Ein griechischer Sommer

Das Stichwort Griechenland liefert derzeit ja nicht gerade rühmliche Assoziationen, bei Sommer stellt man sich große Hitze vor, aber auch idyllisch im Meer gelegene Inselchen. Auf einem solchen Eiland spielt dieser vom Franzosen Oliver Horlait mit internationaler Besetzung für die Leinwand adaptierte Jugendroman (Originaltitel: Nicostratos). Er erzählt von der Freundschaft eines Jungen zu einem Pelikan und dem kurzzeitigen Segen, den der Wasservogel über ein verschlafenes Inseldörfchen bringt. Emir Kusturica spielt in diesem märchenhaften, von Familie und Zusammenhalt handelnden Sommerfilm einen mürrischen Fischers und Ziegenhirten. Griechenlands Krise schwingt trotz allem im Subtext ständig mit.

Webseite: www.ein-griechischer-sommer.de

(Originaltitel: Nicostratos)
Griechenland/Frankreich 2011
Regie: Olivier Horlait
Mit Emir Kusturica, Thibault Le Guellec, Francois-Xavier Demaison, Jade-Rose Parker, Gennadios Patsis, Valériane de Villeneuve, Ntinos Pontikoloulos u.a.
95 Minuten
Verleih: Neue Visionen (Start am 11.10.2012)

PRESSESTIMMEN:

Eine einfache Geschichte, aber mit so viel Witz, Charme und griechischer Fröhlichkeit, dass man am liebsten sofort das nächste Flugticket buchen möchte.
Cinema

FILMKRITIK:

„Manche Prüfungen entzweien, manche vereinen“, heißt es am Ende dieser parabelhaften Sommergeschichte. Der Franzose Eric Boisset hat sie nach einer Reise durch Griechenland aufgeschrieben, nachdem ihm ein Junge aufgefallen war, der mit einem Pelikan auf Tour durch Urlaubsorte ging und sich damit ein Taschengeld verdiente. Weil beim Stichwort Griechenland aktuell immer auch gleich die Finanzkrise assoziiert wird, erwartet man freilich diesbezüglich selbst in einem Kinder- und Jugendfilm Kommentare zur Situation. Und ja, auch wenn die Krise selbst nicht das Thema ist, ein paar Verweise zur aktuellen Misere lassen sich durchaus finden.

Primär aber handelt „Ein griechischer Sommer“ von einer Freundschaft zwischen Mensch und Tier, wobei es diesmal weder Hund noch Pferd sind, sondern ein Pelikan. Der 14-jährige Yannis (Thibault Le Guellec) entdeckt den kranken Vogel, als er im Auftrag seines Vaters schwarzgebrannten Raki an Bord eines im Hafen liegenden Schiffes ausliefert (wer mag, kann darauf gerne einen Kommentar auf die auf See lauernden Gefahren durch betrunkene Kapitäne sehen). Allerdings muss Yannis für den zerzausten Pelikan das ihm von seiner verstorbenen Mutter vermachte Kreuzamulett eintauschen. Womit er nun gleich zwei Dinge vor seinem stets mürrischen Vater (Emir Kusturica als glaubhaft den zurückgezogen lebenden und leidenden Mittelmeermenschen spielend) verbergen muss: den maladen Vogel und das nun anstelle des Erbstücks um seinen Hals baumelnde Holzkreuz.

Für das verschlafene Fischerdorf auf der (fiktiven) Ägäisinsel Zora freilich ist der bald genesene und wieder flugtaugliche Pelikan indes ein Glücksfall. Yannis nämlich lässt sich vom Kneipenwirt Aristoteles überreden, mit dem Pelikan für Fotos der Touristen zu posieren. Dem Fremdenverkehr jedenfalls tut diese kleine Attraktion mehr als gut, das Geschäft der flugs auf „Nicostratos“ umgetauften Dorftaverne läuft prächtig. So lange, bis der Pelikan durch einen Unfall verletzt wird und somit die Insel ihre Hauptattraktion wieder verloren hat – würde nicht doch noch ein Wunder geschehen. Klar ist: das Wunder, es wird kommen – und mit ihm auch die Versöhnung zwischen Vater und Sohn.

„Ein griechischer Sommer“ lebt freilich nicht nur von der recht simpel gestrickten Geschichte des Waisenknaben und seines missgelaunten Vaters, bzw. der sich anbahnenden Freundschaft zum offenherzig auftretenden Stadtmädchen Angeliki. Am Rande sorgt noch eine ganze Schar skurriler Figuren für gute Laune, angefangen bei der orthodoxen Priestergemeinschaft, zerstrittenen Familien und dem Dorfwirt. Dass er seine während der Ferien im Lokal als Bedienung mithelfende Nichte Angeliki (lebhaft, optimistisch, eigensinnig und charmant: Jade-Rose Parker) schwarz beschäftigt, ist zugleich auch ein direkter Kommentar auf die Wirtschaftskrise in Griechenland: warum sie Steuern für die Staatskasse zahlen lassen, argumentiert er, besser sei doch, wenn das Geld auf diese Weise in der Familie bleibe. Ansonsten wird die Krise aber auch durch mangelnde Kaufbereitschaft auf dem Wochenmarkt, dürftig ausfallende Fischfänge und ausbleibende Touristen deutlich.

Nicht geknausert freilich wird in dieser immer wieder mit komischen Momenten aufwartenden wie auch von Nachdenklichkeit und Selbstzweifeln bestimmten Geschichte mit gekonnt ins Bild gesetzten schönen Aufnahmen vom blauen Meer, paradiesischen Orten auf der Insel sowie den pittoresken griechischen Landschaften und Dörfern. Letztlich machen diese Kulissen diesen rührenden Familienfilm erst zu dem, was der Filmtitel verspricht. Und die Prüfung, die Vater und Sohn über sich ergehen lassen müssen, wird sie am Ende wieder zusammenschweißen.

Thomas Volkmann