Flight

Im Zentrum von Robert Zemeckis Drama „Flight“ steht die außerordentliche Darstellung Denzel Washingtons als ebenso brillanter, wie alkohol- und drogensüchtiger Pilot. Um diese monolithische Darstellung hat Zemeckis ein dichtes Drama über Schuld und Verdrängung inszeniert, dass eine erstaunlich düstere Grundstimmung anschlägt und bis zum Ende beibehält.

Webseite: www.flight.studiocanal.de

USA 2012
Regie: Robert Zemeckis
Buch: John Gatins
Darsteller: Denzel Washington, Kelly Reilly, Bruce Greenwood, John Goodman, Don Cheadle, Nadine Velazquez
Länge: 138 Minuten
Verleih: Studio Canal
Kinostart: 24. Januar 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Filme über Sucht sind bei amerikanischen Schauspielern höchst beliebte Vehikel, ihr Können zu beweisen und Preise zu gewinnen. So ist Robert Zemeckis bemerkenswertes Drama „Flight“ nicht zuletzt eine schauspielerische Tour de Force Denzel Washingtons. Als Pilot Whip Whitaker spielt Washington eine faszinierende, komplexe Figur, einen schwer alkoholsüchtigen, koksenden, kiffenden Mann, der gleichzeitig ein brillanter Pilot ist. Mit wenigen Szenen werden die Extreme diese Charakters angedeutet: In einem Hotelzimmer wacht Whip auf, leere Flaschen, volle Aschenbecher, eine nackte Frau deuten das Gelage der vergangenen Nacht an. Seine Gespielin ist Trina, gleichzeitig Stewardess, die Whip daran erinnert, dass sie in zwei Stunden abheben. Eine Nase Koks später schwebt Whip durch die Gänge des Hotels, nichts könnte sein Selbstvertrauen schmälern.

Genau dieses Selbstvertrauen erlaubt es Whip etwas später, die Ruhe zu bewahren, als das von ihm gesteuerte Flugzeug mit 102 Menschen an Bord in schwere Turbulenzen gerät. Die Mechanik hat versagt und nur mit einem ebenso halsbrecherischem wie brillanten Manöver gelingt es Whip, die drohende Katastrophe zu verhindern. Dennoch sind sechs Menschen ums Leben gekommen, darunter Whips Geliebte Trina. Ein Schuldiger muss her, jemand muss Verantwortung übernehmen und auch wenn Whip der Held des Tages ist – und der Film lässt keinen Zweifel daran, dass er durch seine fliegerischen Fähigkeiten die Katastrophe verhindert hat – stand er zum Zeitpunkt des Absturzes doch unter Drogen. Und so droht ihm eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung und einer möglicherweise lebenslangen Haftstrafe.

Dass ist die Ausgangssituation von „Flight“, die für einen Hollywoodfilm bemerkenswert düster ist und ein konventionelles Happy End von Anfang an ausschließt. Im von Spezialeffekten und plakativen Geschichten geprägten zeitgenössischen Mainstream-Kino ist ein Film wie „Flight“, der ganz um Charaktere gebaut ist, mehr an Menschen als an Explosionen interessiert ist, eine Rarität. Denn eigentlich macht „Flight“ über zwei Stunden nichts anderes, als Whip Whitaker bei seiner fortwährenden Selbstverleugnung zu beobachten. Noch im Krankenhaus bestellt er seinen Dealer ein (John Goodman in einer kleinen, prägnanten Rolle), kauft auf dem Weg nach Hause alkoholischen Nachschub und weigert sich lange zu akzeptieren, dass er ein Problem hat. Jeder Schritt vorwärts, jeder Versuch, dem Alkohol zu entsagen, folgt unweigerlich der Rückfall. Egal ob es eine junge, ebenfalls süchtige Frau ist, die für kurze Zeit ein Rettungsanker zu sein scheint, oder ein befreundeter Pilot, Whip ist zu sehr von sich selbst überzeugt, um Hilfe dauerhaft anzunehmen.

