sein Problem ist, dass er seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt und keinen Kontakt mehr zu seiner Familie hat. Als Behinderter hat er es beim hedonistischen Treiben auf der Tanzfläche nun besonders schwer, Anschluss zu finden. Der Palästinenser Ramzi wiederum konnte sich in seiner Heimat nie ausleben, ebenso wenig wie der Pole Marek. Am entspanntesten wirkt der Österreicher Martin, der sich voller Emphase in das Bordleben stürzt und die Reise in vollen Zügen geniest.
 
Große Mühe hat Milewski, der bislang in erster Linie kurze Dokumentationen und Clips drehte, eine Struktur zu finden. Schematisch hakt er Themen wie den Umgang mit HIV ab, dem Unterschied zwischen Sex aus Liebe oder Lust oder der Frage nach dem richtigen oder falschen Zeitpunkt für ein Outing. Der besondere Ort, die spezielle Welt eines Kreuzfahrtschiffes bleibt dagegen völlig außen vor, auch die an sich offensichtliche Frage, was all diese Männer dazu getrieben hat, genau diese Reise zu wählen, wird nicht gestellt.
 
Immer wieder mutet „Dream Boat“ dadurch wie eine verschenkte Möglichkeit an, bei der man sich einen großen Beobachter wie Frederick Wiseman gewünscht hätte, der mit bloßem Hinsehen die Eigenheiten einer so speziellen sozialen Konstruktion hätte einfangen können. Milewski dagegen begnügt sich mit einem Blick auf schwule Befindlichkeiten. Das ist nicht uninteressant, seine Protagonisten bilden vielfältige Typen, ganz unterschiedlich Wünsche und Träume ab, auch die wechselnden Themenparties, die allabendlich stattfinden liefern überraschende Bilder, doch mehr als ein kurzer, doch eher oberflächlicher Einblick in schwulen Hedonismus ist „Dream Boat“ am Ende dann doch nicht.
 
Michael Meyns