Dunkelblaufastschwarz

Der Titel lässt es schon ahnen: Das Spielfilmdebüt des Spaniers Daniel Sánchez Arévalos ist weniger eine durchstrukturierte Geschichte mit Anfang und Ende als eine Kontemplation über ein Lebensgefühl und die Farben von Stimmungen, die leicht changieren. "Dunkelblaufastschwarz“ erzählt vom Erwachsenwerden. Der Held, der sich lange weigert, seine Warteschleife zu verlassen, wird am Schluss weiter sein, aber nur ein bisschen. Nichts wird komplett anders im Leben, sagt uns Arévalo. Die Dinge changieren nur ein wenig – wie zwischen dunkelblau und fast schwarz.

Webseite: www.arsenalfilm.de

AzuloscuroCasinegro 
Spanien 2006
Regie und Buch: Daniel Sánchez Arévalo
Darsteller: Quim Gutiérrez, Marta Etura, Antonio de la Torre, Héctor Colomé, Raúl Arévalo, Eva Pallarés
Länge: 105 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 21. Juni 2007

PRESSESTIMMEN:

 

Ein facettenreicher, schillernder, grotesk-komischer Mikrokosmos der spanischen Gesellschaft. Überzeugend jongliert das Langfilmdebüt mit konventionellen Erzählmustern und überraschenden Wendungen. – Sehenswert.
film-dienst

Mit großem Charme erzählt.
Hollywood Reporter

Ein überzeugendes und fesselndes Drama.
Variety

Eine beeindruckende Liebesgeschichte.
Deutschlandradio

Unter die Haut geht dieses warmherzig-skurrile Drama nicht zuletzt dank der vitalen Darsteller, allen voran der sympathische Newcomer Quim Guitérrez…
Dank Arévalos poetischer Sachlichkeit ist dunkelblaufastschwarz (…) ein origineller (kleiner…würd ich draußen lassen) Kinofilm, der die Lust am Sehen weckt und in dem es noch viel zu entdecken gibt.
Mit einem Touch “Almodóvar”, poetisch, witzig und unsentimental…! 
epd Film

…mit feinem Witz und mitreißendem Tempo.
Player

FILMKRITIK:

Jorge (Quim Gutiérrez) ist ein attraktiver junger Mann mit BWL-Abschluss. Doch er arbeitet als Hausmeister, pflegt seinen demenzkranken Vater und betrachtet mit verhangenem Blick die Postkarten seiner Nachbarin, die er seit Jahren still verehrt. Wie das zusammenpasst, wird nur zum Teil deutlich. Jorge gibt sich die Schuld an der schweren Erkrankung seines Vaters, weshalb er selbstverständlich dessen Pflege übernimmt. Das bestimmt einen großen Teil seines Lebens, aber da ist noch etwas Anderes. Ein gewisses Zögern, das Jorge verharren lässt in einem Schwebezustand, so dass er sich nicht entscheiden muss, in welche Richtung er sein Leben lenken könnte.

Der junge Mann, der in seinem hehren Tun wie der gute Mensch von Madrid wirkt, muss buchstäblich immer wieder Mauern überwinden um weiterzukommen. Nicht nur als er vor seinem Vater flieht, sondern auch als er eine Frau trifft, die ihn sehr verwirrt. Paula (Marta Etura) sitzt nämlich im Knast und ist eigentlich die Freundin seine inhaftierten Bruders Antonio (Antonio de la Torre). Damit wird neben Schuld und Sühne gleich ein anderes Thema des Films abgesteckt: die Familie als ehernes Gehäuse vertrackter Beziehungen, dem man nicht entkommen kann. „Ist das eine Sekte?“, heißt es einmal im Film. „Eine Familie“, lautet die Antwort.

Jorges Zögerlichkeit ist also nicht nur der Weltschmerz des Jünglings, sondern hat gute Gründe. Er hat Vater und Bruder am Hals, weshalb seine Bewerbungen für bessere Jobs aussichtslos sind. Und weil er nur Hausmeister ist, kommt auch die Sache mit seiner Nachbarin Natalia (Eva Pallarés) nicht recht voran, die nach einem Jahr im Ausland zurückkehrt und Jorge schöne Augen macht.

