Ein fliehendes Pferd

Wohl jeder Deutsch-Leistungskurs-Schüler hat anhand von Martin Walsers Ein fliehendes Pferd die Besonderheiten der Novelle kennengelernt. Man kann davon ausgehen, dass zukünftige Generationen von Schülern – zwecks Unterrichtsauflockerung – fortan auch Rainer Kaufmanns Verfilmung sehen werden, die über weite Strecken gelungen ist, aber auch Fragen zu Art und Weise einer solchen Literaturverfilmung aufwirft.

Webseite: www.concorde-film.de

Deutschland 2006
Regie: Rainer Kaufmann
Buch: Ralf Hertwig, Kathrin Richter – nach der Novelle von Martin Walser
Darsteller: Ulrich Noethen, Ulrich Tukur, Katja Riemann, Petra Schmidt-Schaller
96 Minuten, Format: 1: 2,35 (Scope)
Verleih: Concorde
Kinostart: 20. September 2007

PRESSESTIMMEN:

 

Fasziniert durch großartige Schauspieler…begeistert nicht nur Walser-Fans… Vieles ist anders als in Walsers Novelle, aber ihr Geist ist genau getroffen. Der Glücksfall einer Literaturverfilmung. Sehen Sie selbst – im Kino. Es lohnt sich!
ZDF Aspekte

Im Jahr des 80. Geburtstages des Autors hat Rainer Kaufmann nun endlich aus Walsers vielleicht populärstem Buch einen Kinofilm gemacht, der Unterhaltung auf hohem Niveau bietet, manchen Walser-Leser aber auch verstören wird.
Regisseur Kaufmann und die Drehbuchautoren Ralf Hertwig und Kathrin Richter haben ein meisterhaftes Stück Prosa benutzt, um einen ziemlich guten Film zu machen.
Berliner Morgenpost

…eine pointierte Adaption der Novelle von Martin Walser. Rainer Kaufmanns Karriere begann einst in München, mit dem Nachwuchspreis für seine Beziehungskomödie „Stadtgespräch“. Nun kehrt er zum wohltemperierten, manchmal erotisch erhitzten Lustspiel zurück. Vor dem Hintergrund des sommerfrischen Bodensees kommen zwei Paare zusammen. Beim double dating brechen vergessene Begierden auf, wobei der Film seinen Humor aus dem Kampf zweier Gockel bezieht.
Der Tagesspiegel Berlin

FILMKRITIK:

Zwei Paare im Urlaub, deren Begegnung lange unterdrückte Probleme an den Tag bringt. Klassischer kann eine Erzählung, aber auch ein Film kaum sein. Dass aus dieser Konstellation kein Kammerspiel wird, dafür sorgt auf den ersten Blick der Schauplatz der Geschichte: Der Bodensee mit den Alpen im Hintergrund, der zwar Weite suggeriert, in dessen Kessel sich die Figuren jedoch schnell verlieren. 

Seit Jahren verbringen Helmut Halm (Ulrich Noethen) und seine Frau Sabine (Katja Riemann) hier ihre Sommerferien. Ihre Ehe ist nach all den Jahren wenig mehr als ein Nebeneinanderherleben ohne Zärtlichkeit und Nähe. Sein alter Schulkamerad Klaus Buch (Ulrich Tukur), der ihm eines Tages plötzlich im Freibad gegenübersteht, erscheint da wie das genaue Gegenteil. Er hat mit Helene (Petra Schmidt-Schaller) eine junge, hübsche Freundin und prahlt mit seinen beruflichen Erfolgen. Mehr als aufdringlich drängt sich das Paar in den Alltag der Halms, nötigt sie zu gemeinsamen Ausflügen auf dem Boot und versucht besonders Helmut aus seiner Lethargie zu holen. 

Den spielt Noethen mit sichtbarer Abneigung gegenüber seinem Schulkameraden, den er als Aufschneider zu durchschauen glaubt und für seine exaltierte Art gleichermaßen verachtet und bewundert. Tukur wiederum gelingt es ausgezeichnet, die Nuancen seiner Figur herauszuarbeiten, die Brüche im Charakter anzudeuten, ohne ins Plakative abzudriften.

Dass die Begegnungen der Paare, mit ihrer kaum verhohlen flirtigen Atmosphäre jedoch oft den Anschein eines forcierten Partnertausches hat, weist auf das größte Problem der Adaption hin. Walsers Novelle war neben der zeitlosen Beschäftigung mit Eheproblemen und der Angst angesichts gesellschaftlichem Druck zu versagen, eben auch Studie und Kritik ihrer Zeit. Nicht zuletzt der Abgesang auf die vorgeblichen sexuellen Freiheiten, die durch die Liberalisierung der Gesellschaft Einzug in deutsche Betten gefunden hatten, war Thema der Novelle. Doch 30 Jahre später haben sich die Zeiten geändert und verlangen somit eine Anpassung der Haltung der Erzählung an die Gegenwart, die nicht immer gelingen will. Oft versucht der Film einen unglücklichen Spagat, will gleichzeitig der Novelle nah sein, sich andererseits von ihr entfernen, sich in der Gegenwart positionieren. 

