Ein verborgenes Leben

Kaum ein Film wurde im Wettbewerb von Cannes gespannter erwartet als Terrence Malicks „Ein verborgenes Leben“, vor drei Jahren gedreht, seitdem in einer endlos erscheinenden Postproduktion und als Rückkehr zum konventionelleren Kino angekündigt. Dass ist das dreistündige Epos über einen österreichischen Kriegsverweigerer jedoch nicht, sondern ein visuell überwältigender, philosophisch komplexer Film über Glaube, Zweifel und das eigene Gewissen.

Webseite: www.pandorafilm.de

A Hidden Life
USA 2019
Regie & Regie: Terrence Malick
Darsteller: August Diehl, Valerie Pachner, Bruno Ganz, Karl Markovics, Alexander Fehling, Franz Rogowski, Martin Wuttke, Ulrich Matthes, Michael Nyqvist, Matthias Schonaerts, Tobias Moretti, Sophie Rois
Länge: 173 Minuten
Verleih: Pandora
Kinostart: Herbst 2019

FILMKRITIK:

Bis weit nach Ende des Zweiten Weltkriegs war die Geschichte, war das Schicksal von Franz Jägerstätter praktisch unbekannt. Erst in den 60ern erschien das erste Buch über den Österreicher, der sich weigerte als Soldat einen Eid auf Adolf Hitler zu schwören und dafür 1943 wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Im Laufe der Jahre wuchs der Ruf Jägerstätters, Filme wurden über ihn gedreht, er inspirierte unter anderem Daniel Ellsberg zum Protest gegen den Vietnamkrieg und der Veröffentlichung der Pentagon Papers und wurde 2007 selig gesprochen.
 
„Wir schwebten über den Wolken“ sagt August Diehl als Jägerstätter ganz zu Beginn des Films, wenn er in einer der typischen inneren Monologe Terrence Malicks, das Glück beschreibt, dass er zusammen mit seiner Frau Fani (Valerie Pachner) und den gemeinsamen Kindern lebt. Hoch in der Österreichischen Bergen, im kleinen Ort St. Radegund lebt das Paar ein geradezu paradiesisches Leben, bestellt die Felder, pflückt Obst, pflegt das Vieh. Kaum 60 Kilometer nördlich befindet sich der Obersalzberg, eines der Quartiere Hitlers, ein Kontrast, den Malick durch einige Dokumentaraufnahmen des Mannes andeutet, der Jägerstätters Glaubenskrise verursacht. Denn wie jeder Österreicher wird auch er einberufen, verweigert den Eid und wird zunächst, nachdem die Anfangserfolge des Deutschen Reichs ein schnelles Kriegsende erhoffen lassen, nach Hause geschickt. Doch jedes Mal, wenn der Postbote klingend am Haus vorbeifährt stockt Franz der Atem – und bald kommt tatsächlich der gefürchtete Brief. Der Krieg geht weiter, Franz muss wieder in die Kaserne nach Enns und steht vor einer folgenschweren Entscheidung: Soll er seinem Gewissen folgen und den Eid auf den Mann verweigern, den er als Teufel wahrnimmt? Oder soll er den Befehlen folgen und damit sein Leben retten?
 
Eine der Fragen, die Jägerstätter immer wieder gestellt bekommt, vom Dorfpfarrer, vom Bischof, von seinem Anwalt: Warum will er etwas tun, von dem niemand etwas weiß? Warum will er sein Leben hergeben, will das Leben seiner Frau und Kinder noch schwerer machen, wenn sein Akt des Widerstandes keinerlei Auswirkung haben wird? Eine Andeutung auf eine Antwort gibt Malick mit einem Zitat von George Elliot, dass dem Film seinen Titel gibt: „Das Wohl der Welt ist zum Teil abhängig von ahistorischen Taten…von Menschen, die verborgene Leben lebten und in unbekannten Gräbern liegen.“
 
Einfach ist es, Heroismus und Widerstand wie den der Mitglieder der Weißen Rose, von Georg Elser oder Oskar Schindler zu bewundern, auch zu verklären. Den stillen Akt des Muts eines Menschen wie Franz Jägerstätter in einem dreistündigen Film zu zeigen, ist jedoch etwas ganz anderes. Viel Zeit lässt sich Malick für diese Aufgabe, droht sich manchmal in der Schönheit seiner Bilder zu verlieren, findet aber immer wieder zu seinem größten Trumpf zurück: Dem Gesicht August Diehls.
 
In den Anfangsszenen spricht aus ihm – und dem von Valerie Pachner – das Glück einer überlebensgroßen Liebe. Später, wenn Jägerstätters im Gefängnis auf die Erfüllung seines Schicksals wartet, mit sich und seinem Gewissen ringt, wird Diehls Spiel immer zurückgenommener, bildet sein Gesicht die kaum vorstellbare Entscheidung ab, vor der er steht.
 
Auch wenn „Ein verborgenes Leben“ in ferner Vergangenheit spielt, ist es doch auch ein Film über das heute. Malick mag stets ein Regisseur gewesen sein, der mit filmischen Mitteln nach Transzendenz suchte, er war aber auch immer ein politischer Regisseur. Bedenkt man, in welcher Zeit dieser Film entstanden ist, in welchem Zustand sich gerade Amerika, aber auch viele andere Staaten der Welt befinden, ist es naheliegend, ihn auch auf die Gegenwart zu beziehen. Sich massenhaftem Widerstand anzuschließen ist leicht, dem eigenen Gewissen treu zu bleiben, schon viel schwieriger. Davon erzählt Terrence Malick in „Ein verborgenes Leben“, einem stilistisch und intellektuell überwältigenden Film.
 
Michael Meyns