Schön ist das nicht immer, aber immer faszinierend zu beobachten, zumal es Washington gelingt, ohne manieriertes Schauspiel die ganze Komplexität seiner Figur zu vermitteln. Und hier erweist sich Zemeckis als angenehm klassischer Regisseur, der nicht meint, alle zwei Sekunden einen Schnitt setzen zu müssen, sondern seinem Hauptdarsteller viel Raum zur Entfaltung gibt: In langen Einstellung erlaubt er es dem Zuschauer Whips Gesicht zu beobachten, die zitternden Lippen, die nervösen Augen, die langsam zunehmende Perspiration, die Bemühungen, die Contenance zu bewahren. Dass auf dem Weg zur finalen Katharsis immer wieder Gott ins Spiel gebracht wird, der Absturz bisweilen gar zum Zeichen von oben stilisiert wird, mag man kritisieren, doch auch solche religiös verbrämten Momente können die Kraft von „Flight“ kaum schmälern. Mit einer grandiosen schauspielerischen Leistung im Mittelpunkt, ist Robert Zemeckis ein bemerkenswerter Film gelungen, der allein durch seine erwachsene Herangehensweise an ein erwachsenes Thema aus der Masse der Hollywood-Produktionen herausragt.

Michael Meyns

Whip Whitaker ist Pilot – ein guter Pilot. Aber er hat auch ein Problem: Alkohol und Drogen begleiten ihn täglich. Irgendwann muss das zu einem Clash führen.

Ein Routineflug. 102 Menschen an Bord. Plötzlich ein Unwetter. Whip muss die Maschine in eine ungewöhnliche, gefährliche Höhe zwingen, um aus den schweren Turbulenzen herauszukommen. Schadet das der Technik? Oder ist Whip nicht ganz nüchtern? Vielleicht ist es auch eine fliegerische Großtat.

Das Schlimmste scheint vorbei zu sein. Dann stellen sich kurz danach doch schwere technische Defekte ein. Die Steuerungs- und Kontrollsysteme funktionieren nicht mehr, wichtige Teile verklemmen, das Flugzeug trudelt, gerät in den Sturzflug.

Eine Katastrophe. Kein Flugplatz weit und breit. Treibstoff muss abgelassen werden. Whitaker dreht die Maschine um, damit sie nicht auf ein Wohngebiet stürzt; rücklings gleitet sie der Erde zu. Panik an Bord. Dann in letzter Minute ein freies Feld. Notlandung. Sechs Menschen sterben, alle übrigen werden gerettet.

Die Medien sprechen von einer Heldentat. Denn hätte Whitaker anders gehandelt, wären alle umgekommen.

Die Untersuchungen verlaufen indes anders als die Medienberichte. Liegt die Ursache des Unglücks in der Technik? In der mangelnden Wartung? Beim Piloten? Am Alkohol? Die Begutachtung begünstigt schließlich Whitaker – doch der ist am Ende Manns genug zu bekennen, dass er Schuld hat, weil er praktisch nie ohne Alkoholeinfluss war.

Ein Zemeckis-Film von hoher Qualität. Thematisch nicht unwichtig und glänzend dramatisiert. Die spannende und technisch plausible Darstellung der Katastrophe; der psychische Zustand Whitakers, seine Selbsttäuschung, seine Lügengebäude, seine anfängliche Flucht aus der Verantwortung; sein enges aber labiles Verhältnis zur geliebten Nicole, die den Entzug bereits hinter sich hat; die Versuche der Freunde und des Anwalts, Whip Whitaker zu retten; der moralisch einwandfreie Ausgang der Geschichte – das alles passt.

Denzel Washington (Whip), der hier ungeheuer beeindruckt, entwickelt sich zu einem der besten Schauspieler Hollywoods. Doch auch Don Cheadle (Anwalt), Kelly Reilly (Nicole), John Goodman (Freund), Bruce Greenwood (Freund) oder James Badge Dale (Krebskranker Mann – er liefert ein Kabinettstückchen ab) und andere agieren auf hohem Niveau.

Ein Psycho-, Katastrophen- und Alkoholikerdrama von Rang.

Thomas Engel