Nymph()maniac Vol. 2

Im zweiten Teil der nymphomanischen Memoiren einer unkonventionellen Frau lässt Lars von Trier es düsterer zugehen: Nach der Schilderung von Jugend und erotischem Werdegang folgt nun der manische Drang nach Destruktivität. Der Konflikt zwischen sozialen Erwartungen und der weiter drängenden inneren Kraft eskaliert in ihrer eher unfreiwillig übernommenen Rolle als Partnerin und Mutter und so zieht es die Protagonistin Joe wieder hinaus in die rauschhafte Ekstase der Unbestimmtheit. Doch ein Leben jenseits der Normen bleibt nicht ohne schmerzhafte Konsequenzen.

Webseite: www.nymphomaniac-derfilm.de

Dänemark, Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien 2013
Regie, Buch: Lars von Trier
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman, Willem Dafoe, Mia Goth u.a.
Länge: 124 Min.
Verleih: Concorde
Start: 03.04.2014

FILMKRITIK:

Der Verlust der tragenden Intensität markiert das Ende des ersten Teils: Joe hat sich verliebt und verliert daraufhin ihre Fähigkeit zu fühlen. Lust oder Liebe, sie scheint nicht beides haben zu können. Ohne sich dessen bewusst zu sein, setzt sie das abweisende Verhalten ihrer Mutter fort, als sie selbst ein Kind bekommt. Wie ein Tiger im Käfig bringt sie durch jene Unruhe ihren Mann Jerôme (Shia LaBeouf) zur Verzweiflung, der sie schließlich freigibt, um ihr Körpergefühl wieder zu finden. Auf der Suche nach der verlorenen Erregung begibt sie sich in die dunkelsten Gebiete von Lust, Strafe und Gewalt.

Lars von Trier erforscht mit seiner nymphomanischen Frauenfigur das Szenario eines Lebensentwurfes, der gesellschaftlichen Normierungen widersteht. Auch wenn sie mit diesen in Konflikt gerät, bewahrt sich Joe doch ihre ungeformt bleibende Kraft, die ebenso Genuss wie Leid bedeutet. Doch immerhin verhandelt sie jene Widersprüche, im Gegensatz zur heuchlerischen Hochkultur, die alles pathologisieren und integrieren will, begibt sich an die Grenzen des Bekannten und des Erlaubten.
Schon im ersten Teil assoziierte ihr keuscher Zuhörer Seligmann (Stellan Skarsgård) mit ihrer Leidenschaft die Nymphe – als biologische Bezeichnung einer Insektenlarve, die sich in einem Zustand der Unbestimmtheit, des Werdens befindet. Doch auch die geläufigere Bedeutung des Wortes in der Mythologie mag für von Trier eine Rolle gespielt haben.

Wie schon in „Antichrist“, den er im zweiten Teil mehrfach selbst zitiert, bildet das ambivalente Verhältnis zur beseelten Natur einen zentralen Punkt. Joe findet immer wieder Momente des tiefen Friedens und der Erfüllung beim Spaziergang im Wald, so wie es ihr Vater (Christian Slater) einst vorgelebt hat – die Natur ist geradezu ein Ausdruck der allumfassenden Erotik, wenn sie sich in einer Episode an einen mystischen Höhepunkt auf einer Bergwiese erinnert. Doch sie ist ebenso grausam und gleichgültig und lässt Joe immer wieder auch Momente der existenziellen Einsamkeit erfahren, zum Beispiel bei der langen Suche nach ihrem „Seelenbaum“, die der Vater ihr nahe gelegt hat.

Ihre Destruktivität führt sie auch in eine Therapiegruppe, doch von Trier erteilt der Psychoanalyse eine klare Absage, wenn er seine Figur trotzig darauf beharren lässt, dass der Begriff „Sexsucht“ nur dazu diene Verhalten zu normieren, an dem sie nichts Verwerfliches finden kann.

So liefert er auch keine einfache Erklärung für Joes außergewöhnliche Entwicklung, streut jedoch mit seiner Problematisierung von Mutterschaft einige Hinweise.

So innig das Verhältnis zu ihrem Vater war, so kalt und abweisend ist die Beziehung zu der Person, die sie geboren hat (Connie Nielsen) und auf vielsagende Weise nur dadurch charakterisiert wird, dass sie gern Solitär mit sich selbst spielt. Auch Joe wird am Ende des Films jene Karten legen, als sich das Oszillieren zwischen der Omnierotik ihres Vaters und der Autoerotik der kalten Mutter zu einem dramatischen Schluss zuspitzt. Mit ihrem kleinen Sohn konnte sie nichts anfangen, doch sie entdeckt eine andere Form der Fortpflanzung, die ihr mehr zusagt, da sie das Mütterliche ausschließt und tatsächlich eher etwas Pflanzliches hat: die Heranbildung eines Zöglings.

Die Adoption eines jungen Mädchens (Mia Goth), das ihr in vieler Hinsicht ähnlich ist, mit dem Ziel der beruflichen Nachfolge, wird zu einer der wenigen persönlichen Erfahrungen für Joe, in der sie etwas mit anderen teilen kann.

Doch jener Beruf ist mehr eine Berufung und die logische Konsequenz aus ihrem immensen Wissen um die körperliche Intimität sowie das Fehlen von Empathie: die Nymphomanin wird, nachdem sie lange durch die Schule des Sado-Masochismus gegangen ist, zur Folterknechtin.

Provokativer und düsterer als der erste Teil schließt Lars von Trier sein erzählerisches Experiment auf treffende Weise ab, die zunächst schockieren mag, aber folgerichtig ist. So sabotiert er die Figur des rettenden Intellektuellen, der sich der gesellschaftlichen Heuchelei nicht entziehen kann und plädiert für seine gesetzlose, amoralische Frauenfigur, auch wenn diese ihren langen Kampf gegen die Liebe endgültig verliert. So wird auch das Ende des erotischen Epos zum Ausdruck eines hintergründigen und subversiven Humors, der ebenso wie die Komplexität seiner Geschichte zu begeistern vermag.
 
Silvia Bahl