Aus diesem Versuch heraus sind auch die Änderungen an der Handlung zu verstehen, die Kaufmann und seine Drehbuchautoren vorgenommen haben. Es sind zwar vor allem kleine dramaturgische Details oder etwas andere Charakterisierungen, doch in einer so dichten Form wie einer Novelle bzw. ihrer Verfilmung, wiegen sie schwer. Besonders Klaus Buch weicht substanziell von der Novelle ab, wirkt weniger vortäuschend und ist offenbar tatsächlich erfolgreich. Und ob das deutlich versöhnlichere Ende des Films notwendig gewesen ist, kann man sich auch fragen. 

Trotz mancher fragwürdiger Entscheidung ist Ein fliehendes Pferd – die Begegnung mit selbigem, die „unerhörte Begebenheit“, findet sich natürlich auch im Film, hat allerdings nicht den Effekt wie in der Novelle – ein gelungener Film. Von allen vier Protagonisten hervorragend gespielt und ansprechend gefilmt, ist Rainer Kauffmans Film weit mehr als ein leichter Sommerfilm. Und zukünftige Generationen von Deutschschülern werden sich fraglos an Vergleichen zwischen Novelle und Film abarbeiten, deren Unterschiede und jeweiligen Stärken und Schwächen sich an dieser Literaturverfilmung emblematisch festmachen lassen.

 

Michael Meyns

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Martin Walser schrieb die Novelle „Ein fliehendes Pferd“ vor 30 Jahren. Regisseur Rainer Kaufmann hat sich zur Aufgabe gemacht, den Stoff aus einer Epoche, in der zwangsläufig etwas andere Vorstellungen und vor allem andere Wertvorstellungen herrschten, in die heutige Zeit zu übertragen. Das Wesen der Novelle, nämlich die Beschreibung des Zustandes einer Ehe und überhaupt einer menschlichen Gemeinschaft, ist dabei gut herübergerettet worden.

Helmut und Sabine Halm machen schon seit Jahren regelmäßig Urlaub am Bodensee. Sie sind seit langem verheiratet. Ihre Ehe ist alltäglich, routiniert, stumpf, abgenützt, „aneinander vorbei“. Helmut denkt nicht daran, noch mit seiner Frau zu schlafen, lieber streift er mit dem Fotoapparat durch das Ries, schaut den Rohrdommeln und den Ringschnabelenten zu. Der Urlaub ist nahezu ein Fiasko.

Da taucht mit seiner jungen Freundin Helene unverhofft Klaus Buch auf, ein früherer Schulkamerad von Helmut, den dieser jedoch seit 25 Jahren nicht gesehen hat. Während Helmut von Selbstzweifeln geplagt ist, sich oft missmutig und abweisend gibt und die Zurückgezogenheit befürwortet, ist Klaus das genaue Gegenteil: überspannt, aufdringlich, laut, pseudowitzig fast schon auf eine peinliche Art.

Helmut und Sabine kommen um die Gesellschaft von Klaus und Helene nicht herum: beim Segeln, beim Essen, beim Feiern, beim Tanzen. Es dauert nicht lange, bis Klaus Sabine nachstellt, und es dauert auch nicht lange, bis Helmut an Helene Gefallen findet. Die allerdings sieht dies alles distanziert und begreift es eher als Spiel.

Fast geschieht bei einem Segeltörn, den Klaus und Helmut gemeinsam unternehmen, ein großes Unglück – aber nur fast.

Es geht um das Thema, wie eine verkümmerte Ehe – von außen, etwa mit dem erotischen Eingreifen durch Klaus oder Helene – wieder zu beleben ist; wie die Midlife Crisis zu überwinden ist; was man überhaupt vom Leben zu erwarten hat; ob man es ein Leben lang miteinander aushalten kann.

Walsers zum Teil geistreiche Dialoge, die inneren Monologe der Novelle, die psychologische Differenzierung, die Schilderung der Individualität der vier handelnden Figuren, also der sich von einer passiven zu einer aktiven Person wandelnden Sabine, der vom unbedarften Mädchen zur leicht reiferen Frau werdenden Helene, des schwächlichen Helmut und des sich durch seine Sprüche und Lügen selbst betäubenden Klaus – das alles ist mit einigen Übertreibungen solide geschafft. Martin Walser selbst zeigt sich vom fertigen Film sehr angetan. Und das heißt schon etwas.

Mit dem Schauspielerquartett Ulrich Noethen (Helmut), Katja Riemann (Sabine), Ulrich Tukur (Klaus) und Petra Schmidt-Schaller (Helene) hatte man großes Glück. Sie alle spielen ihre sehr unterschiedlichen und fein nuancierten Parts einfach fabelhaft (sieht man davon ab, dass Tukur und Noethen in einigen Passagen etwas chargieren).

Alles in allem keine überragende, aber sehr brauchbare Verfilmung einer frühen Novelle von Martin Walser.

Thomas Engel