Das alles mag etwas trist klingen, ist es aber nicht. Das Drehbuch bewegt sich in der Anlage der Szenen meist souverän zwischen Komik und Tragik. Was eben noch traurig war, offenbart nach einer kleinen Verschiebung der Perspektive seine amüsante Seite. Und außerdem ist da noch Jorges Freund Israel, dessen humorige Verwirrung in der sexuellen Identitätsfindung dem Film zweifellos hellere Töne verleihen soll. Dieser Nebenstrang ist nicht so gut mit der Haupthandlung verwoben, offenbart aber etwas anderes: die Nähe zum Figuren-Setting und Erzählstil Pedro Almodóvars. Wie bei Almodóvar reden die Figuren sozusagen um ihr Leben und in den Dialogen offenbart sich mancher Abgrund. Kurioserweise spielte Antonio de la Torre, der in „Dunkelblaufastschwarz“ Jorges Bruder Antonio verkörpert, in Almodóvars Frauen-Drama „Volver“ die einzige männliche Figur. Sie segnete bekanntlich bald das Zeitliche. Für Antonio geht die Sache anders aus. Und das gilt auch für die anderen Figuren. Die Dinge werden nicht unbedingt besser, sondern nur anders. 

Volker Mazassek 
 

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Jorge ist Hauswart mit Fernstudium. Er pflegt nebenher seinen von einem Schlaganfall getroffenen Vater, der behindert ist. Dass sich in seinem Leben etwas ändern muss, nimmt Jorge wohl wahr, doch über die genaue Richtung ist er sich noch nicht im Klaren.

Sein Bruder Antonio sitzt im Knast. Dort lernt dieser Paula kennen – und lieben. Sie will unbedingt geschwängert werden, denn dann kommt sie auf die Mutter-Kind-Station, und dort haben es die gefangenen Frauen wesentlich besser. Immerhin hat Paula noch mehr als drei Jahre abzusitzen.

Aber es gibt ein Problem. Antonio ist zeugungsunfähig. Also bittet er Jorge, mit Paula das Nötige zu unternehmen. Der zögert, gibt aber schließlich nach. Für Natalia, Jorges frühere Freundin, ist das schlecht. Denn das Verhältnis zwischen Paula und ihrem aus Antonios Not geborenen Liebhaber verdichtet sich.

Eine Rolle spielt auch Jorges Freund Israel. Dessen Sexualität macht Bocksprünge. Er weiß nicht, ob er schwul ist, er muss es erst herausfinden. Dass er sich in einer schwierigen Phase befindet, ist schon dadurch erkennbar, dass er sich nicht mit seinem echten Namen anreden lässt. Möglicherweise hat er die Homosexualität von seinem Vater geerbt. Der jedenfalls lässt sich regelmäßig massieren. Und vielleicht nicht nur das.

Der Film zeigt das Beziehungsgeflecht zwischen diesen sechs Menschen ebenso auf wie die Lebensumstände und Erwartungen, die Freuden und Leiden jedes einzelnen von ihnen. Eine dramaturgische Systematik ist nicht zu erkennen, dafür eher eine plausible Charakterisierung der handelnden Personen.

Jorge ist hin und her gerissen. Er muss seinen Weg erst noch suchen. Ob Paula, nachdem ihr Wunsch erfüllt ist, von Antonio noch etwas wissen will, ist die Frage. Antonio selbst, früher hart und aufbrausend, ist sanfter geworden, kümmert sich nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis sogar um den kranken Vater, hängt aber ziemlich in der Luft. Natalia ist die Verliererin. Israel ist in Bezug auf seine Sexualität noch nicht viel schlauer geworden.

Ein aus Spanien stammender impressionistischer Streifzug durch eine Lebenssituation eines halben Dutzend Menschen, die miteinander in enger Beziehung stehen. Ohne zwingende dramaturgische Systematik, doch menschlich durchaus berührend.

Thomas Engel