Ein Tick anders

Eigentlich ist Eva ein ganz normaler Teenager, lebt mit ihren Eltern in einer Kleinstadt und ist zufrieden. Ihr einziges Problem ist, dass sie am Tourette-Syndrom leidet, das zu unkontrollierbaren Beschimpfungen ihrer Mitmenschen führt. Doch eigentlich soll es in Andi Rogenhagens Debütfilm „Ein Tick anders“ gar nicht um diese Krankheit gehen, sondern um Evas Suche nach einem Platz in der Welt und die Frage, ob nicht alle Menschen auf ihre Weise einen Tick haben.

Webseite: www.eintickanders.de

Deutschland 2010
Regie, Buch: Andi Rogenhagen
Darsteller: Jasna Fritzi Bauer, Waldemar Kobus, Victoria Trauttmansdorff, Stefan Kurt, Renate Delfs, Nora Tschirner
Länge: 85 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 7. Juli 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Vor ein paar Wochen erst gewann mit „Vincent will Meer“ ein Film über einen Tourette-Kranken den Deutschen Filmpreis, nun kommt mit „Ein Tick anders“ ein weiterer deutscher Film ins Kino, der sich der seltenen Krankheit bedient. Während Ralf Huettner in seinem Film aber einen eher dramatischen Ton wählte, benutzt Andi Rogenhagen das Tourette-Syndrom für komödiantische Zwecke und ignoriert die dramatischen Folgen der Krankheit weitestgehend.

Meistens stört ihre Krankheit die Teenagerin Eva (Jasna Fritzi Bauer) gar nicht. Zum einen, weil sie ihre Zeit ohnehin vor allem allein im Wald verbringt, sich mit Eidechsen unterhält und fremden Menschen möglichst aus dem Weg geht. Zum anderen weil ihre Familie ihre Krankheit nicht nur sehr gelassen hinnimmt, sondern alle Familienmitglieder auf ihre Weise komisch sind. Der Vater ist die Ruhe selbst und arbeitet als Autoverkäufer, die Mutter befindet sich im Dauer-Kaufrausch und sagt zu keinem esoterischen Schnickschnack Nein, der Onkel ist kleinkriminell und versucht mehr schlecht und recht eine Band auf die Beine zu stellen, und die Oma malt Blätter an und möchte eigentlich nur in Ruhe gelassen werden und sterben.

Eines Tages aber droht Evas Leben aus den Fugen zu geraten: Der Vater wird entlassen. Ein neuer Job ist zwar schnell gefunden, doch für den müsste die Familie umziehen und zwar nach Berlin. Und mit ihrer Krankheit in diesen Menschenmassen zu leben, kann sich Eva beim besten Willen nicht vorstellen. Sie beginnt alle Hebel in Bewegung zu setzen, um möglichst schnell Geld aufzutreiben und den Umzug zu verhindern. Und so beschließt sie, mit ihrem Onkel die örtliche Bank zu überfallen.

Man merkt schnell, dass es Andi Rogenhagen nicht darum geht, einen Film über eine am Tourette-Syndrom leidende junge Frau zu drehen. Die punktuellen Ausbrüche der Krankheit, die sich hier vor allem in körperlichen Zuckungen und wüsten Schimpftiraden zeigen, werden vor allem als komödiantisches Mittel eingesetzt. Das Evas Familie und ihre Umwelt so entspannt mit der Krankheit umgehen, sorgt so einerseits für amüsante Momente, da Evas Schimpfanfälle einfach ignoriert werden, so heftig sie für den Außenstehenden auch wirken. Andererseits wird das Tourette-Syndrom dadurch sehr bald zum bloßen dramaturgischen Mittel, dass eigentlich keine Rolle für die Figuren und die Handlung spielt, aber immer dann aus dem Hut gezaubert wird, wenn es das Drehbuch verlangt. So bewegt sich „Ein Tick anders“ mit guten Schauspielern und viel Situationskomik im Tonfall etwas unentschlossen auf sein Happy End zu. Ob er eine überdrehte Komödie, eine Satire oder doch eher ein Familienfilm sein will, lässt sich auch dann noch nicht eindeutig sagen.

Michael Meyns

Eva leidet am Tourette-Syndrom. Die Krankheit produziert Ticks, die lustig sein, aber auch nach hinten losgehen können. Nicht selten sind Obszönitäten, Beleidigungen oder der Hitler-Gruß mit dabei.

Deshalb tut sich Eva mit der Außenwelt schwer. Sie kapselt sich oft ab, radelt allein durch den Wald, ist relativ einsam. Und doch muss die junge Frau natürlich ihr Leben meistern.
Eine gute Stütze hat sie bei ihrer angeblich öfter auf den Tod wartenden Oma, bei der sie ausrasten und alles tun kann, was sie will, ebenso bei ihrem Onkel, dem Musiker Bernie, der menschlich bessere Qualitäten aufweist, als seine Musik dies kann.

Es passiert noch einiges: die Arbeitslosigkeit des Unterstützung bedürfenden Vaters, dem der kriminelle Bankdirektor Kühne einen Kredit verweigert; die eigene Jobsuche, die in die Hosen geht, weil krankheitsbedingt Eva ihre potentiellen Arbeitgeber anpöbelt; die Teilnahme an einer Casting Show, um reich und berühmt zu werden, was ebenfalls misslingt, weil Evas Auftritt die Jury schockiert und weil der dazu gehörige von Bernie komponierte Song mit dem Titel „Arschlicht“ auch nicht gerade die feine Art darstellt; der unbeliebte Umzug nach Berlin; der Plan, Kühnes Bank zu überfallen, was mit dem Auffinden einer Tasche voller Schwarzgeld endet, weshalb wieder mit der Verfolgung durch den zu allem entschlossenen Kühne zu rechnen ist.

Der Film ist als irrwitzig, schräg und warmherzig-liebenswürdig gedacht. Gelungen ist dies nur zum Teil.

Beachtlich vor allem eines: Die Art und Weise wie die noch sehr junge Jasna Fritzi Bauer die am Tourette-Syndrom leidende Eva umsetzt, ist das, was man schon künstlerisch nennen kann.

Thomas Engel