Ein Dorf zieht blank

An französischen Komödien und Dramen sowie Mischungen aus beiden Polen besteht in den deutschen Kinostartlisten der letzten Jahre wahrlich kein Mangel – im Gegenteil. „Ein Dorf zieht blank“ vom Drehbuchautor und Regisseur Philippe Le Guay ist auf den ersten Blick eine weitere seichte Franzosenkomödie, die niemandem weh tut und quasi eine sichere Bank im Arthouse-Segment ist, wo immer noch die alte Mär kursiert, französische (Schwarzweiß-)Filme mit Untertiteln seien das Nonplusultra der Filmkunst. Auf den zweiten Blick bietet „Ein Dorf zieht blank“ jedoch weit mehr als der „sexy“ Titel vermuten lässt. Es geht um Solidarität und das Darben der Landwirtschaft in Zeiten, in denen ein Kilo Fleisch so viel kostet wie eine Packung Klopapier. Hinzu kommen ein engagiertes Ensemble und eine runde, angenehm simple Erzählweise.

Webseite: www.eindorfziehtblank-film.de

OT: Normandie Nue
Frankreich 2018
Drehbuch & Regie: Philippe Le Guay
Darsteller/innen: François Cluzet, Toby Jones, François-Xavier Demaison, Julie-Anne Roth, Pili Groyne, Vincent Regan, Daphné Dumons
Laufzeit: 105 Min.
Verleih: Concorde Filmverleih
Kinostart: 16. August 2018

FILMKRITIK:

Georges Balbuzard (François Cluzet), Bürgermeister einer winzigen Gemeinde in der Normandie und nebenher Landwirt, beschwört die „rissigen, erdigen Hände der Bauern“ und meint: „Jahrhundertelang ernährten wir das Land und jetzt verhungern wir!“ Mit derlei Ansprachen will Balbuzard den Kampfgeist der ansässigen Bauern wecken und den Zusammenhalt in der Dorfgemeinschaft anstacheln. Schließlich darben die örtlichen Bauern allesamt am maroden Zustand der Landwirtschaft und leben – mit Schulden bei der Bank und drohenden Landenteignungen im Nacken – von der Hand in den Mund.
 
Die ziemlich letzte Chance sieht der politische Landwirt Balbuzard in einem Deal mit dem New Yorker Starfotografen Newman (Toby Jones), der für Massenaktfotos bekannt ist, bei denen er hunderte nackte Menschen in bestimmten Kulissen inszeniert. Der Fotokünstler schlägt zufällig in der Gemeinde auf und verliebt sich in das „Chollet-Feld“, wo er sein neustes Foto mit den ansässigen Dörfler/innen schießen will. Da seine Werke um die Welt gehen, wäre das eine Möglichkeit, auf die Lage der örtlichen Landwirtschaft aufmerksam zu machen. Doch davon muss Balbuzard die Leute erstmal überzeugen… Die finden das, was er als Protestaktion à la Femen versteht, nämlich anrüchig.
 
„Ein Dorf zieht blank“ funktioniert besser als der ungeschickte deutsche Verleihtitel (auch der Originaltitel „Normandie Nue“, also „Nackte Normandie“ bekleckert sich kaum mit Ruhm). Erst bei der Filmsichtung offenbart sich der Doppelsinn des Titels, denn die Dorfbewohner/innen ziehen nicht nur blank im Sinne von nackt dastehen, sondern sind eben auch blank im Sinne von pleite: „Wir sind schon blank und ziehen uns nicht noch aus!“ Nebenbei bemerkt inszeniert Philippe Le Guay die Massennacktheit ohne jede erotische Begierde, sondern als ganz normales, schnödes Nacktsein ohne weitere Avancen. Auch vor diesem Hintergrund ergibt der marktschreierische Verleihtitel keinen Sinn.
 
Doch wie gesagt: Die Gesellschaftskomödie übertrumpft ihren Titel. Dass der Film nie langweilt, liegt allein schon an den zahlreichen, gut geschriebenen Dialogen, die das Ensemble lebendig rüberbringt. Bis in die Nebenfiguren hinein – erwähnt sei hier der „schöne Vincent“ – bleibt es glaubwürdig, menschlich, sozusagen gehaltvoll. Es geht um gemeinschaftlichen Zusammenhalt und die Frage, was getan werden kann, damit die traditionelle, kleine Landwirtschaft nicht genauso vor die Hunde geht wie – zum Beispiel – die hiesige Backkunst. Wo kann man heute noch ein Brot kaufen, das frühmorgens in einer realen Backstube entstanden ist? Wo gibt es noch Wurst, die nicht aus einer Fleischfabrik stammt, wo ein Ei, das nicht auf einem DIN-A4-Blatt gelegt wurde? Das sind Fragen, die uns alle angehen – auch wenn sie den meisten Leuten am Allerwertesten vorbei gehen. Sie in einer Mainstreamkomödie aufzuwerfen, ist richtig.
 
Zugleich glorifiziert der Film das Bäuerliche nicht. Die junge Tochter eines Bekannten des Bürgermeisters schaut Dokus über Tierleid und das Ende der Welt. In einer Traumsequenz liegen die Pestizid-getränkten Ackerböden brach, überall herrscht Trockenheit. Die Tochter beschmiert das Schaufenster des örtlichen Metzgers, glaubt, dass in zehn Jahren keiner mehr Fleisch isst, und will lieber nach Paris ziehen, als sich das Gejammer ihrer Elterngeneration anzuhören. Der Film ist nicht komplett naiv und tut so, als liege das Glück der Welt allein in den Händen der Bauern.
 
In erster Linie liefert die sozial engagierte Komödie Unterhaltung mit einem gesellschaftlichen Anliegen. Das Skript und die Regie von Philippe Le Guay erzeugen einen nie stockenden Flow mit interessanten Übergängen zwischen den Szenen und vielen Charakteren, von denen jede/r Einzelne ein glaubhaftes Profil erhält. Die Figurenskala reicht von „verbittert“ über „erzkonservativ“ und „eifersüchtig“ bis hin zu „hoffnungsvoll“, „pragmatisch“ oder „tatkräftig“.
 
Bereits durch den Schauplatz in der Normandie bricht sich auch die Historie Bahn. Das Zimmer eines Weltkriegsgenerals befindet sich noch im Originalzustand, ein im Film relevanter Erbstreit reicht bis ins Mittelalter zurück, der einst blühende örtliche Fotoladen hat die Digitalisierung nur als Schatten seiner selbst überlebt. Immer wieder rückt Le Guay das Chollet-Feld ins Bild: morgens, mittags, abends, im Sonnenschein, im Nebel. In Verbindung mit dem multithematischen Ansatz wäre zum Beispiel folgender deutscher Titel viel passender gewesen: „Ein weites Feld“. Oder: „Nackten kann niemand in die Tasche greifen“. Ob dafür jemand ins Kino gehen würde, steht freilich auf einem anderen Blatt geschrieben.
 
Christian Horn