Ein ruhiges Leben

Im Kino, darauf kann man wetten, holen die Geister der Vergangenheit noch jeden ein. In seinem souverän inszenierten Familien-Mafia-Drama „Ein ruhiges Leben“ erzählt Claudio Cupellini davon, wie die Verbrechen von damals die Gegenwart vergiften – anrührend, hoch spannend und letztlich zutiefst pessimistisch.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland/Italien/Frankreich 2010
Regie: Claudio Cupellini
Buch: Filippo Gravino, Guido Iuculano, Claudio Cupellini
Darsteller: Toni Servillo, Juliane Köhler, Marco D’Amore, Francesco Di Leva, Alice Dwyer
Filmlänge: 105 Minuten
Verleih: farbfilm verleih
Kinostart: 24. Mai 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

In aller Ruhe geht ein Mann in seinem Garten von Baum zu Baum. In jeden der Stämme hämmert er ein paar rostige Nägel, mit einem Gesichtsausdruck, in dem viel Sanftmut ist, vielleicht aber auch ein wenig Resignation oder Langeweile. Denn dieser Mann, der das Töten einmal gewohnt war, erzählt später in der Küche einem Neuankömmling davon, dass er gerne die Terrasse seines Restaurants erweitern würde. Und dass man hier in Deutschland keine Bäume fällen dürfe, die gesund sind.

So nahe zusammen liegen für Rosario Idylle, Spießertum und der lange, dunkle Schatten seiner verbrecherischen Vergangenheit. Er hat sich abgesetzt in die rheinhessische Provinz, hat eine Familie gegründet mit seiner Frau Renate und dem gemeinsamen Sohn Mathias. „Ein ruhiges Leben“ hat er sich gewünscht, dort, wo die Frauen noch Renate und Doris heißen und nicht Jacqueline oder Fabienne und wo ein Geschäftsführer jeden Tag mit dem Fahrrad unter einer schäbigen Eisenbahnbrücke hindurch zur Arbeit in der Müllverbrennungsanlage fährt.

Neapel, die Camorra, sie scheinen von hier aus auf einem anderen Planeten zu liegen. Claudio Cupellini hatte keine große Mafia-Oper im Sinn, sondern eine kleine, beinahe intime Familiengeschichte, angesiedelt in größtmöglicher Abgeschiedenheit von all dem Glamour und dem Schmutz, von der Verführung und Verruchtheit der großen weiten Welt.

Doch dann stehen auf einmal zwei junge Kerle vor Rosarios Tür, der eine von ihnen, so entfaltet es sich behutsam im Laufe der Geschichte, ist sein Sohn, den er vor 15 Jahren in Italien zurückließ. Damit beginnt für Rosario eine Zerreißprobe, denn Diego hat denselben Weg eingeschlagen wie seinerzeit sein Vater, und er ist mit einem Auftrag nach Deutschland gekommen. Und für Rosario ist alles in Gefahr: sein Geheimnis, seine neue Existenz und womöglich das Leben seiner Familie.

Die Behutsamkeit, mit der Cupellini ein verlogenes Idyll seziert, hat nichts Reißerisches an sich, die Vergangenheit bricht nicht mit einem Paukenschlag in Rosarios Leben ein und es gibt kein alt gewordenes Monster, das unter dem melancholischen, erschöpft wirkenden Gesicht von Toni Servillo, der als „Il Divo“ in Paolo Sorrentinos Andreotti-Film alle Mafia-Vorwürfe noch mit einem gelangweilten Stoizismus an sich abprallen ließ, zu enthüllen wäre.

Vielmehr steckt im bewussten Bruch mit den epischen Genre-Konventionen ein sehr intelligentes Kalkül, das aufgeht, gerade weil es um die Standards des Mafia-Films weiß und darauf setzt, dass die Zuschauer dies ebenso tun. Es gibt eine leichte Verschiebung im Gefüge der Welt, als alle Beteiligten ihre Karten auf den Tisch gelegt haben, zu gering, um Feuer und Blut regnen zu lassen, aber stark genug, um jede Szene mit einer unterschwelligen Spannung zu unterlegen, einem Suspense im klassischen Hitchcockschen Sinne. Wer einmal gesehen hat, wie das Kino die Verhältnisse von Nähe und Gewalt, von Lüge und Mord innerhalb der ehrenwerten Familie beschreibt, den beschleicht eine Ahnung bei jedem scheinbar harmonischen Abendessen, das fortan zu sehen ist, bei jedem lockeren Gespräch, bei jedem entspannten Spaziergang.

Sicher, der Film verschenkt die eine oder andere Möglichkeit, seine Geschichte zu einem zügigeren und dennoch nicht weniger kraftvollen Ende zu bringen, und die Frauenfiguren, allen voran Juliane Köhlers Renate, drängt er immer wieder arg an den Rand – aber, wir wissen es nicht erst seit Scorsese, die Mafia ist eben doch eine ziemliche Männergesellschaft. Und in den stärksten Momenten erzählt Cupellini von den Menschen in diesen Mördern.

Tim Slagman

Rosario lebt mit seiner Frau Renate und dem kleinen Matthias in der Nähe von Darmstadt ein „ruhiges Leben“. Scheinbar. Sie betreiben ein Hotelrestaurant. Eines Abends tauchen während eines Festessens die Italiener Diego und Edoardo auf. Sie werden einige Tage bleiben, wohnen im Hotel.

Rosario wird unruhig. Er ahnt nichts Gutes. Diego, so stellt sich heraus, ist sein Sohn. Vor vielen Jahren „arbeitete“ Rosario als Mafia-Auftragskiller. Viele Tote gehen auf sein Konto.

Dann floh er aus Italien, ließ Frau und Kind zurück, galt als tot. In Wirklichkeit baute er sich in Deutschland eine neue Existenz auf.

Diego und Edoardo haben einen Mordauftrag. Es geht um illegale Müllentsorgung, bei der die Mafia die Hand im Spiel hat. Edoardo begeht den Mord. Rosario wird ungewollt Zeuge. Aber dass mit Rosario eventuell etwas nicht stimmen kann, bemerkt Edoardo. Es kommt zur Auseinandersetzung zwischen Rosario und Diegos Kumpan, der letzterer zum Opfer fällt.

Inzwischen ist der Mafia in Italien bekannt, dass Rosario noch lebt. Zwei Bosse tauchen auf. Offenbar steht eine Abrechnung an. Die Ereignisse überschlagen sich jetzt. Es kommt zu einer Verfolgung, zu einer Schießerei, zur Entführung von Matthias, zu Diegos Tod, zur Rettung von Matthias, zu Rosarios Flucht.

Wird er sich stellen?

Die Themen: Doppelleben, Mafiamorde, illegale Müllverschiebung, Zerstörung eines Familienlebens. Daraus machten die Autoren und der Regisseur einen spannenden Krimi, durchaus mit einem moralischen Hintergedanken. Stil und Atmosphäre sind, dem Thema angepasst, düster, regnerisch, oft unheimlich. Gespielt wird von allen hervorragend. Zu den männlichen italienischen Darstellern gesellten sich von deutscher Seite auch Juliane Köhler und Alice Dwyer.

Thomas Engel