Wohl noch kein Film hat das Handlungsmuster der „missed person“, das sich durch viele Genres zieht, so konsequent gegen den Strich gebürstet wie Alexandre Koberidzes mehr als dreistündiges Arthouse-Roadmovie „Dry Leaf“.
Koberidze spielt konsequent mit der Erwartungshaltung des Publikums und tut wirklich alles, um sie zu durchkreuzen. Dabei ist es ihm gelungen, dem eher spröden Konzept seines Films eine gehörige Menge Charme einzuhauchen. Zusammen mit der ungewöhnlichen Filmästhetik und einer guten Portion Poesie ergibt das eine ganz besondere Atmosphäre.
Über den Film
Originaltitel
Khmeli potoli
Deutscher Titel
Dry Leaf
Produktionsland
DEU, GEO
Filmdauer
186 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Koberidze, Aleksandre
Verleih
n.n.
Starttermin
31.12.2026
Von einem Tag auf den anderen verschwindet die Sportjournalistin Lisa spurlos. Immerhin hinterlässt sie einen Abschiedsbrief, in dem sie ihre Eltern bittet, nicht nach ihr zu suchen. Doch diese Bitte ist für ihren Vater Irakli (gespielt von David Koberidze, dem Vater des Regisseurs) erst recht ein Ansporn, die Suche nach ihr aufzunehmen. Gemeinsam mit ihrem unsichtbaren (!) Freund Levani begibt er sich auf eine Art Odyssee durch das ländliche Georgien, wo er Lisas letzten Wegen nachspürt: Sie war damit beschäftigt, für ein bekanntes Sportmagazin eine Fotoreportage über Georgiens kleine, wilde Fußballplätze zu drehen. Auf ihrer Irrfahrt begegnen Irakli und Levani zahlreichen meist jüngeren Fußballspielern, einer Vielzahl mehr oder minder knuffiger Tiere und einer erklecklichen Menge weiterer Unsichtbarer … doch niemand von diesen zahlreichen neuen Bekanntschaften hat Lisa gesehen.
Der georgische Filmemacher Alexandre Koberidze bleibt den Themen treu, die er bereits in „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ thematisiert hat: Was ist eigentlich unter Wahrnehmung zu verstehen? Und was liegt jenseits des Sichtbaren? In „Dry Leaf“ wird diese Frage durch An- und Abwesenheit in Bilder gefasst. Es gilt nicht nur, die abwesende Lisa zu finden. Die eigentliche Herausforderung, die Koberidze charmant an den Zuschauer weiterreicht, besteht in den nur scheinbar abwesenden Anwesenden, in den Unsichtbaren, denen Irakli und Levani auf Schritt und Tritt begegnen. Oder auch nicht … wer kann das sagen? Und wer weiß das schon?
Koberidze hat den ganzen Film übrigens mit der Kamera eines betagten Sony-Ericsson-Handys gedreht, was für Zuschauer, die an die makellose Optik moderner Mainstream-Filme gewöhnt sind, zweifellos eine Herausforderung ist. Wer sich jedoch auf die so entstehende Ästhetik einlässt, wird ein beinahe zauberhaftes Kino-Erlebnis haben. Die grobkörnigen Bilder voller Artefakte erwecken den Eindruck, den Film wie durch das staubige Fenster einer verlassenen Hütte zu sehen, die abseits (!) eines der zahlreichen Bolzplätze des Films steht. Und Fußballplätze liegen Alexandre Koberidze besonders am Herzen. Die Begeisterung des Autorenfilmers für den Fußball ist legendär – der Filmtitel, „Dry Leaf“, ist die englische Bezeichnung für den „Flatterball“, einen tückischen Torschuss, der den Torwart wegen seiner leicht erratischen Flugbahn vor besondere Herausforderungen stellt.
Gelegenheits-Kinogänger, das muss man ehrlicherweise sagen, könnten mit Koberidzes Film überfordert werden. Den aus dem erzählerischen Minimalismus entstehenden Sog, der das Publikum in die karge Erzählung hineinzieht und dort genussvoll verweilen lässt, werden vermutlich eher erfahrene Arthouse-Fans erleben, die Freude daran haben, Koberidzes Andeutungen zu dechiffrieren. Es existiert weder Klarheit noch Wahrheit – das ist Koberidzes Credo.
„Dry Leaf“ ist eher Kunstwerk als übliche, leicht verdauliche Filmkost. Es gibt keine Gelegenheit, einem sich im Vordergrund abspielenden Drama zu folgen, und auch keine klassischen Auflösungen, die dem Zuschauer Befriedigung verschaffen. Stattdessen wird eine fragmentierte Wirklichkeit erkundet, und zwar in einem durchaus poetischen Rahmen, irgendwo zwischen Roadmovie und Van Gogh, zwischen Märchen und Monet, zwischen Sozialstudie und Meditation über das Medium Film an sich.
„Dry Leaf“ fordert den Zuschauer heraus und verlangt ihm eine intuitive Offenheit ab, aber auch die Bereitschaft, den Blick zu verändern. Wer dazu bereit ist, das extrem langsame Erzähltempo des Films zu nutzen, um genau hinzuschauen, wird im ansonsten leichtfertig Übersehenen eine ganz eigene, beinahe magische Welt entdecken. Und wer die Geduld aufbringt, sich auf drei Stunden wunderbar merkwürdige Filmkunst einzulassen, wird mit einem poetischen Grenzgang belohnt: das Kino als Erfahrungsraum, der aus Leerstellen kleine Wunder werden lässt.
Gaby Sikorski







