Eat Sleep Die

Rasa ist allein: Gerade hat sie ihren Job verloren und nun fährt ihr Vater beruflich nach Norwegen. Auf der Suche nach einer neuen Arbeit, muss die Migrantin zunächst lernen, ihr Leben selbst aktiv zu gestalten. Der Realismus, den Regisseurin Gabriela Pichler bei ihrem Portrait der jungen Arbeitslosen erschafft, ist ebenso beeindruckend wie deprimierend.  

Webseite: www.eclipse-film.de

OT: Äta sova dö
Schweden 2012
Regie und Drehbuch: Gabriela Pichler
Darsteller: Nermina Lukac, Milan Dragisic, Jonathan Lampinen
Länge: 100 min.
Verleih: Eclipse Film
Kinostart: 20. März 2014

FILMKRITIK:

Arbeiten am Fließband – das ist für so manchen eine Horrorvorstellung. Für Rasa (Nermina Lukac) ist es der Lebensmittelpunkt. Die 21-jährige Muslimin aus Montenegro lebt gemeinsam mit ihrem Vater in einer tristen schwedischen Kleinstadt, in der die Arbeit in der Nahrungsmittelfabrik ein kleines Highlight darstellt. Umso härter trifft es Rasa, als sie im Rahmen einer Entlassungswelle ihren Job verliert. Und ausgerechnet jetzt hat sich der kranke Vater (Milan Dragisic) in den Kopf gesetzt, zu einem Arbeitseinsatz nach Norwegen zu fahren. Alleine, ohne die Kollegen und den geliebten Vater, ohne einen Lebensinhalt, wird Rasa ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Nur sie selbst kann ihr Leben gestalten und in neue Bahnen lenken. Aber welche Bahnen sollen es sein?

Regisseurin und Drehbuchautorin Gabriela Pichler nimmt den Zuschauer mit in Rasas kleines Universum. Während die unstete Handkamera die Fabrik als einen Ort der Hektik inszeniert, fängt sie Rasa als Fels in der Brandung ein. Forsch, aber souverän geht sie ihrer Tätigkeit nach. Ihre Arbeit mag simpel sein, aber sie tut sie gern und sie ist gut darin. In der Fabrik ist Rasa in ihrem Element, bewegt sich selbstsicher und zielgerichtet. Rasas zweiter Lebensmittelpunkt ist die Wohnung ihres Vaters, mit dem sie eine liebevolle, fast geschwisterlich-verspielte Beziehung pflegt.

Zunächst bleibt unklar, wieso Gabriela Pichler der Etablierung dieser beiden Orte – der Fabrik und der elterlichen Wohnung – so viel Aufmerksamkeit widmet. Die Geschichte kommt nur gemächlich in Schwung und plätschert eine Weile recht ziellos dahin. Bis schließlich die Katastrophe eintritt, die eben nur durch die ausgedehnte Exposition auch als solche funktioniert: Der Zuschauer kann nun verstehen, wieso die Entlassung und die Abreise des Vaters Rasa vollkommen aus dem Gleichgewicht bringen. Die Orientierungslosigkeit der Figur wird umso greifbarer, wenn Pichler ihre Heldin nun vermehrt durch die Umgebung streifen lässt. Im Gegensatz zu ihrem souveränen Auftreten in der Fabrik wirkt die junge Frau nun unsicher und verloren.

Tiefere Einblicke in die Gefühlswelt Rasas jedoch bleiben dem Zuschauer verwehrt. Die Heldin ist zu taff und verschlossen. Ihre Emotionen lassen sich nur erahnen. Die schwierige Einfühlung in die Figur rührt auch von der eingleisigen Handlung her, die sich ganz auf Rasas beruflichen Werdegang beschränkt und ihren Beziehungen wenig Aufmerksamkeit schenkt. Die enge Bindung zu ihrem Vater tritt durch dessen Abwesenheit in den Hintergrund, ihre Freundschaft zu Nicki (Jonathan Lampinen) erfährt keine nähere Betrachtung. Auch gelingt es Pichler zunächst nicht, den inneren Konflikt der Figur durch die Filmhandlung zu erzählen. Erst kurz vor Schluss wird deutlich, dass Rasas Jobsuche von ihrer Unfähigkeit erschwert wird, sich von ihrem Heimatort und somit auch dem Vater zu lösen und andernorts eine Beschäftigung zu suchen.

„Eat, Sleep, Die“ – das sind die Elemente, aus denen das Leben von Rasa und den anderen Arbeitslosen der Geschichte besteht. Die Regisseurin erzählt nicht nur vom Emanzipationsprozess der Hauptfigur, sondern vor allem von der Arbeitslosigkeit selbst und lässt neben Rasa weitere Betroffene zu Wort kommen. Über dem gesamten Film liegt der Schleier großer Tragik. Rasas Heimatstadt ist trist, der Himmel immer grau. Freude und Ausgelassenheit funktionieren durch zwei Partyszenen zwar als Rahmung der Geschichte, spiegeln sich jedoch nicht im Inhalt wider. So sehr diese Stimmung auch zum Realismus des Konzepts beiträgt, erschwert sie auch den Filmgenuss. Die anhaltende Tristesse der Geschichte transportiert eindrucksvoll die Lage der Hauptfigur, ist zur gleichen Zeit jedoch auch ziemlich deprimierend.
 
Sophie Charlotte Rieger